Stand: 19.09.2020 16:13 Uhr

Wetterextreme und Krankheiten: Kastanien leiden

von Ina Lebedjew

Viele Kastanien in Alleen, Parks und Gärten in Mecklenburg-Vorpommern sehen schon seit Wochen krank und welk aus. Buntes Herbstlaub wird es vielerorts nicht mehr geben. Ein Grund: der Befall mit der Rosskastanien-Miniermotte. Ihre Larven fressen sich durch die Blätter, wie Alleenschutzexpertin Katharina Dujesiefken vom Bund für Umwelt und Naturschutz MV (BUND) erklärt: "Die Larven verpuppen sich und aus diesen Puppen entsteht der Falter. Jeder Falter legt wiederum 40 Eier, nach 20 Tagen schlüpfen dann wieder neue Larven. In guten Sommern haben wir diesen Zyklus vier Mal. So dass wir eine halbe Million Larven und Falter an einem einzigen Baum haben."

Expertin: Nur Laub aufsammeln hilft

Zwar sind die Bäume durch die Rosskastanien-Miniermotte nur geschwächt und müssen nicht gefällt werden. Viel dagegen tun könne man aber trotzdem nicht, so Katharina Dujesiefken. "Die Puppen überwintern im Laub. Das Einzige, was wirklich hilft, ist daher Laub sammeln. Das kann man natürlich in der Allee nicht machen. Das kann man im Park machen oder im Biergarten, wenn da so eine große Rosskastanie steht mit der herrlichen Krone. Also, die ist dort jetzt meistens auch noch herrlich - daran sieht man es auch wirklich, es wirkt: Man muss das Laub abharken, auffegen und heiß kompostieren oder verbrennen, dann hat man Erfolg. Ansonsten sieht man eben die Kastanien, wie sie jetzt schon seit August kahl dastehen."

Einzelne Äste könnten schneller brechen

Dennoch, erklärt die Alleenexpertin weiter, hinterlasse die Rosskastanien-Miniermotte auf lange Sicht Spuren an den Bäumen im Land: "Es gehen der Rosskastanie zwei Monate Vegetationszeit verloren. Und das jetzt schon seit knapp 30 Jahren. Das macht natürlich was mit dem Baum. Durch so eine Schwächung können dann eben auch einzelne Äste oder Kronenteile eher brechen."

Bakterium lässt Rosskastanien sterben

Die Rosskastanien-Miniermotte macht den Baum zudem anfälliger für andere Krankheiten. Wie Pseudomonas zum Beispiel, ein Bakterium, das den Kastanien seit Jahrzehnten zu schaffen macht. Es lässt die Rinde aufbrechen und absterben - der Baum ist dann nicht mehr geschützt, neue Krankheitserreger breiten sich aus - Baumpilze zum Beispiel, sagt die Alleenexpertin: "Und dann ist der ganze Baum voll, wenn er eben mit diesen Pilzen befallen ist. Am Stamm, die Krone. Also wirklich ein massenhaftes Auftreten. Wenn man solch ein Bild im Winter hat, dann ist für die Rosskastanie keine Rettung mehr da." Daher sprechen Fachleute auch vom Rosskastaniensterben.

Wetterextreme machen Bäumen zusätzlich zu schaffen

Im Moment sind die Experten besorgt, weil für die Kastanien gerade Einiges zusammenkommt. Vor allem für Straßenbäume, sagt Karsten Kriedemann, Ökologe und Baumgutachter aus Schwerin: "Diese Klima- und Wetterextreme, die wir jetzt die letzten drei Jahre hatten, 2017 hatten wir ein ganz feuchtes Jahr, da standen die Äcker unter Wasser, 2018 und 2019 hatten wir extreme Dürreperioden. Jetzt wird überall Breitband verlegt, überall entstehen Eingriffe in den Lebensraum Baum und dann haben Krankheiten auch ein Leichtes, sich auszubreiten, wenn die Bäume schon vorgeschädigt sind."

BUND: Viele Bäume abgestorben, wenige gepflanzt

Zwar beobachten die Experten auch, dass es immer wieder resistente Bäume gibt, die einfach gesund bleiben. Trotzdem, die meisten Kastanien haben erstmal weiter viel auszuhalten. Jede einzelne, alte Kastanie, sagen die Fachleute einhellig, ist von großem Wert, als Biotop für Vögel, Fledermäuse und Insekten. Die Bäume produzieren Sauerstoff, filtern Feinstaub, spenden Schatten in der Landschaft. Viele Kastanien sind laut Bund für Umwelt und Naturschutz in den vergangenen Jahren abgestorben, wenige wurden nachgepflanzt. Und: Wegen einer neuen Verordnung im Bundesnaturschutzgesetz streiten Fachleute im Moment auch noch darüber, ob in Zukunft überhaupt weiter Kastanien gepflanzt werden dürfen. Wenn es so weitergeht, wird es bald mehr Lücken als Kastanien in den Alleen Mecklenburg-Vorpommerns geben.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 18.09.2020 | 18:40 Uhr

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