Die MV-Werften Stralsund.

MV-Werften fehlen Millionen: Landtag steht hinter Landeshilfen

Stand: 17.12.2021 17:23 Uhr

Für Experten kommt es wenig überraschend - für die Werftmitarbeiter ist es trotzdem bitter. Kurz vor Jahresende erreicht die Dauerkrise der MV-Werften und ihres Mutterkonzerns Genting aus Hongkong einen neuen Höhepunkt. Dem Unternehmen mit den Standorten in Wismar, Warnemünde und Stralsund fehlt wieder Geld.

Deshalb will das Land Mecklenburg-Vorpommern erneut einspringen. Der Landtag stellte sich am Freitag hinter die Rettungsbemühungen der Landesregierung. Das Parlament erklärte, die Regierung in ihrem Bestreben zu unterstützen, gemeinsam mit dem Bund und dem Eigner-Konzern Genting Hong Kong eine tragfähige Lösung zu entwickeln. Es geht um rund 78 Millionen Euro, mit denen das Land den Werftenverbund unterstützen will. Finanzminister Heiko Geue (SPD) sagte, das sei alles unangenehm, habe aber mit Corona zu tun. Für Genting sei der wichtige Kreuzschifffahrtsmarkt immer noch nicht wieder ins Rollen gekommen. Einnahmen, mit denen gerechnet worden sei, fehlten jetzt, so Geue. Diese sind jedoch dringend nötig, um das fast fertiggestellte Kreuzfahrtschiff "Global 1" zu Ende zu bauen. Dessen Verkauf könnte dann frisches Geld in die Werften-Kassen spülen. Das Sanierungskonzept hält Geue auch deshalb weiter für tragbar.

Muss Genting Grundstücke verkaufen?

MV-Werften-Geschäftsführer Carsten J. Haake © NDR Foto: NDR
MV-Werften-Geschäftsführer Carsten J. Haake bleibt mit Blick auf die Verhandlungen mit Bund und Land optimistisch.

Deshalb will das Land die 78 Millionen Euro, die eigentlich erst für 2024 geplant waren, als Hilfe vorziehen. Doch das Land geht nicht allein ins Risiko. Auch Genting ist gefordert - 27 Millionen Euro müsse der Konzern selbst erbringen, etwa durch Grundstücksverkäufe, hieß es. Möglicherweise wird das Areal der Volkswerft in Stralsund verkauft, als Abnehmer ist die Stadt im Gespräch. Finanzminister Geue sagte, nicht nur Genting müsse sich zu den Standorten bekennen, auch der Bund müsse zu Hilfen bereit sein. Allerdings müsse sich die neue Regierung in Berlin erst einmal richtig finden, meinen Beobachter. Das Wirtschaftsministerium unter dem neuen Minister Robert Habeck (Grüne) sortiere sich gerade erst neu.

Hoffnung und Optimismus bei IG Metall und Geschäftsführung

Das Kreuzfahrtschiff "Global 1" ist zu rund 80 Prozent fertiggestellt © NDR Foto: NDR
Das Kreuzfahrtschiff "Global 1" ist zu rund 80 Prozent fertiggestellt.

Am Donnerstagnachmittag informierte die IG Metall auf einer Betriebsversammlung in Wismar die Mitarbeiter über die unklare Finanzsituation. Wie Henning Großkreutz von der IG Metall Lübeck-Wismar NDR MV Live sagte, hoffe man, dass der Landtag die "richtige Entscheidung" treffen werde. "Aus unserer Sicht ist die richtige Entscheidung von Landesseite den Fortgang des Baus des Schiffes zu unterstützen." Könne die "Global 1" fertiggebaut werden, sichere dies die Arbeitsplätze der Beschäftigten, so dass "eine Perspektive für die Standorte möglich wird", so Großkreutz. "Wir bleiben optimistisch", sagte MV-Werftren-Geschäftsführer Carsten J. Haake bei NDR MV Live. "Wir arbeiten Tag und Nacht. Wir verhandeln intensiv - auch am dritten Advent nachmittags mit 25 Bundesbeamten und Landesvertretern haben wir verhandelt. Das zeigt mir, dass die Bereitschaft, uns zu helfen, nach wie vor ungebrochen ist." Die neue Bundesregierung habe sich geformt, die Staatssekretäre seien nun im Amt. "Jetzt können die Gespräche finalisiert werden", so Haake.

AfD: "Staatliche Insolvenzverschleppung"

Aus der Landtagsopposition gibt es laute Kritik am fortgesetzten Hilfs-Kurs. Die AfD-Fraktion spricht von "staatlicher Insolvenzverschleppung": "Es ist nicht Aufgabe der deutschen Steuerzahler, diesen Hongkonger Mischkonzern mit immer neuen Darlehen und Bürgschaften am Leben zu erhalten", teilte Fraktionschef Nikolaus Kramer mit. Die Landesregierung müsse einen Plan vorlegen, wie sie mit einer neuen Werftenpleite umgehen will. Bis auf nebulöse Äußerungen zum angeblichen Bau von Offshore-Windkraftanlagen sei nichts passiert, so Kramer. Der Bund der Steuerzahler MV kritisierte den im Landtag eingebrachten Antrag. Dieser enthalte neben der "Zusage von Millionen an Steuergeldern", nur "Absichtserklärungen" und "wirkungslose Bekenntnisforderungen des Landtages", so die stellvertretende Landesvorsitzende Diana Behr. "Die Landesregierung muss endlich Konzepte jenseits des Schiffbaus durch die Genting-Werften entwickeln und mit echten Partnern verhandeln."

Bangen um Jobs

Die Arbeitsplätze bei den Werften stehen möglicherweise alle auf der Kippe - mehr als 600 Werftarbeiter sind bereits in Transfergesellschaften beschäftigt, etwa 1.800 bis 2.000 stehen bei den MV-Werften noch in Lohn und Brot. Kurz vor Weihnachten müssen sie um ihre Jobs bangen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 16.12.2021 | 15:05 Uhr

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