Verspekuliert - nichts geht mehr auf der Halbinsel Wustrow

Stand: 11.02.2021 13:50 Uhr

Der Verfall auf der Halbinsel Wustrow geht vorerst weiter. Die Stadtvertreter der angrenzenden Gemeinde Rerik haben eine Bebauung gestoppt. Investor Jagdfeld übt sich indes in Geduld und hofft auf die nächsten Kommunalwahlen.

von Martin Möller, NDR Nordmagazin

Sie ist der Traum eines jeden Investors und das letzte große, noch nicht verwertete Filetstück an der Mecklenburgischen Ostseeküste - die Halbinsel Wustrow. Zwischen Salzhaff und Ostseestrand gelegen bietet sie Ruhe, Weite und viel Geschichte. Seit über zwei Jahrzehnten ist das Eiland Zankapfel. Auf der einen Seite steht der schillernde, gut vernetzte Immobilieninvestor Anno August Jagdfeld und auf der anderen Seite die Stadt Rerik und deren Stadtvertreter.

Maria Pinkis und Karen Siegert © NDR Foto: Martin Möller
Maria Pinkis und Karen Siegert haben für den Planungsstopp gestimmt.
Stadtvertretung macht ernst

Überraschend haben die Reriker Stadtvertreter nun alle Planungsverfahren für Wustrow gestoppt. Alte und neue Gartenstadt, Hotel, Marina, Golfplatz - alles ist aufgehoben, null und nichtig. Das Ergebnis der Abstimmung im Stadtparlament war mit 10 zu 3 Stimmen eindeutig. Maria Pinkis, SPD- Stadtvertreterin: "Die Pläne sind ungefähr neun Jahre nach der Wende entstanden. Seitdem sind mehr als 20 Jahre vergangen. Und es passt einfach nicht mehr, was da geplant war." Karen Siegert, ehemalige Pastorin und ebenfalls SPD-Stadtvertreterin, ergänzt: "Es ist so ein Schnitt gemacht worden und jetzt denken wir neu." Sie wünscht sich, dass die öffentliche Hand die Halbinsel irgendwann zurückkauft und ein Naturpark entsteht.  

Der parteilose Kai Kloss, ebenfalls Stadtvertreter, hat gegen den Planungsstopp gestimmt. Er findet, dass die Halbinsel Wustrow endlich entwickelt werden muss - und zwar für eine zahlungskräftige Klientel. Nur so könne Rerik im Vergleich mit den boomenden polnischen Seebädern konkurrenzfähig bleiben.

Anno August Jagdfeld © NDR Foto: Martin Möller
Investor Anno August Jagdfeld gehört die Halbinsel seit 1998.
Geplatzte Träume hinterm Zaun

Zaun und Wachschutz halten weiter Neugierige von Wustrow fern. In der ehemaligen Offizierssiedlung werden zur Zeit Bäume gefällt und Sträucher beseitigt. Nach Aussage von Anno August Jagdfeld dient das dem Natur- und Artenschutz. Er kommt regelmäßig her, macht Spaziergänge. Seit 23 Jahren gehört dem Rheinländer die insgesamt 1.000 Hektar große Halbinsel. Für 12,5 Millionen Deutsche Mark (DM) hat sie ihm die Treuhand 1998 verkauft. Das sind 64 Cent pro Quadratmeter. Anno August Jagdfeld: "Wir haben damals im guten Glauben die Halbinsel erworben, dass uns der Bund und die Stadt erklärt haben, wir können hier bauen. Und wir sind mit vielen Dingen in Vorleistung getreten."

Heiligendamm - ein abschreckendes Beispiel

Tatsächlich hatte Jagdfeld angrenzende Grundstücke am "Wustrower Hals" an die Gemeinde übertragen. Um die Jahrtausendwende schließt Rerik einen städtebaulichen Vertrag mit Jagdfelds Firma. Bebauungspläne für die sogenannte Alte und Neue Gartenstadt, für eine Marina, einen Golfplatz werden angeschoben. Auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung für die Entwicklung der Halbinsel ist damals in Arbeit, das Ergebnis allerdings bis heute unbekannt. Jagdfeld verpflichtete sich, 90 Millionen D-Mark auf Wustrow zu investieren. Das ist nie passiert. Auf der anderen Seite können sich Bürgermeister und Stadtvertretung nicht durchringen, die Neubaupläne für Wustrow in rechtsgültige Bebauungspläne umzuwandeln. Heiligendamm, das andere Großprojekt von Anno August Jagdfeld, schreckt viele Reriker ab. Hinzu kommen viele umstrittene Detailfragen.

Autoblockade am Wustrower Hals

Der größte Streit entzündet sich am Verkehr. Jedes Baufahrzeug, dass nach Wustrow fährt, muss mitten durch das Seebad fahren. Im Jahre 2003 schließt die Stadt den "Wustrower Hals" dann ganz für den Verkehr. Ohne Zugang sind keine Bauarbeiten möglich. Anno August Jagdfeld mag aber nicht aufgeben. "Das Potential ist riesig und es wäre auch zum Vorteil von allen. Es gibt niemanden, auch in Rerik, der einen Nachteil davon hat." Er fühlt sich seit 23 Jahren von der Stadt blockiert. Stadtvertreterin Pinkis entgegnet: "Die Stadt hat die Planungshoheit. Und wenn sich die Mehrheit der Bürger für den Naturschutz oder ähnliches ausspricht und gegen eine Großbebauung, dann sitzen natürlich die Stadtvertreter am längeren Hebel."

Letzter Versuch Stadtparlament umzustimmen

Im Januar 2021, kurz vor der Abstimmung über die Einstellung aller Planungen, appelliert Jagdfeld in einem Brief an die Stadtvertreter. Er wirbt mit Arbeitsplätzen, höheren Steuereinnahmen, stellt Aufträge für lokale Unternehmen in Aussicht. Er würde auch auf die Marina und den Golfplatz verzichten, die Halbinsel nur niedrig und kleinteilig bebauen. Jagdfeld: "Wir können im Grunde über alles sprechen, aber man muss auch zeigen, ob man was Besseres hinkriegt. Wir haben die weltbesten Architekten und Stadtplaner beauftragt. Das war damals mit Zustimmung der Gemeinde. Wenn es aber einer besser kann, dann soll er uns das sagen."

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Reriker für Wustrow als Naherholungsgebiet

Die Unlust der Stadtvertreter liegt vielleicht auch an der Entwicklung des Seebades. Seit 2005 hat sich die Anzahl der Gästebetten verdoppelt. 2019 zählte das kleine Ostseebad 476.179 Übernachtungen bei gerademal knapp über 2.000 Einwohnern. Viele Einheimische und deren Gäste wünschen sich die Halbinsel Wustrow als Naherholungsgebiet für die eng bebaute Stadt.  

Naturschutz mit Museum statt edlem Resort

Wenn es nach Maria Pinkis geht, würde ein Museum dazugehören, in dem die wechselvolle Geschichte der Halbinsel dargestellt wird. Maria Pinkis: "Die Nazis und die Russen haben wir überstanden. Jagdfeld werden wir auch noch überstehen." Investor Jagdfeld hingegen hofft auf die nächsten oder übernächsten Kommunalwahlen, auf neue verständigere Stadtvertreter. Anno August Jagdfeld: "Wir sind ein Familienunternehmen. Ich habe fünf Söhne, sieben Enkel - dann machen wir es eben später. Bei solchen Projekten braucht man eben Geduld." Die ehemalige Pastorin Karen Siegert hofft, dass er sich das doch noch anders überlegt. Und wenn nicht, dann müssen die gewählten Stadtvertreter eben auch Geduld haben.

Halbinsel Wustrow - kurzer geschichtlicher Abriss

Jahrhundertelang war die Halbinsel Wustrow landwirtschaftliches Gut. Ab 1934 errichten die Nazis eine Offizierssiedlung, mehrere Kasernen, ein Schwimmbad, ein Kaufhaus, ein Kino und einen riesigen Schießplatz. Alles gebaut für die größte Flakartillerieschule Deutschlands. 3.000 Soldaten waren auf der Insel stationiert, zeitweise auch der junge Helmut Schmidt. Hitler und Göring führten 1937 Mussolini ihre neusten Waffen vor. Von 1945 bis 1949 waren Flüchtlinge auf der Insel untergebracht. Dann beschlagnahmte die Roten Armee Wustrow. Ein großer Teil der Bebauung wurde abgerissen, nur die sogenannte Gartenstadt blieb erhalten. 90 Häuser, entworfen vom Rostocker Reformarchitekten Heinrich Tessenow.

1993 zogen die letzten Russen ab, die Gartenstadt wurde unter Denkmalschutz gestellt. Die Militärs waren weg, die Insel aber dafür großflächig mit Munition und anderen Altlasten verseucht. Laut Einigungsvertrag fiel die Halbinsel an die Bundesrepublik Deutschland. Und die verkaufte sie über die Treuhand 1998 an die Fundus Gruppe des Dürener Immobilieninvestors Anno August Jagdfeld, gegen den Widerstand der Gemeinde. Kaufpreis: 12,5 Millionen Deutsche Mark. Der umtriebige Unternehmer hatte zwei Jahre zuvor das nahe Seebad Heiligendamm erworben.

Sein Plan: auf 99 Hektar ein Hotel, eine Gartenstadt mit Ferienhäusern und Eigentumswohnungen, Seglerhafen, Reiterhof und Golfplatz. Die restlichen 900 Hektar sind dem Naturschutz vorbehalten. Wieder wird die Halbinsel abgesperrt. Investor und Gemeinde vereinbaren einen städtebaulichen Vertrag. Ein Raumordnungsverfahren wird begonnen, eine Umweltverträglichkeitsprüfung eingeleitet. Zu gültigen Bebauungsplänen können sich die Stadtvertreter bis heute nicht durchringen.

Karte: Wustrow - Halbinsel zwischen Ostsee und Salzhaff

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Nordmagazin | 11.02.2021 | 17:15 Uhr

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