Weniger Frühchen in MV - weniger Einnahmen für Kliniken

Stand: 08.04.2021 11:34 Uhr

Weil im vergangenen Jahr in Mecklenburg-Vorpommern weniger Frühchen zu versorgen waren, fehlen den Krankenhäusern die entsprechende Einnahmen.

von Louisa Maria Carius, NDR 1 Radio MV

Moritz ist winzig, bunte Kabel winden sich um den kleinen Körper im Brutkasten, ein Schlauch verschwindet in seiner Nase. Moritz kam acht Wochen zu früh mit nur 1.210 Gramm zur Welt. Normal sind etwa 3.500 Gramm. Im Bauch seiner Mutter war er unterversorgt, Mitte März wurde er deswegen im Rostocker Südstadt Klinikum per Kaiserschnitt geholt und sofort auf die Kinderintensivstation gebracht, erzählt seine Mama Laura Hagemeister: "Das ist unser Glück, dass wir so eine gute Klinik vor der Tür haben. Da sind wir auch sehr froh drüber. Wir fühlen uns hier sehr gut aufgehoben, werden sehr gut betreut. Wir mögen alle Schwestern gerne und kommen eben auch selbst gerne jeden Tag hierher."

Personalintensive und teure Versorgung

Moritz hat in der Tat Glück: Die Rostocker Neonatologie ist ein so genanntes Perinatalzentrum Level 1. Hier können die kleinsten Patienten versorgt werden, extreme Frühchen, sehr kranke Kinder. Diese moderne und technisch aufwendige Versorgung ist allerdings personalintensiv und kostet viel Geld. Eine Kinderkrankenschwester kümmert sich oft nur um ein Kind. 33 Betten, 14 Intensivplätze stehen zur Verfügung, hochqualifiziertes Personal ist 24 Stunden am Tag bezahlt in Rufbereitschaft. Im deutschen Fallpauschalen-System wird aber nicht berücksichtigt, dass Personal, Technik, Betten und Medizin für den Notfall permanent bereitstehen. Es wird ausschließlich die erbrachte Leistung bezahlt. Weniger Frühchen heißt also weniger Geld.

Vorhaltekosten werden nicht berücksichtigt

Dr. Dirk Manfred Olbertz leitet die Neonatologie am Südstadt Klinikum Rostock.
Der leiter der Neonatologie in Rostocker Klinikum, Dr. Olbertz, wünscht sich eine Lösung zwischen Pauschalen und Pflegesätzen, wie sie früher üblich waren.

Dr. Dirk Manfred Olbertz leitet die Neonatologie am Südstadt Klinikum Rostock. Es gebe Phasen, sagt er, wo weniger Kinder auf der Station seien und weniger schwer kranke Kinder behandelt würden. "Trotzdem müssen wir das qualifizierte Personal vorhalten. Und das sind alles Kosten, die in diesem Entgeltsystem derzeit nicht adäquat widergespiegelt werden." Denn leere Betten bringen keine Einnahmen. Da müsse eine Lösung gefunden werden, die sich irgendwo bewege zwischen den tageseinheitlichen Pflegesätzen, wie es sie früher gab, und einem pauschalisierten Entgeltsystem, so Dr. Olbertz. "Die hohen Vorhaltekosten sind jedenfalls derzeit nicht finanziert. Das macht das große Problem der Finanzierung von Kinderkrankenhäusern insgesamt aus und führt auch dazu, dass Krankenhausträger die Kinder- und Jugendmedizin zurückfahren und damit die Versorgung gefährden - vor allem die flächendeckende Versorgung im Land."

Das Sterben der Kinderkliniken

Tatsächlich machen überall Kinderstationen dicht - bundesweit, aber auch in Mecklenburg-Vorpommern. Von einer Protestwelle begleitet schloss die Kinderstation 2016 in Wolgast ihre Türen, vor zwei Jahren traf es Parchim. Denn Kinderstationen bringen kein Geld, sie kosten Geld. Da Krankenhäuser meist privat geführt werden und die Besitzer Gewinn machen möchten, stoßen sie unrentable Stationen gerne ab. Hintergrund sind die so genannten DRGs - Diagnosis Related Groups, also Fallpauschalen. In einer DRG werden mehrere Diagnosen und Prozeduren, die einen vergleichbaren ökonomischen Aufwand haben, zu einer Gruppe zusammengefasst. Pro Diagnose gibt es eine bestimmte Summe - unabhängig von den tatsächlichen Kosten, dem tatsächlichen Aufwand, der bei Kindern deutlich höher ist als bei Erwachsenen. Kinder und Jugendliche seien nun mal keine kleinen Erwachsenen, ihre medizinische Versorgung koste mehr Geld, erläutert Dr. Olbertz. Trotzdem würden bei den DRGs Erwachsene und Kinder häufig gleichgesetzt. Lange Gespräche mit verunsicherten und verängstigten Eltern, eine zusätzliche Krankenschwester, die beim Blut abnehmen eines kleinen Kindes hilft – all das wird im DRG-System nicht abgebildet.

Kinderstationen bringen keinen Gewinn

Inzwischen gibt es in Wolgast und Parchim wieder ein eingeschränktes medizinisches Versorgungsangebot für Kinder, subventioniert vom Steuerzahler. Kleine Kinder- und Jugendstationen auf dem Land sind in der Regel nicht kostendeckend zu betreiben. Die Betreiber müssen sie mit den Einnahmen aus anderen, ertragreicheren Abteilungen, wie der Orthopädie, finanzieren. Große Krankenhäuser ziehen zum Beispiel Mittel aus der Kinderkardiologie oder der Neonatologie ab, um damit die Kinderstation zu fördern. Für die kostenintensive Versorgung von Frühchen oder herzkranken Kindern und Jugendlichen fehle das Geld dann, so Olbertz. Im vergangenen Jahr, in dem weniger Frühchen geboren wurden, ist die Neonatologie des Südstadt Klinikums in die roten Zahlen gerutscht. 400.000 Euro Verlust hat die Abteilung gemacht.

Problem erkannt - Lösung in Sicht?

Die Fallpauschalen spiegeln also die tatsächlichen Kosten in der Kindermedizin nicht wieder. Ministerpräsidentin Schwesig hat im vergangenen Jahr einen Anlauf unternommen, das DRG-System zu ändern. Gemeinsam mit Sachsen-Anhalt und Bremen hat sie einen Antrag in den Bundesrat eingebracht, mit dem Ziel, die Fallpauschalen in der Kinderheilkunde abzuschaffen. Seit knapp einem Dreivierteljahr ist aber nichts passiert. Der Antrag wurde an die Ausschüsse verwiesen - da liegt er jetzt. "Wir brauchen eine Mehrheit. Das heißt, auch andere Bundesländer, andere Ministerpräsidenten müssen die Initiative unterstützen", sagt Manuela Schwesig (SPD). Dafür werbe sie. Gerade in der Corona-Pandemie haben man gesehen, wie wichtig das Gesundheitssystem sei. "Und wenn es doch um die Kleinsten geht, um die Kinder und Jugendlichen, sollte das System definitiv besser ausfinanziert sein."

Gegenwind aus dem Land

Die Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern bestätigt zwar, dass die Fallpauschalen in der Kinderheilkunde die Kosten oft nicht decken, will aber dennoch an ihnen festhalten. "Wir müssen natürlich darüber diskutieren, ob es uns das als Gesellschaft nicht wert ist, im Bereich der Kinder- und Jugendheilkunde eine Ist-Kostenerstattung einzuführen, um unsere Kinderkliniken auch in der Fläche erhalten zu können", sagt Uwe Borchmann ist Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft im Land. Eine Zersplitterung der Finanzierung zwischen Erwachsenen- und Kindermedizin hält er aber für den falschen Weg. Er verursache nur noch mehr Verwaltungsaufwand und biete Streitpotential mit den Krankenkassen. "Eine bessere Finanzierung für die Kinder- und Jugendmedizin ist auch innerhalb des DRG-Systems möglich." Wie genau die aussehen könnte, sagt Borchmann allerdings nicht.

Hilfe für die Schwächsten

Frau hat Frühgeborenes auf der Brust, eine Pflegerin hilft ihr.
Eine gute Betreuung für zu früh geborene Kinder ist wichtig - Moritz und seine Mutter haben sich gut aufgehoben gefühlt.

Der kleine Moritz macht derweil gute Fortschritte und entwickelt sich blendend. Trotzdem wird er noch eine Weile im Krankenhaus bleiben müssen, professionell versorgt und umsorgt vom Team der Neonatologie. Seine Mutter schwärmt: "Es ist alles so sympathisch hier. Ich mag mein Kind gerne hierlassen." Am Ende könnte Moritz' Behandlung 80.000 Euro kosten. Hinzu kommt die Nachbetreuung, die auch die Klinik übernimmt. Der Chefarzt der Neonatologie, Dr. Olbertz, drängt weiter auf eine bessere Finanzierung seiner Station und der Kinder- und Jugendmedizin insgesamt. Damit Frühchen wie Moritz auch in Zukunft gute Startchancen haben.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 08.04.2021 | 16:00 Uhr

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