Vor Beginn der Revision: Der Fall Leonie - ein Jahr nach Prozess

Stand: 14.01.2021 11:18 Uhr

Ein Jahr nach dem Urteil gegen den Stiefvater des schwer misshandelten Mädchens Leonie aus Torgelow steht nun eine Revision an. Geklärt werden soll die Frage nach einem möglichen Vorsatz während der Misshandlungen.

von Claudia Krüger, NDR 1 Radio MV

Vor dem Landgericht Neubrandenburg beginnt am 19. Januar die Revision im Fall Leonie. Vor einem Jahr war der Stiefvater des Mädchens wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Neue Verhandlung nötig

Der Bundesgerichtshof hat das Urteil teilweise aufgehoben, nun muss neu verhandelt werden. Geklärt werden soll, ob der Angeklagte schon während der Misshandlungen den Vorsatz hatte, das Kind zu töten. Der Stiefvater war im ersten Prozess wegen Mordes durch Unterlassen verurteilt worden. Nach Auffassung des Gerichts hatte der damals 27-Jährige nicht rechtzeitig den Notarzt gerufen und damit den Tod des Kindes in Kauf genommen. Der Angeklagte habe laut Urteilsbegründung so vertuschen wollen, dass er das Mädchen zuvor schwer misshandelt hatte.

Gericht soll Mordmerkmale überprüfen

Sollte die Revision ergeben, dass der Angeklagte schon während der Misshandlungen mit Tötungsabsicht gehandelt hat, würde eine Verurteilung wegen Mordes durch Unterlassen nicht mehr infrage kommen. Es müsse dann geprüft werden, ob andere Mordmerkmale wie zum Beispiel niedere Beweggründe vorgelegen haben, so ein Gerichtssprecher.

Bundesgerichtshof: Geschehen bleibt unstrittig

Das eigentliche Tatgeschehen, so wie es das Landgericht Neubrandenburg ermittelt hatte, bleibt aber unstrittig, heißt es vom Bundesgerichtshof. Das Mädchen sei mehrfach Opfer massiver Misshandlungen geworden, hatte damals das Gericht in Neubrandenburg festgestellt. Am 12. Januar 2019 sei vermutlich lediglich Leonies Puppenwagen eine Treppe hinuntergestürzt, nicht aber das Kind. Der Stiefvater hatte bis zuletzt einen Treppensturz als Ursache von Leonies Verletzungen behauptet. Nach Ansicht des Gerichts schlug der Stiefvater Leonie als Bestrafung mehrfach heftig auf den Kopf. Vermutlich auch mit dem Sicherungsbügel eines Kinderwagens. Leonie starb durch eine Hirnblutung. Die schweren Kopfverletzungen der 6-Jährigen seien laut einer Gutachterin nicht durch einen Sturz erklärbar.

Anklage gegen Mutter wegen fahrlässiger Tötung

Auch Leonies Mutter wird sich vor Gericht verantworten müssen. Gegen die heute 26-Jährige ist Anklage wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen erhoben worden. Ihr wird vorgeworfen, nicht rechtzeitig Hilfe geholt zu haben. Leonies Mutter hatte im ersten Prozess ihren früheren Lebensgefährten schwer belastet. Zum Zeitpunkt des angeblichen Treppensturzes sei sie nach eigenen Angaben aber nicht in der Wohnung gewesen. Die schweren Verletzungen ihrer Tochter habe sie erst Stunden später bemerkt. Ihr Lebensgefährte habe ihr dann vorgetäuscht, den Notarzt gerufen zu haben. Verhandlungstermine gegen die Mutter stehen noch nicht fest. Auch bei dem damals zweijährigen Bruder von Leonie hatten Experten zahlreiche schweren Verletzungen festgestellt. Auch er soll über einen längeren Zeitraum misshandelt worden sein.

Das Grab von Leonie © Tilo Wallrodt Foto: Tilo Wallrodt

AUDIO: Folge 13 - Der Fall Leonie (46 Min)

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