Stand: 04.07.2018 20:00 Uhr

Ärztekammer warnt vor Krankenhaus-Kommerz

von Stefan Ludmann, NDR 1 Radio MV

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Ärztekammer-Präsident Dr. Andreas Crusius ruft Mediziner dazu auf, sich dem Ökonomisierungsdruck nicht zu beugen.

Der Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, Andreas Crusius, hat vor einer immer stärker werdenden Kommerzialisierung in den Krankenhäusern des Landes gewarnt. Ärzte müssten sich dieser Entwicklung widersetzen und dürften sich dem ökonomischen Druck der Chefetagen nicht beugen, ansonsten schwinde das Vertrauen der Patienten. Das schreibt Crusius im Mitteilungsblatt der Kammer.

Appell an die Berufspflichten

Es ist ein eindringlicher Appell an die Berufspflichten der Mediziner, über die die Ärztekammer wacht. Die Erwartungen von Klinikchefs nach immer mehr Leistung, immer mehr Operationen und immer mehr Gewinn treibe Ärzte und Schwestern in einen Konflikt mit der Berufsordnung, so der Ärztekammer-Präsident. Denn das Ziel der Gewinnmaximierung auch durch Stellenabbau mache die notwendige Hilfe für den Patienten unmöglich. Menschlichkeit und ärztliche Ethik seien aber die Gebote des Berufs.

Crusius: Auch Ausbildung kommt zu kurz

Der ökonomische Druck führe jedoch auch dazu, dass die Ausbildung des Ärztenachwuchses und der Krankenschwestern zu kurz komme, berichtet Crusius aus dem Alltag vieler Kliniken im Land. "Tagtäglich werden junge Kolleginnen und Kollegen zu Tätigkeiten herangezogen, die sie nicht eigenverantwortlich durchführen können." Crusius fordert seine Berufskollegen auf, sich auf die "ärztliche Grundhaltung zurückbesinnen".

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Ein Verstoß gegen Berufspflichten seien beispielsweise Arbeitsverträge, in denen das Medizinergehalt an eine Mindestzahl von Untersuchungen oder ein größeres Operationsaufkommen gekoppelt sei. Solche Fälle könnten strafrechtlich relevant und ein Verstoß gegen den Strafgesetzparagraphen 299a sein - der sieht Strafen bei korruptivem Verhalten von Medizinern vor. Crusius empfiehlt, "Chefarzt-Verträge und die leitender Oberärzte von den Ärztekammern überprüfen zu lassen".

"Wir sind der letzte Anwalt des Patienten"

Die Medizin dürfe nicht zu einer industriellen Produktionsstätte werden. Das widerspreche dem Berufsethos und "kann von uns nicht weiter akzeptiert werden", so der Kammerpräsident, der seine Berufskollegen mit diesem Satz wachrütteln will: "Wir sind der letzte Anwalt des Patienten".

Unmut an Krankenhäusern im Land

Aktuell macht die Lage an der landeseigenen Universitätsmedizin Rostock Schlagzeilen. Ärzte und Pflegepersonal beklagen Arbeitsüberlastung, Personalmangel und fehlende Investitionen. Gleichzeitig steige der wirtschaftliche Druck. Ähnliches wird auch aus privat-wirtschaftlichen Krankenhäusern berichtet. In der Vergangenheit machte da vor allem die Helios-Klinik in Schwerin auf sich aufmerksam. Deren Leitung drängte die einzelnen Kliniken immer wieder zu höheren "Fallzahlen". Die Gewinnerwartung in dem Krankenhaus-Konzern gilt als besonders hoch - mit entsprechendem Druck auf das Personal.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 05.07.2018 | 06:00 Uhr

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