Stand: 12.12.2016 09:58 Uhr  | Archiv

Was tun gegen Nitratbelastung im Grundwasser?

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Durch das Aufbringen von Gülle und Mineraldünger auf den Äckern wird das Grundwasser mit Nitrat belastet.

Der Bundestag befasst sich in dieser Woche mit dem Düngegesetz. Schärfere Regeln sollen dafür sorgen, dass Landwirte künftig ihre Äcker weniger und gezielter düngen. Denn: Zu viel Gülle und Mineraldünger auf den Feldern führen dazu, dass das Grundwasser in vielen Regionen in Norddeutschland mit Nitrat belastet ist.

Die Nitrat-Verunreinigung sorgt seit Jahren für Streit: Die EU-Kommission hat Deutschland deswegen vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Abgesehen von schärferen Regeln: Was können Landwirte jetzt schon tun, um das Grundwasser zu schützen? In der Reihe "NDR Info Perspektiven" benennen wir Probleme und zeigen Lösungsansätze auf.

Was ist Nitrat?

Nitrate sind Salze der Salpetersäure. Sie gehören zu den Hauptnährstoffen im Boden und werden durch Stickstoffverbindungen gebildet. Nitrat wird vor allem in Düngemitteln eingesetzt.

Wie schädlich ist Nitrat?

Nitrat ist ungiftig. Es kann aber vom Verdauungstrakt im Körper in gesundheitsschädliches Nitrit umgewandelt werden. Dadurch kann der Sauerstofftransport durch die roten Blutkörperchen gestört werden. Laut Bundesamt für Risikobewertung können durch Verbindungen mit Nitrit auch krebserregende Stoffe entstehen. Ein Krebsrisiko für den Menschen ist allerdings nicht erwiesen. Klar ist nur: Zu viel Nitrat beziehungsweise Nitrit ist insbesondere für Säuglinge gesundheitsgefährdend.

Wie kommt Nitrat ins Grundwasser?

Hauptsächlich durch Gülle und Düngemittel. Beispiel Gülle: In Gülle steckt Stickstoff, für die Pflanzen eigentlich ein wichtiger Nährstoff. Gelangt aber mehr Stickstoff in den Boden, als die Pflanze aufnehmen kann, sickert er durch das Regenwasser in Form von Nitrat schließlich ins Grundwasser.

Wie belastet ist unser Grundwasser?

Deutschlandweit wird der vorgeschriebene Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter an 28 Prozent der Messstellen überschritten. Regionen mit viel Geflügel, Rindern und Schweinen sind besonders betroffen, dazu gehört auch der Nordwesten von Niedersachsen. Dort fällt viel Gülle und Mist an. Das Grundwasser ist großflächig belastet.

Die Perspektive

Wie kann zu viel Nitrat im Grundwasser vermieden werden? Zum einen durch verschärfte Regelungen für  Landwirte, wie sie die neue Düngeverordnung vorsieht. Zum anderen können Landwirte aber auch jetzt schon eine Menge dazu beitragen. Einige Bauern versuchen bereits, zusammen mit Wasserschutzberatern, Lösungen für das Nitrat-Problem zu finden. NDR Info hat sich das im niedersächsischen Landkreis Grafschaft Bentheim einmal angeschaut.

Wasserschutzberater unterstützen Landwirte beim Gewässerschutz

Franz-Hermann Temmen beugt sich über Tabellen mit Phosphor- und Kalium-Werten im Boden: "Jürgen, dann brauchen wir erstmal für die Düngeplanung Deine Bodenuntersuchungsergebnisse. Wir müssen uns die Ergebnisse angucken, ob sie sich verändert haben, vielleicht sogar verbessert haben." Temmen ist Wasserschutzberater der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. An diesem Tag ist er zu Besuch bei Landwirt Jürgen Ruwen in der Nähe von Nordhorn. Temmen unterstützt den Landwirt darin, Getreide und Mais gewässerschonend zu düngen.

Düngen: Nur so viel wie nötig

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Landwirt Jürgen Ruwen aus der Nähe von Nordhorn in Niedersachsen passt auf, dass er seine Äcker nicht überdüngt.

Es geht um den gezielten und sparsamen Einsatz von Gülle und Mineraldünger, sagt Temmen: "Was bei uns eine Rolle spielt, ist, dass teilweise Mineraldünger zu viel eingesetzt werden, und Herr Ruwen ist einer, der sagt, ich setze Mineraldünger nur bedingt ein, nur in dem Maß, den die Pflanzen auch verwerten können."

Jürgen Ruwen führt einen Schweinemastbetrieb bei Nordhorn, der Betrieb befindet sich in einem Wasserschutzgebiet. 2.500 Mastschweine, dazu noch 130 Mastbullen - das ist Intensivtierhaltung. Auf 65 Hektar Ackerland baut er Mais und Getreide an.

Wohin mit der Schweinegülle?

Nicht nur der sparsame Einsatz von Mineraldünger ist wichtig. Die entscheidende Frage: Wohin mit der Gülle, die die Schweine von Jürgen Ruwen produzieren? "Jedes Jahr wird der durchschnittliche Viehbestand angeschaut, den wir in unseren Ställen gehalten haben, und danach wird berechnet, wie viel Kubikmeter Mastschweine-Gülle ich abzugeben habe, wie viel Kubikmeter nicht ordnungsgemäß auf unserem Betrieb verwertet werden können."

Die Gülle von 2.500 Schweinen ist mehr, als die eigenen Äcker vertragen. Gülle enthält Stickstoff - das ist wichtig für die Pflanzen. Zu viel davon aber können Getreide und Mais nicht aufnehmen. Der Überschuss gelangt durch das Regenwasser in Form von Nitrat ins Grundwasser. "Ein Schweinemastplatz produziert pro Jahr 1,5 Kubikmeter Gülle, also habe ich so gesehen 1.200 Schweine zu viel", rechnet Ruwen vor. Er gibt die überschüssige Gülle ab an Ackerbaubetriebe, die keine Tiere, dafür viel Flächen haben.

Güllebörsen vermitteln Kot und Mist

Dafür zahlt er etwa 9.000 Euro pro Jahr an den Agro-Vermittlungsdienst Emsland-Bentheim, eine Art Gülle-Börse, für die Arnold Bossmann arbeitet. "Wir alleine vermitteln schon 38.000 Tonnen Geflügelmist und um die 40.000 Kubikmeter Gülle außerhalb der Region Grafschaft Bentheim", erklärt er.

Mist und Kot werden von dort ins Emsland transportiert, nach Hameln, in die Region Hannover, sogar in die Müritz. Insgesamt fallen in Niedersachsen 60 Millionen Tonnen Gülle, Kot und Gärreste aus Biogasanlagen an - pro Jahr. Das führt dazu, dass das Grundwasser in vielen Regionen stark mit Nitrat belastet ist.

Nitratbelastung des Grundwassers sorgt Wasserversorger schon lange

Wasserversorger schlagen seit Langem Alarm, denn ein Großteil unseres Trinkwassers wird aus Grundwasser gewonnen. Um das Trinkwasser zu schützen, müssen die Versorger zum Teil erheblichen technischen Aufwand betreiben.

Ruwen: Gewässerschutz kostet

Ein Trecker verteilt Gülle auf einem Acker.

Nitrat im Grundwasser: Was tun?

NDR Info - NDR Info Perspektiven -

Was ist das Problem an Nitrat im Grundwasser? Und wie könnte es gelöst werden? Eine Erklärung und eine Reportage in der Reihe "NDR Info Perspektiven".

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Landwirt Jürgen Ruwen ist der Grundwasserschutz wichtig. Deswegen passt er auf, dass er seine Äcker nicht überdüngt. Außerdem baut er anstatt Mais mehr Getreide und andere Pflanzen im Wechsel an, das sorgt für gesündere Böden. Das alles kostet Geld, betont Ruwen. Und der regionale Wasserversorger gleicht nur einige Kosten für die Maßnahmen des Landwirts aus. "Es ist eine sehr enge Rechnung, und wir haben gerade eine große Krise überwunden in der Schweinemast, wo mir auch schon mal angst und bange wurde. Es ist auch so, je größer man wird, man kann viel gewinnen, man kann aber auch viel verlieren, das darf man nie vergessen. Und deswegen ist auch bei einer gewissen Größe Schluss."

Mit seinen 2.500 Schweinen gehört Ruwen zu den mittleren Betrieben in der Region. Aber mehr Schweine würden eben noch mehr Gülle bedeuten - und damit noch mehr Kosten für die Entsorgung.

Tagesschau.de
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Gülle im Glas

Das Grundwasser in Deutschland ist immer stärker mit Nitrat belastet - und gefährdet damit auch das Trinkwasser. Das belegen Zahlen, die NDR und WDR vorliegen. Mehr bei tagesschau.de. extern

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NDR Info | NDR Info Perspektiven | 12.12.2016 | 06:20 Uhr

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