Stand: 03.07.2020 15:42 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Alte Mensa Wismar - ein vergessener Müther-Bau

Die Alte Mensa in Wismar - früher ein beliebter Veranstaltungsort

Die Alte Mensa in Wismar bietet heute ein tristes Bild: Zerbrochene Scheiben, überwucherte Wege, das klotzige Gebäude ist heruntergekommen und steht seit Jahren nahezu leer. Nur das Schild mit der Aufschrift "Mensakeller" erinnert noch an die bewegte Vergangenheit: Denn wer zu DDR-Zeiten in die Alte Mensa ging, tat das nicht nur, weil er Hunger hatte, sondern Durst: Der Spruch "Lass uns in die Mensa gehen" war gleichbedeutend mit "Lass uns feiern." Seit 1975 war die Mensa der Ort für Partys und Konzerte in der Hansestadt. Die Ostrock-Legenden "Die Puhdys" traten dort auf, Werftarbeiter hauten dort ihren Lohn auf den Kopf und so mancher Wismarer verbindet mit dem Treffpunkt in der Plattenbausiedlung "Friedenshof 1" Erinnerungen an den ersten Kuss oder den ersten Liebeskummer.

Neue Pläne für die Alte Mensa

Nun will die städtische Wohnungsbaugesellschaft Wobau das marode Gebäude sanieren und dort selbst einziehen. Zusätzlich sollen Wohnungen und Büros vermietet werden. Mit dieser Idee jedenfalls hat sich die Gesellschaft im Auftrag der Stadt um den Kauf bemüht. Der Vertrag mit dem bisherigen Eigentümer liegt nach Informationen von NDR 1 Radio MV bereits beim Notar.

Das vergessene Denkmal

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Der Eingang zur Alten Mensa in Wismar - ein Bau Ulrich Müthers.

Zwei Privatpersonen haben beantragt, die Alte Mensa unter Denkmalschutz zu stellen. Denn sie ist, auch wenn das von außen nicht sofort erkennbar ist, ein Bau des berühmten Bauingenieurs Ulrich Müther. Er hatte unter anderem den Teepott in Warnemünde, die Kurmuschel in Sassnitz oder - gemeinsam mit anderen Architekten - die Umbauung des Berliner Fernsehturms geschaffen. Insgesamt 74 dieser Zeugnisse der architektonischen Moderne hat er entworfen und gebaut. Das Erbe Müthers wird in der Hochschule Wismar bewahrt - im Müther-Archiv.

Experten unterstützen Denkmalantrag

Der Leiter des Müther-Archivs, Professor Matthias Ludwig, sagt, die Verantwortlichen seines Bereichs "können den überdurchschnittlich hohen Wert für den Denkmalschutz nur unterstreichen." Der Architekt und Chef der Architektenkammer-Gruppe Wismar/Nordwestmecklenburg, Kurt M. Herrmann, sieht einen Denkmal-Status auch als Chance für den neuen Besitzer, die Wobau Wismar. Der Umbau des Hauses, so schätzt er ein, dürfte sich dadurch nicht wesentlich verzögern. Und auch der Wismarer Welterbe-Professor Arnd Florian Hennemeyer geht davon aus, dass eine denkmalgerechte Sanierung des Hauses nicht teurer wird als die bisher geplante - weil es für solche Denkmal-Projekte Fördermittel gibt. Unterdessen haben sich bereits Studenten der Hochschule Wismar mit dem Bau beschäftigt - am 30. Juni 2020 hatten sie der Wobau ihre Ideen für eine künftige Nutzung der Alten Mensa vorgestellt.

Keine Zukunft als Veranstaltungsort

Wenn die Wobau die Alte Mensa ersteinmal erworben hat, ist zumindest die Gefahr gebannt, dass das Gebäude weiter verfällt und schließlich abgerissen wird. Eine Zukunft als Veranstaltungsort aber wird es für den einstigen Leuchtturm der Veranstaltungskultur wohl nicht mehr geben. Denn im Kaufvertrag ist nach Informationen von NDR 1 Radio MV festgeschrieben, dass die Alte Mensa nie wieder für Veranstaltungen genutzt werden darf.

Ausschluss-Klausel im Kaufvertrag

Diese Klausel hat eine Vorgeschichte: Der bisherige Besitzer hatte in der Vergangenheit immer wieder Probleme mit den Behörden - mal ging es um Brandschutz, mal um die Lautstärke der Partys, die dort noch bis 2018 gefeiert wurden. Kurz: Er fühlt sich rückblickend von den Behörden schlecht behandelt. Mit dem Passus im Kaufvertrag will er nun verhindern, dass jemand anders dort eine Geschäftsidee verwirklicht, die ihm, nach eigenem Empfinden, verwehrt wurde.

Trotz der Rettung bleibt ein Verlust

Und so bleibt bei vielen Wismarern ein zwiespältiges Gefühl: Einerseits wird ein Denkmal, ein Ort, der vielen Menschen wichtig war, bewahrt. Andererseits ist die Zeit der großen Feten in der Alten Mensa nun voraussichtlich für immer vorbei. Und das, obwohl der Stadt nach dem Gefühl vieler, vor allem jüngerer Einwohner, genau so ein Ort fehlt. Die Sanierung der Alten Mensa in Wismar soll nach Angaben der Wobau nicht vor Ende 2021 beginnen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 02.07.2020 | 08:40 Uhr

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