Ein Mann hält eine rote Schleife als Symbol der Solidarität mit HIV-Positiven und Aids-Kranken. © dpa-Bildfunk

Welt-Aids-Tag: Infektion längst kein Todesurteil mehr

Stand: 01.12.2021 14:17 Uhr

Anfang der 1980er-Jahre war die Diagnose Aids nahezu ein Todesurteil. Betroffene hatten in der Regel nur noch kurze Zeit zu leben - seitdem hat sich viel geändert.

von Yasmin Appelhans

Hildegard lächelt ein breites Lächeln im Frisierumhang mit Färbemittel im Haar. Ihre 74 Jahre sieht man ihr nicht unbedingt an. Nur der Satz unter dem Bild lässt erahnen, dass in ihrem Körper ein potentiell tödliches Virus schlummert: "Mein Problem sind graue Haare - nicht HIV", steht da. Dazu das Logo des Welt-Aids-Tags. Seit 25 Jahren weiß sie von ihrer HIV-Infektion.

Angriff auf das Immunsystem

Über die immer neuen Meldungen von Covid-19 könnte man fast vergessen, dass es noch andere Pandemien gibt, die weltweit viele Todesopfer fordern. Vor 40 Jahren wurde Aids von der amerikanischen Behörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) offiziell als Krankheit anerkannt.

Plakat der deutschen Aidshilfe zum Weltaidstag 2021 © Deutsche Aidshilfe Foto: Deutsche Aidshilfe
Plakat der deutschen Aidshilfe zum Welt-Aids-Tag 2021.

Der Name Aids ist ein Akronym des englischen Audrucks "Acquired Immune Deficiency Syndrome", auf Deutsch etwa: erworbenes Immunschwächesyndrom. Die Krankheit bricht nach einer Infektion mit dem HI-Virus aus, wenn das Immunsystem durch das Virus zerstört wurde.

Das HI-Virus vermehrt sich, wenn nicht behandelt, in den menschlichen Körperzellen, vornehmlich in Helferzellen des Immunsystems. Die Hüllen des Virus und der Helferzellen verschmelzen und das Virus kann in die Zellen eindringen. Hier programmiert es die Zelle so um, dass sie viele neue Virenbausteine produziert. Die Bausteine werden zusammengesetzt, werden aus der Zelle geschleust und nehmen dabei ein Stück der Zellhülle mit. Die neu entstandenen Viren können wieder neue Helferzellen des Immunsystems befallen, die Helferzelle des Immunsystems stirbt ab. Das löst dauerhaft die Krankheit Aids aus.

Eine Tablette - starke Wirkung

Viele haben noch Bilder und Berichte von HIV-Infizierten von der Anfangszeit im Kopf: von der schweren Krankheit Aids gezeichnete Menschen. Auch die ersten Medikamente hatten es in sich, sagt Ute Krackow vom Landesverband der Aids-Hilfen Schleswig-Holstein: "Es gab Zeiten, da haben die Leute 40 Tabletten am Tag genommen, zu unterschiedlichen Zeiten, mit unterschiedlichen Lebensmitteln oder Getränken." Viele von ihnen hatten schwere Nebenwirkungen.

Dazu kam die ständige Angst um die Infektion von Sexualpartnerinnen oder Sexualpartnern. Eine Schwangerschaft war für viele undenkbar. Zu groß das Risiko, dass sich das Kind bereits im Mutterleib infiziert.

Für Hildegard und viele andere Infizierte hat sich das Leben mit HIV grundlegend geändert. Sie nehmen eine einzige Tablette täglich, zu jeder beliebigen Tageszeit. Auch Depotspritzen sind seit dem vergangenen Jahr zugelassen, durch die gar keine Tabletten mehr nötig sind. Es reicht eine Spritze jeden Monat oder sogar alle zwei Monate. "Nebenwirkungen spüre ich gar keine", sagt Hildegard.

Klug kombiniert

Das Medikament in der Tablette oder Depotspritze ist eigentlich ein Kombinationspräparat, also ein Medikament, das aus verschiedenen Wirkstoffen besteht. Diese Wirkstoffe werden in verschiedene Klassen unterteilt:

Sogenannte Entry-Inhibitoren oder Eintrittshemmer verhindern, dass das Virus in die Körperzellen eindringen kann. Manche besetzen die Rezeptoren auf der Zelloberfläche, so dass das Virus gar nicht an die Zelle andocken kann. Andere verhindern, dass das Virus mit den Körperzellen verschmelzen kann.

Dann gibt es eine Reihe von Wirkstoffen, die die Funktion von bestimmten Enzymen hemmen, die das HI-Virus benötigt, um sich in den Körperzellen zu vermehren. Dazu gehören die Reverse-Transkriptase-Inhibitoren. Das HI-Virus ist ein sogenanntes Retro-Virus, dessen Erbgut in Form von RNA vorliegt und in doppelsträngige DNA umgeschrieben werden muss, bevor sie in das Erbgut der menschlichen Zellen eingebaut werden kann. Das Enzym Reverse Transkriptase übernimmt dieses Umschreiben. Ist es gehemmt, liegt das Erbgut in der falschen Form vor und das Virus kann sich nicht vermehren. Integrase-Inhibitoren hemmen das Enzym, das das Virus benötigt, um sein Erbgut in die menschliche DNA einzubauen. Protease-Inhibitoren verhindern, dass neue Virenbausteine produziert werden. 

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Es gibt verschiedene Kombinationen der Wirkstoffklassen in den Medikamenten.

Leben mit HIV - anders als man denkt

Als diese Wirkstoffe und die Kombinationstherapie entwickelt wurden, bedeutete das einen wahren Durchbruch in der Behandlung von HIV-Infizierten. Denn durch die Medikamente sind keine Viren mehr im Blut nachweisbar, die Krankheit Aids bricht gar nicht erst aus. Geschlechtspartner können sich nicht anstecken. Im Mutterleib wird das Virus nicht mehr auf das Kind übertragen. Anfälliger für andere Krankheiten, wie auch COVID-19, sind behandelte Infizierte nicht. Auch die Lebenserwartung ist mit HIV heute nicht niedriger als vorher. Die Kampagne der Deutschen Aidshilfe, für die auch Hildegard Modell stand, steht deshalb auch unter dem Motto: "Leben mit HIV – Anders als du denkst."

Auch wenn durch die neuen Medikamente kein Virus im Körper mehr nachweisbar ist: Ganz geheilt ist man dadurch dennoch nicht, erklärt Ute Krackow vom Landesverband der AIDS-Hilfen Schleswig-Holstein: "Es gibt Schläferzellen, die bleiben zum Beispiel in den Lymphknoten. Würde man die Tabletten absetzen, dann würden die sich auch wieder vermehren." Werden die Medikamente aber regelmäßig genommen, ist ein weitgehend normales Leben möglich.

Teure Therapie

Die Medikamente kosten ungefähr 12.000 Euro im Jahr. Neben politischen und religiösen Entwicklungen ein Grund, warum Länder des globalen Südens lange Zeit von der revolutionären Entwicklung der HIV-Therapie ausgeschlossen waren. Inzwischen sind auch Generika verfügbar, die teils auch in weniger wohlhabenden, dafür aber stark betroffenen Ländernwie im südlichen Afrika eingesetzt werden können. Hier sind bis zu 40 Prozent der Bevölkerung infiziert.

Impfung und Stammzellen

Ein effektiver Impfstoff ist bisher allerdings noch nicht entwickelt. Zu komplex ist das Retrovirus HIV, das sich immer wieder verändert.

Und auch spektakuläre Fälle, in denen Infizierte mit Hilfe von Stammzellen komplett vom Virus geheilt wurden, werden zukünftig eher die Ausnahme bleiben, weil die Behandlung risikoreich ist. Der Kieler Professor für Virologie und Infektiologie Helmut Fickenscher sagt: "Das sind spektakuläre, fantastische Ergebnisse, aber es wird sich nicht für die Therapie eignen." Bei der Stammzelltransplantation stürben mehrere Prozent der Patientinnen und Patienten. An der HIV-Therapie stirbt niemand.

Auch gebe es weltweit viel zu wenige Menschen, die die für die Therapie nötige Mutation in ihren Stammzellen haben und somit überhaupt für eine Spende geeignet wären. "In der europäischen und nordeuropäischen Bevölkerung liegt das bei wenigen Prozent. In der asiatischen und afrikanischen Bevölkerung gibt es das gar nicht", sagt Fickenscher.

Die Zukunft: breit neutralisierende Antikörper

Noch selten in der Therapie verwendet werden breit neutralisierende Antikörper. Das sind Antikörper, die die Infektion der Zellen durch die Viren blockieren. Sie werden von einigen wenigen Infizierten ausgebildet und können einen Großteil der HIV-Stämme neutralisieren. Sie könnten irgendwann zum Einsatz kommen, wenn es vermehrt Resistenzen gegen die bisher verwendeten Kombinationswirkstoffe geben sollte.

Damit die Therapie möglichst rechtzeitig begonnen werden kann, ist eine rechtzeitige Diagnose wichtig. Laut Robert-Koch-Institut wissen aber nur ungefähr 88 Prozent der Menschen in Deutschland von ihrer Infektion. Die Aids-Hilfen in Schleswig-Holstein werben darum derzeit um Geld für ein Info- und Diagnose-Mobil, um auch im ländlichen Raum mehr Aufklärung leisten zu können. Dass es jeden treffen kann, weiß auch Hildegard, die sich häufig mit Vorurteilen konfrontiert sieht: "Es betrifft jeden, der irgendwie auch mal Sex hat."

Weitere Informationen über die Erkrankung, Diagnose und Therapien finden Sie auf den Seiten der Deutschen Aidshilfe und dem Robert Koch-Institut.

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NDR Info | Wissen+ | 01.12.2021 | 06:50 Uhr

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