Stand: 30.03.2020 14:48 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Corona und Pflege: Drese beantwortete Ihre Fragen

Auf NDR 1 Radio MV informierte die Sozialministerin zur "Pflege" in Corona-Zeiten (Symbolbild).

Der Kampf gegen das Corona-Virus stellt Angehörige von Pflegebedürftigen vor große Probleme. In einer Sondersendung mit dem Service-Schwerpunkt "Pflege" auf NDR 1 Radio MV hat Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) am Montagvormittag Fragen beantwortet, Hunderte Mails waren zuvor im Funkhaus eingetroffen. Wir haben für Sie die wesentlichen Antworten zusammengefasst.

Corona-Krise in MV: Drese beantwortete Ihre Fragen

NDR 1 Radio MV -

Der Kampf gegen das Corona-Virus stellt Angehörige von Pflegebedürftigen vor große Probleme. Sozialministerin Drese hat auf NDR 1 Radio MV Fragen zum Thema beantwortet.

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Funktioniert das Besuchsverbot in Pflegeheimen, halten sich alle daran?

"Ich habe von ganz vielen Pflegeeinrichtungen die Rückmeldung bekommen, dass die Leute sich dort sehr diszipliniert dran halten. Und ich möchte das gleich mal zum Anlass nehmen, um mich bei allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern im Land dafür zu bedanken, dass sie das mit so viel Geduld tragen. Wir verlangen den Menschen jetzt viel ab, wenn wir sagen, wir müssen ein absolutes Kontaktverbot herstellen - gerade zu den Risikogruppen. Ich kann mir vorstellen, dass das in vielen Familien auch sehr emotionale Reaktionen auslöst. Es ist aber notwendig, jetzt bei diesen Maßnahmen absolut nicht nachzulassen, sondern ein ganz besonderes Augenmerk auch auf die Älteren zu haben. Der Gesundheitsschutz geht in diesen Zeiten vor."

Dürfen Leiter von Einrichtungen des betreuten Wohnens ihren Bewohnern verbieten, für Spaziergänge das Haus zu verlassen?

"Ich bitte auch bei allen ganz nahen Verwandten, genau abzuwägen, ob ein Kontakt notwendig ist oder nicht. Und ich will diesbezüglich eine Lanze brechen für all die Leiterinnen und Leiter in den Einrichtungen, die da jetzt natürlich sehr streng darauf achten. Wir alle müssen uns jetzt fragen: Müssen wir jetzt zum Beispiel unbedingt die Tante besuchen oder ist das etwas, worauf wir verzichten sollten? Beim betreuten Wohnen ist es die eigene Wohnung, in der sich die Angehörige aufhält. Es wird rein rechtlich schwer werden, ein Treffen zu unterbinden. Deswegen rufe ich ganz inständig alle auf, sich zu hinterfragen: Muss dieser Kontakt jetzt sein oder nicht? Und man selbst muss sich dabei immer widerspiegeln, ist dieser Spaziergang wichtig für die Gesundheit der Mutter oder ist es wichtig, dass wir sie vom Kontakt mit dem Virus fernhalten? Diese Abwägung muss jeder selbst treffen. Ich weiß, dass das jetzt schwer fällt."

Ist es nicht doch möglich, dass wenigstens ein Angehöriger für eine Stunde am Tag zu den älteren Menschen ins Pflegeheim gehen kann?

"Wir haben das sehr intensiv abgewogen. Es gab eine Zeit lang auch in anderen Bundesländern die Diskussion, eine Person für eine Stunde am Tag zuzulassen. Und wir haben uns in Mecklenburg-Vorpommern dagegen entschieden. Es ist viel von Ihnen verlangt, viel von den Familien verlangt, diesen Kontakt abbrechen zu lassen. Aber wir haben große Pflegeeinrichtungen, wenn dort nur eine Person pro Tag Zugang hat, dann widerspricht das dem, was wir ansonsten auch in öffentlichen Einrichtungen versuchen, nämlich, alles nur auf das notwendige Maß zu beschränken. Der Erlass des Landes, der seit dem 16. März 2020 gilt, heißt: Keinerlei Besuche! Nur in Ausnahmefällen - und darüber entscheiden dann wieder die LeiterInnen vor Ort - zum Beispiel, wenn es um die Frage einer Sterbebegleitung geht. Ansonsten gilt bei uns ein absolutes Besuchsverbot gerade im Bereich der Hochbetagten."

Ich wohne in Berlin und möchte meine 92-jährige Mutter in ihrer Wohnung in Rostock besuchen, um ihr Lebensmittel zu bringen. Ist das erlaubt?

"Das ist erlaubt. Wichtig ist, dass Sie die Pflegschaft nachweisen können. Wenn es Kontrollen an der Landesgrenze von Mecklenburg-Vorpommern gibt, dann haben der Innenminister und ich vereinbart, dass das Pflegeverhältnis auf möglichst einfache Art und Weise nachzuweisen ist, bspw. indem man einen Pflegevertrag mitbringt. Ein solcher Familienbesuch, der dazu da ist, die Angehörigen zu unterstützen, die sich schlecht selbst helfen können, ist möglich."

Wie kann ich als Bevollmächtigter und Betreuer mit meinem Angehörigen kommunizieren, wenn Telefonate nicht möglich sind? Wie kann ich meine Rechte und Pflichten erfüllen?

"Auch da gilt es, genau abzuwägen. Da wo es möglich ist, bitte ich natürlich darum, den direkten Kontakt zu vermeiden. Wenn das aber nicht möglich ist, wenn dringend Dinge zu klären sind im medizinischen Bereich, dann müssen Sie den Kontakt natürlich aufnehmen. Und dann ist es wichtig, ganz strenge Hygienemaßnahmen einzuhalten. Waschen Sie sich also intensiv die Hände, achten Sie darauf, Abstand zu halten - so schwer das auch fällt. Das ist für den Gesundheitsschutz aller - vor allen Dingen der Älteren - jetzt unvermeidbar."

Wir bekommen keine Hilfsmittel mehr. Ich weiß von Pflegeheimen, dass die auch nichts mehr haben. Wir sind ein reiches und modernes Land, wie kann das sein?

"Das ist eine der Konsequenzen, die wir aus dieser Krise ziehen. Wir sind bei diesen Dingen viel zu abhängig vom globalen Markt. Wir haben vor der Corona-Krise schon gesehen, dass es bei vielen Medikamenten in den Krankenhäusern und Apotheken Engpässe gab, weil dort nur aus Ländern außerhalb Europas zugeliefert wird. Die Hilfsmittel sind für mich der oberste Punkt, den ich mir auf den Zettel geschrieben habe, für die Dinge, die nach der Krise zu klären sind. Wir müssen es in Europa schaffen, uns unabhängig vom globalen Markt mit solchen Mitteln eindecken zu können."

"In der Krisensituation haben sich einige Pflegeheime natürlich für ein paar Tage Vorräte geschaffen - ich überlege, ob wir gesetzlich nochmal verpflichten, sich für eine längere Zeit zu bevorraten. Dass wir jetzt auf dem gesamten Weltmarkt nach Schutzausrüstung suchen, das ist nicht hinzunehmen. Wir brauchen in Europa wieder Stränge von Produktion - von Medikamenten, von Hilfsmitteln, die uns unabhängig machen."

Wie kann es sein, dass Unternehmen in dieser großen Notlage so einen Reibach mit Atemschutzmasken machen dürfen? Warum kann die Regierung da nicht eingreifen und dem Betrieb Strafen auferlegen?

"Ich bin sehr dankbar dafür, dass umgekehrt viele Unternehmen im Land aufgerufen haben, uns zu unterstützen - da sind Behindertenwerkstätten, die jetzt ihre Nähmaschinen angeschmissen haben, Justizvollzugsanstalten und Theater. Alle unterstützen uns und helfen. Den Unternehmen, die jetzt mit solchen Wucherpreisen im globalen Markt unterwegs sind, denen werden wir momentan nicht beikommen. Nochmal: Wir müssen europäische Lösungen finden, um uns von solchen Firmen unabhängig zu machen."

Wie dramatisch ist die Lage in Sachen Schutzkleidung?

"Die Pflegeheime im Land haben zwar einen gewissen Vorrat, der neigt sich in vielen Bereichen aber dem Ende zu. Am Wochenende hat Landwirtschaftsminister Backhaus ganz unkomplizierte Hilfe angeboten. Er hat Schutzkleidung an die Landkreise ausgeliefert, die nach der Vogelgrippe und in Vorbereitung auf die Afrikanische Schweinepest vorhanden war."

Ist es erlaubt, persönliche Geschenke und kleine Aufmerksamkeiten im Pflegeheim abzugeben oder ein Päckchen per Post zu schicken?

"Wo sind die Gegenstände her? Sind sie so verpackt, dass sie nicht ein zusätzliches Risiko bringen? Wie kann solch eine Übergabe möglichst keimfrei gelingen? Das sind die Fragen, die vor Ort geklärt werden müssen. Aber natürlich ist es möglich, dass persönliche Gegenstände in die Pflegeheime reingereicht werden, zum Beispiel ein Blumenstrauß zum Geburtstag."

Wir haben zwei kleine Kinder. Falls wir als Eltern am Corona-Virus erkranken und die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt, wer kümmert sich dann um die ebenfalls infizierten Kinder?

"Ich gehe davon aus, dass die Fälle ganz unterschiedlich verlaufen. Wenn die Eltern ins Krankenhaus müssen, dann stellt sich die Frage, wie stark die Kinder erkrankt sind und ob sie auch stationär behandelt werden müssen. Evtl. gibt es die Möglichkeit, sie über die Jugendhilfe zu betreuen. Ich will aber gar nicht den Teufel an die Wand malen - es ist ja meist eher für die Risikogruppen so, dass sie stationär behandelt werden müssen. Deswegen fahren wir jetzt auch die Kapazitäten hoch, was Intensivbetten und Medizintechnik angeht, um die Leute gut versorgen zu können. Für Menschen ohne Vorerkrankungen läuft es manchmal sogar so ab, dass sie ohne Symptome bleiben oder die Krankheit zu Hause auskurieren können, in engem Kontakt mit dem jeweiligen Hausarzt - am Telefon."

Ich bin 77 Jahre alt und leide unter einer Lungenfibrose. Woher bekomme ich eine Atemschutzmaske?

"Menschen mit einer Vorerkrankung sollten ganz besonders auf sich achten, d.h. sie sollten ein ganz strenges Kontaktverbot einhalten, das eigene Haus so wenig wie möglich verlassen. Ansonsten gilt: Melden Sie sich da, wo Sie auch sonst ihre Schutzmaßnahmen herbeziehen. Die Stellen stehen in engem Kontakt mit den Landkreisen, die das Material direkt dorthin verteilen, wo es gebraucht wird."

Wie ist das Besuchsrecht für Menschen geregelt, die in einer nicht eingetragenen Partnerschaft leben?

"Diejenigen, die gemeinsam in einem Haushalt wohnen, die dürfen sich natürlich gegenseitig sehen, die leben ja auch zusammen. Die dürften auch als Kernfamilie gelten, wenn es um den Besuch von Familien geht. Aber noch mal ausdrücklich mein Aufruf - fragen Sie sich: Wie notwendig ist ein solcher Besuch zum Beispiel bei älteren Verwandten über die Osterfeiertage wirklich? Halten wir als Familie dieses Osterfest nicht auch aus, indem wir versuchen zu telefonieren, zu skypen und die direkten Kontakte so gering wie möglich zu halten? Nächstes Jahr kann dann zu Ostern um so mehr gefeiert werden!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Der Tag | 30.03.2020 | 10:00 Uhr

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