Baustelle auf Usedom  Foto: Matthes Klemme

Usedom und Rügen: Tourismus-Boom lässt Mieten explodieren

Stand: 19.02.2021 10:56 Uhr

Auf Usedom und Rügen boomt der Tourismus. Es entstehen immer mehr Ferienwohnungen, doch die Mieten steigen. Für viele Einheimische sind sie nicht mehr zu bezahlen. Nun wollen Land und Gemeinden gegensteuern.

von Matthes Klemme, NDR 1 Radio MV

Traumhafte Strände, einzigartige Architektur und ursprüngliche Landschaft - das sind die Urlaubsinseln Rügen und Usedom. Vorpommern ist mittlerweile eine der großen Tourismusregionen in Deutschland. 2019 besuchten rund 1,2 Millionen Urlauber die Insel Usedom. Abgesehen vom vergangenen Jahr, in dem die Corona-Pandemie der Branche einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, sind die Übernachtungszahlen auf Usedom und Rügen stetig nach oben gegangen. Noch mehr Gäste bedeuten, mehr Quartiere werden benötigt. Ob in Ahlbeck, Sellin oder im Achterland der Inseln: Es entstehen weitere Hotels, Appartmentanlagen und Ferienwohnungen.

Thomas Naedler © Ndr.de Foto: Ndr.de

AUDIO: Folge 18 - Bauboom an der Vorpommerschen Küste (38 Min)

Kaum bezahlbare Mieten für Einheimische

Doch wer auf den Inseln wohnen will und kein eigenes Haus hat, findet kaum noch bezahlbare Wohnungen. Eine 70 Quadratmeterwohnung kostet schon mal 900 Euro kalt im Monat. Einfamilienhäuser werden für eine halbe Million Euro angeboten. Für viele Menschen, die in der Gastronomie, der Dienstleistungsbranche oder im Handel beschäftigt sind, sind diese Preise kaum bezahlbar. Dirk Barfknecht vom Mieterverein Vorpommern-Greifswald kennt den Wohnungsmarkt auf Usedom. Dort, so sagt er, verlangen Vermieter durchschnittlich zwischen acht und zehn Euro pro Quadratmeter kalt, manche würden bereits zwölf Euro nehmen. Auf Usedom sei es mittlerweile deutlich teurer als in Greifswald, wo seit Jahren hohe Mieten ein Thema sind.

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Wegen der angespannten Wohnraumsituation auf Usedom ziehen Einheimische weg, zum Beispiel auf das Festland, ins nahe Wolgast oder nach Anklam, wo die Mieten preiswerter sind. Andere wohnen inzwischen im polnischen Swinemünde. Auch dort seien Wohnungen preiswerter zu haben als im deutschen Teil der Insel, sagt Krister Hennige vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DeHoGa) zuständig für Usedom.

Thema im Podcast "Dorf-Stadt-Kreis"

In der neuen Ausgabe des Podcasts Dorf Stadt Kreis schauen Thomas Naedler und Matthes Klemme auf die Entwicklungen der Inseln Usedom und Rügen. Sie reden über die Immobilienpreise, über Pläne für neue Ferienressorts und über den knappen Wohnraum und hohe Mieten auf den Inseln.

Land Mecklenburg-Vorpommern will gegensteuern

Denn mit der Vermietung von Ferienwohnungen lässt sich mehr Geld verdienen - um das Fünffache, sagt ein Vermieter. Nadine Rietdorf vom Tourismusverband der Insel Usedom kennt diese Entwicklung auch aus ihrer Gemeinde: "Da werden schon mal ein Einfamilienhaus weggerissen, um einen Mehrgeschosser für Ferienwohnungen zu bauen". Der Verband unterstütze deshalb das vom Land geplante Zweckentfremdungsgesetz, damit bestehender Wohnraum erhalten bleibt.

Über ein Drittel mehr Ferienwohnungen als vor 15 Jahren

Dennoch entstehen derzeit viele Ferienwohnungen und Hotels in den vorpommerschen Tourismusregionen. In Ahlbeck baut ein Unternehmen aus Berlin einen großen Hotelkomplex mit Eigentumswohnungen. Laut eigener Internetseite kostet dort ein 89 Quadratmeter großes Appartement knapp 800 Tausend Euro. Auch in Sellin ist das Unternehmen aktiv. Es baut dort eine neue Luxusherberge direkt an der Seebrücke. Im Usedomer Achterland kommen neue Ferienhäuser dazu, wie zum Beispiel in Zirchow. Nach Angaben des DeHoGa-Chefs von Usedom, Krister Hennige, sei in den vergangenen 15 Jahren der Anteil von Ferienwohnungen um mehr als ein Drittel gewachsen, der von Hotels um rund zwei Prozent.

Investoren verwirklichen alte Bebauungspläne

Der Bau von qualitativ hochwertigen Hotels sei für den Tourismusverband Usedom in Ordnung, erklärt Nadine Rietdorf. "Sie sichern Arbeitsplätze und generieren neue. Allerdings lehnt der Tourismusverband klassische Ferienwohnungsbauten ab, die ausschließlich aus Zweitwohnungen und Ferienwohnungen bestehen." Dass diese weiterhin gebaut werden, liegt an den Bebauungsplänen der Gemeinden. "Diese stammen aus einer Zeit, als die touristische Entwicklung noch ganz anders ausgesehen hatte, manche sind bis zu 20 Jahre alt", so Rietdorf. Erst jetzt werden diese Pläne von Investoren verwirklicht.

Belastungsgrenze für 92 Prozent der Usedomer erreicht

Der Bauboom auf Usedom lässt Einheimische skeptisch werden, ob die Insel noch mehr Tourismus vertragen kann. Einer neuen Prognose nach wird es 2030 auf Usedom 1,2 Millionen mehr Übernachtungen geben, also rund 240.000 Urlauber zusätzlich. Schon jetzt sind 92 Prozent der Usedomer der Meinung, dass die Belastungsgrenze durch Urlauber erreicht ist und dass zu wenig für die heimische Bevölkerung getan wird. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Greifswald von 2018.

Umdenken in den Gemeinden

Inzwischen denken einige Gemeinden auf Rügen und Usedom um. Stolpe auf Usedom hat im vergangenen Jahr eine Wohnraumerhaltungssatzung verabschiedet. Sie soll verhindern, dass Wohnraum in Feriendomizile umgewandelt wird. Die Gemeinde Mönchgut auf Rügen investiert in Infrastruktur und hat Grundstücke preiswert an junge Familien verkauft, um sie in den Südosten von Rügen zu locken. In den drei Kaiserbädern auf Usedom bauen die Gemeinde Heringsdorf und die kommunale Wohnungsgesellschaft in den kommenden Jahren rund 70 Sozialwohnungen, um somit den Wegzug von Einheimischen zu stoppen.

Usedoms DeHoGa-Chef, Krister Hennige, sieht jedoch überwiegend eine Entwicklung wie auf Sylt und anderen Nordseeinseln, wo die Verdrängung von Einheimischen weiter zunimmt. "was dort stattgefunden hat, das sollte uns eine Lehre sein, dass das hier nicht stattfindet."

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 18.02.2021 | 19:30 Uhr

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