Stand: 07.01.2020 05:58 Uhr

Leonie-Prozess: Lebenslange Haft gefordert

Der angeklagte Stiefvater der gewaltsam zu Tode gekommenen Leonie verdeckt im Prozess in Neubrandenburg sein Gesicht.
Die Staatsanwaltschaft hat die Vorwürfe gegen den Angeklagten verschärft. (Archivbild)

Im Prozess um den Tod der sechsjährigen Leonie aus Torgelow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) hat die Staatsanwaltschaft Neubrandenburg am Montag eine lebenslange Freiheitsstrafe gefordert. Sie wirft dem 28-jährigen Angeklagten Mord, Misshandlung Schutzbefohlener und Körperverletzung mit Todesfolge vor. Zuvor lautete die Anklage Mord durch Unterlassen. Die Staatsanwaltschaft geht jedoch nach dem Gutachten einer Rechtsmedizinerin von Mord zur Verdeckung einer Straftat aus. Der Stiefvater habe keine Hilfe geholt, weil er die Verletzungen Leonies und des kleinen Bruders vertuschen wollte, so der Staatsanwalt. Einen vom Stiefvater als Grund für den Tod genannten Treppensturz des Mädchens habe es nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht gegeben, hieß es.

Verteidigung hält an Treppensturz fest

Die Verteidigung weist die Mord-Darstellung der Anklage zurück. Der Anwalt des Angeklagten hält demnach an dem vom Angeklagten geschilderten Treppensturz mit Todesfolge fest. Aus Sicht der Verteidigung basiere der Prozess vor allem auf den Aussagen der Mutter, die als nicht glaubhaft eingeschätzt werden. Die Indizien für einen Mord halte der Anwalt für nicht ausreichend, demnach müsse der Angeklagte freigesprochen werden. Ein konkreter Antrag wurde nicht gestellt. Ob es sich um Mord oder um Körperverletzung mit Todesfolge handele, müsse nun das Schwurgericht entscheiden, hieß es.

Treppensturz als Todesursache ausgeschlossen

Das Mädchen war am 12. Januar 2019 tot in der Wohnung der Mutter und ihres Lebensgefährten in Torgelow (Landkreis Vorpommern-Greifswald) gefunden worden. Auch den zweijährigen Bruder soll der Stiefvater mehrfach schwer misshandelt haben. Nach Angaben des Angeklagten war das Mädchen eine Treppe im Hausflur hinuntergestürzt und später gestorben. Dies schloss eine Rechtsmedizinerin jedoch aus.

Rechtsmedizinerin: "Es war ein langsamer Sterbeprozess"

Die Sechsjährige ist demnach nach einem Hirnbluten infolge "massiver stumpfer Gewalt" gestorben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte das Mädchen mit dem Sicherungsbügel eines Puppenwagens und mit der Faust so heftig geschlagen habe. Das Hirnbluten habe zusammen mit Entzündungen an der Lunge, an den Rippen und der Blutarmut Leonies zum Tode geführt. "Es war ein langsamer Sterbeprozess", sagte die Gutachterin am Freitag vor Gericht.

Mutter belastet Angeklagten: "Spirale der Gewalt"

Der Angeklagte hatte an einem früheren Prozesstag Misshandlungen des Mädchens in einer schriftlichen Erklärung bestritten. Nachdem sich am 12. Januar vergangenen Jahres der Gesundheitszustand von Leonie rapide verschlechterte, soll der Angeklagte der Mutter von Leonie außerdem mit einem fingierten Anruf in der Rettungsleitstelle vorgespielt haben, dass er medizinische Hilfe hole. Dies wertete die Staatsanwaltschaft als aktive Handlung und rückt deshalb vom Tatvorwurf des Mordes durch Unterlassen ab. Die Mutter von Leonie hatte den Angeklagten als Zeugin vor Gericht hinter verschlossenen Türen stark belastet und von einer "Spirale der Gewalt" in der Familie gesprochen.

Angeklagter voll schuldfähig

Ein psychiatrischer Gutachter beschrieb den Angeklagten als "nicht drogenabhängig" und psychisch nicht auffällig. Es bestehe keine verminderte Schuldfähigkeit bei dem 28-Jährigen, der die Förderschule ohne Abschluss beendet habe, aber schon früh selbstständig gewesen sei. Das Urteil des Landgrerichts Neubrandenburg wird am 9. Januar erwartet.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung des Beitrags hieß es, die Verteidigung habe "Freispruch gefordert". Ein derartig konkreter Antrag wurde jedoch nicht gestellt.


07.01.2020 05:58 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung des Beitrags hieß es, die Verteidigung habe "Freispruch gefordert". Ein derartig konkreter Antrag wurde jedoch nicht gestellt.

 

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NDR 1 Radio MV | Die Frühaufsteher | 07.01.2020 | 06:40 Uhr

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