Neubrandenburg: Kritik an Behandlungsverbot für kleine Frühchen

Stand: 23.09.2022 17:29 Uhr

Nachdem bekannt geworden ist, dass das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg künftig keine Frühgeborenen mit weniger als 1.250 Gramm Geburtsgewicht mehr behandeln darf, fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Aus Neubrandenburg kommt Empörung, die Krankenkassen argumentieren mit Qualitätssicherung.

Die Qualität von Behandlungen erhöht sich laut AOK Nordost nachweislich, wenn die Krankenhäuser eine höhere Anzahl an Fällen haben. Die Ärztinnen und Ärzte hätten somit mehr Routine. In Neubrandenburg wiederum seien die Behandlungszahlen zu gering, um die notwendige Qualität sicherzustellen, sagte die AOK Nordost im Gespräch mit NDR 1 Radio MV. Von dem künftigen Behandlungsverbot betroffen seien planbare Geburten sehr kleiner Frühchen, Notfälle dürfen ausdrücklich auch weiter in Neubrandenburg entbunden werden. Die AOK Nordost informierte das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg am Donnerstag.

Gesundheitsministerium will Aus verhindern

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) teilte über Twitter mit: "Die Frühchenstation in Neubrandenburg MV leistet seit Jahren gute Arbeit. Die Regelung, nur Masse schafft Klasse, ist falsch." Auch Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) betonte bei NDR MV Live, sie hinterfrage den Schritt der Krankenkassen stark und wundere sich über die Entscheidung. Das Ministerium habe den Krankenkassen einen Antrag der Klinik geschickt, damit die Behandlung sehr kleiner Frühchen in Neubrandenburg weiterhin möglich bleibt. Sobald eine Stellungnahme vorliegt, werde Drese mit den Kassen sprechen, um eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen. Dieser Antrag liege der AOK seit einer Woche vor. Zuvor hatte es Unklarheiten gegeben, ob der Antrag eingegangen war.

Klinikleiter: "Absolute Katastrophe"

Dr. Sven Armbrust, der Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Neubrandenburg, sieht in den Entwicklungen eine "absolute Katastrophe" für Krankenhaus und Patienten. Er sieht die Gefahr einer Unterversorgung in der Region und sieht nach eigener Aussage auch keine Notwendigkeit für den Schritt. Auch Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos) kritisierte die Gesetze als "rücksichtslos". Auch die Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern übte Kritik: "Wir müssen davon ausgehen, dass die AOK Nordost im Alleingang aus Berlin versucht, Tatsachen für unser Bundesland per Akklamation zu schaffen, die sich allein an ihren Interessen orientieren", so Geschäftsführer Uwe Borchmann. Im Sommer hatten Bürger und Bürgerinnen 17.500 Unterschriften an den Staatssekretär Patrick Dahlemann (SPD) übergeben, die sich gegen eine Schließung ausgesprochen hatten.

Ab 2023 Untergrenze von 20 Frühchen pro Jahr

Generell gilt vom kommenden Jahr an eine Untergrenze von mindestens 20 Behandlungsfällen pro Jahr und Klinik für sehr kleine Frühchen. In Neubrandenburg waren es im vergangenen Jahr nur sieben. Ab 2024 liege die Untergrenze bei 25. Eine Zusage für die Behandlung solch kleiner Frühchen haben für 2023 im Land die Uniklinik Greifswald, die Helios Kliniken Schwerin und das Südstadtklinikum Rostock bekommen.

Frühgeburten mit weniger als 1.250 Gramm Geburtsgewicht sind den Angaben zufolge selten: Sie beträfen 0,6 bis 0,7 Prozent aller Geburten, hieß es. Im vergangenen Jahr kamen in Mecklenburg-Vorpommern demnach 11.845 Babys zur Welt.

Behandlungsverbote auch an anderen Kliniken in MV

Neben dem Klinikum in Neubrandenburg wurden noch für drei weitere Kliniken im Land Behandlungsverbote aufgrund unterschrittener Mindestmengen verhängt. So dürfen in Parchim ab dem kommenden Jahr keine Bauchspeicheldrüsen-Operationen mehr vorgenommen werden, an der Uniklinik Rostock keine Nierentransplantationen und im Helios-Klinikum in Stralsund keine Operationen an der Speiseröhre. Die Helios-Kliniken in Schwerin unterschreiten zwar auch die Mindestmenge an Speiseröhren-Operationen, beide Häuser kooperieren jedoch, sodass diese Operationen weiterhin in Schwerin durchgeführt werden können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 22.09.2022 | 16:00 Uhr

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