Der Landrat von Vorpommern-Greifswald Michael Sack.

Anzeige wegen Körperverletzung gegen Landrat Sack

Stand: 19.04.2021 19:35 Uhr

Am Wochenende erreichte die Stralsunder Staatsanwaltschaft eine Anzeige wegen Körperverletzung gegen Landrat und CDU-Landeschef Michael Sack. Hintergrund ist der Meldeverzug in Vorpommern-Greifswald.

von Anna-Lou Beckmann, NDR 1 Radio MV

In der Begründung heißt es sinngemäß, dass durch die verspätete Meldung der Corona-Neuinfektionen durch das Gesundheitsamt in Vorpommern-Greifswald nicht die richtigen Corona-Regeln galten. Bei Berechnungen ohne Meldeverzug, sei die Inzidenz eigentlich so hoch gewesen, dass Schulen und Kitas geschlossen hätten müssen. In Folge dessen, so die Begründung für die Anzeige, hätten sich mehr Menschen mit Corona anstecken können oder sogar daran sterben können. Die Anzeige richtet sich gegen Sack als Landrat, nicht als Privatperson. Die Staatsanwaltschaft in Stralsund hat einen Prüfvorgang angelegt. Sie kontrolliert, ob es hinreichende Anhaltspunkte für eine Körperverletzung gibt, also ob tatsächlich durch den Meldeverzug mehr Menschen erkranken oder versterben konnten. Erst wenn sich das bestätigt, wird ein Ermittlungsverfahren eröffnet.

Kreis: Sorge dürfe sich als unbegründet erweisen

Auf NDR Anfrage erklärte Kreissprecher Achim Froitzheim, dass die Anzeige noch nicht vorliege. Sobald das der Fall sei, werde sie zur Prüfung dem Rechtsamt übergeben. Froitzheim bat um Verständnis, dass man nicht dem Prozedere vorgreifen wolle. Schon jetzt stellte er fest, dass sich die Sorge, dass nur durch den Meldeprozess Menschen einer Gefahr ausgesetzt worden seien, als unbegründet erweisen dürfte. Zu jeder Zeit habe der Kreis in knapp 90 Prozent der Fälle die Infektionsketten erkennen und unterbrechen können.

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Ursache für Meldeverzug nicht vollständig geklärt

Vor rund einer Woche hatte eine gemeinsame Prüfung durch den Landkreis Vorpommern-Greifswald und das Landesamt für Gesundheit ergeben, dass der Meldeverzug im Kreis durch ein Missverständnis entstanden sei. Landrat Sack kündigte an, dass die Neuinfektionen des Kreises ab sofort unverzüglich gemeldet würden. Eine Woche später bestand zwischen dem vom Landesamt für Gesundheit gemeldeten Inzidenzwert und Berechnungen ohne Meldeverzug jedoch eine Differenz von rund 80 Fällen. Landrat Sack erklärte das im NDR-Interview damit, dass Labore häufig falsche oder gar keine Telefonnummern der positiv Getesteten weitergeben würden.

Professor der Greifswalder Unimedizin bestreitet Sack-Vorwurf

Prof. Dr. Karsten Becker, Facharzt für Virologie an der Universitätsmedizin Greifswald, ist verantwortlich für die Auswertungen in den Laboren, sagte im Gespräch mit dem NDR er sei wenig amüsiert darüber gewesen, dass den Laboren der schwarze Peter zugeschoben werde. Das treffe zu einhundert Prozent nicht zu. Das komplette Gegenteil sei der Fall: Zweimal am Tag übermittelten die Labore elektronisch und dazu ein weiteres Mal per Fax die Daten. Die Telefonnummern der Personen seien immer dabei. Seit es Covid-19 gebe, so Becker, habe es nicht eine einzige Beschwerde des Landkreises gegeben, dass Daten nicht vollständig übermittelt worden seien. Vor dem Hintergrund der Kritik wollte Becker eine Lanze für die Mitarbeiter in den mikrobiologischen Laboratorien im ganzen Land brechen. Sie hätten vor rund einem Jahr eine völlig neue Diagnostik aufgebaut und arbeiteten seither rund um die Uhr.

Akteneinsicht offenbart Probleme bei der Kontaktnachverfolgung

Am Montagvormittag hat SPD-Kreistagsmitglied Erik von Malottki Akteneinsicht im Landratsamt genommen. Er hatte den Schriftverkehr zwischen Landratsamt, Landesamt für Gesundheit und dem Gesundheitsministerium rund um den Meldeverzug angefordert und zwischenzeitlich einen Anwalt eingeschaltet, weil der Landkreis seinem Antrag vorerst nicht nachkam. Die Durchsicht habe anhaltende Probleme bei der Kontaktnachverfolgung gezeigt. Weiterhin erfolge die Meldung der Fälle verzögert. Von Malottki möchte den Meldeverzug zum Thema machen bei der anstehenden Sitzung des Gesundheitsausschusses in rund zwei Wochen. Währenddessen wartet die Kreisfraktion der Grünen noch auf eine Rückmeldung zu ihrer Akteneinsicht. Bei der Suche nach der Ursache des Meldeverzugs wollen sie den gesamten Schriftverkehr innerhalb der Kreisverwaltung einsehen.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Die Nachrichten | 19.04.2021 | 18:00 Uhr

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