Die Ukrainerin Tanja Koktash passt ehrenamtlich in Helmstedt auf Kinder aus ihrem Heimatland auf. © NDR / Lydia Callies

Tanja Koktash: Neue Arbeit und neuer Lebenssinn

Stand: 24.07.2022 09:47 Uhr

Tanja Koktash lebt nahe Mariupol, bis sie vor dem Krieg fliehen muss. Die 62-Jährige kommt mit ihrer Familie nach Helmstedt in Niedersachsen. Die Reporterinnen Sabine Hausherr und Lydia Callies begleiten die Ukrainerin für ein NDR Info Langzeitprojekt bei ihrem Leben in Norddeutschland. Hier der Blog.


24.07.2022

Blog #7 - Neue Arbeit und neuer Lebenssinn

Tanja Koktash möchte etwas zurückgeben: In ihrer neuen norddeutschen Heimat hat sie nach ihrer Flucht aus der Ukraine viel Hilfsbereitschaft erfahren. Nun will auch sie helfen. Jeden Donnerstag passt sie gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen auf ukrainische Kinder auf. Die St.-Thomas-Kirche in Helmstedt hat seit Juni ihren Gemeindesaal dafür zur Verfügung gestellt. Während die Mütter einen Deutschkurs besuchen, können die Kinder dort spielen. "Es tut mir gut. Es ist zwar nur einmal die Woche, aber ich komme hierhin und habe die Möglichkeit, mit den Kindern zu kommunizieren. Es lenkt mich von allen Problemen ab. Das gefällt mir", sagt Tanja Koktash. In der Ukraine war sie als Musiklehrerin tätig.

An diesem Vormittag sind es sieben Kinder, die sie zusammen mit einer weiteren Ehrenamtlichen betreut. Alle zusammen singen "Alle meine Entchen" auf Russisch, die Sprache mit der Tanja Koktash in der Ukraine aufgewachsen ist. Die Arbeit lenkt sie zumindest ein wenig von der Flucht, den Kriegserlebnissen und ihrer Unsicherheit ab. Noch immer sei die Gesamtsituation schwer zu ertragen, aber sie versuche, sich so gut es geht in der neuen Heimat in Norddeutschland einzuleben, sagt sie. Ähnlich geht es wohl auch den Kindern, die hier betreut werden: "Mir gefällt es hier nicht so, in der Ukraine war es immer noch besser. Weil die Ukraine meine Heimat ist. Da ist mein Herz", sagt die fünfjährige Milana.

Tanja Koktash will auch nach den Ferien weitermachen

Die Betreuung geht noch bis Ende Juli, dann endet der Sprachkurs der Mütter. Die ukrainischen Kinder haben alle einen Kindergartenplatz bekommen oder gehen nach den Ferien in die Schule. Tanja Koktasch hofft, dass sie auch zukünftig mit Kindern arbeiten kann. "Ich weiß nicht wie lange wir hier in Deutschland bleiben werden. Natürlich wollen wir zurück in die Ukraine. Aber solange wir hier sind, komme ich gerne einmal oder auch mehrmals die Woche her. Ich würde das auch gerne weitermachen, weil es meine Leidenschaft ist, einen anderen Job kann ich mir nicht vorstellen."

Dann steht das nächste Lied an: Zusammen singen sie ein ukrainisches Volkslied, das sich in ihrer Heimat zu einer Art Überlebenshymne entwickelt hat. Alle Kinder können es auswendig. Tanja kommen dabei die Tränen.   

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04.07.2022

Blog #6 - Einzug in die neue Wohnung

Tanja Koktash und ihr Mann Viktor hängen in ihrer neuen Wohnung Bilder auf. © Sabine Hausherr / NDR Foto: Sabine Hausherr
Tanja Koktash und ihr Mann Viktor hängen in ihrer neuen Wohnung Bilder auf.

Tanja Koktash und ihre Familie war rund um die Osterzeit aus Sartana in der Nähe von Mariupol aus der Ukraine geflüchtet. Bis vor wenigen Tagen wohnte sie zusammen mit ihrem Mann Viktor noch bei ihrer Nichte im Gästezimmer. Nun haben die beiden eine eigene Wohnung in Helmstedt in Niedersachsen gefunden, ganz in der Nähe ihrer Tochter und ihren drei Enkelkindern.

Seit nicht einmal zwei Wochen wohnen die beiden in ihrer neuen Wohnung in Helmstedt, und schon jetzt ist sie fast komplett eingerichtet. Fast alles haben sie im Internet oder auf der Straße gefunden: Die holzfarbene Küche mit Dunstabzugshaube ist aus Braunschweig, der Kleiderschrank aus Magdeburg und das Bett aus Helmstedt. "Die Stadt ist wie eine Wundertüte. Man geht hier in Deutschland auf die Straße und findet einfach alles. Die Leute stellen alles raus, was sie nicht mehr brauchen. Die meisten Sachen, die ich jetzt in meiner Wohnung habe, habe ich irgendwo gefunden", sagt Tanja Koktash.

Tanja Koktash und ihr Mann Viktor hängen in ihrer neuen Wohnung Bilder auf. © Sabine Hausherr / NDR Foto: Sabine Hausherr
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Tanja Koktash zieht in die neue Wohnung (4 Min)

Zum ersten Mal seit wir die 62-Jährige besuchen, wirkt sie nun glücklich. Sie lacht, macht Späße und ist zuversichtlicher als sonst. Sie fühlt sich wohl in ihrem kleinen Mehrfamilienhaus, umgeben von viel Grün, nicht weit von der Helmstedter Innenstadt entfernt. 56 Quadratmeter nur für sie und ihren Mann. Das ist natürlich nicht dasselbe wie ihr großes Haus mit gepflegten Blumenbeeten in der Ukraine, aber wenigstens ist alles ordentlich hier.

Die Rückkehr zu einem "normalen" Leben fällt schwer

Zum Innehalten hatte sie in den vergangenen zwei Wochen nur wenig Zeit und das hat ihr offenbar gut getan. Nur, wenn sie zur Ruhe kommt, wird sie wieder nachdenklich. "Es ist ein seltsames Gefühl, als wenn ich in einem Märchen oder einer anderen neuen Realität lebe. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Ich lebe jetzt hier und versuche irgendwie zum normalen Leben zurückzukehren. Nachdem wir alles verloren haben und unser Haus in der Ukraine von Plünderern ausgeräumt wurde und ich viele Dinge verloren habe, weiß ich: Man muss jetzt leben, und sich nichts für später aufheben", sagt Tanja Koktash.

Ohne ihre Verwandten, die nun ebenfalls in Niedersachsen wohnen, hätte sie den Umzug und das schnelle Einrichten der neuen Wohnung nicht bewältigt. Während sie das alles erzählt, muss sie wieder einmal mit den Tränen kämpfen. Doch gleich darauf fasst sie sich wieder, erzählt von ihrem neuen Job. Einmal in der Woche passt Koktash ehrenamtlich in der örtlichen Gemeinde in Helmstedt auf ukrainische Kinder auf, während deren Eltern im Deutschkurs sitzen. "Ich gehe jetzt quasi zur Arbeit, zu meiner Lieblingsarbeit. Ich arbeite mit Kindern. Es sind immer so sieben bis acht Kinder da, das jüngste ist zwei Jahre alt, der älteste ist sechs. Das ist das, wo ich helfen und etwas zurückgeben kann, nachdem mir hier überall geholfen wurde", sagt Tanja Koktash.


15.06.2022

Blog #5 - Anfreunden mit der neuen Heimat

Tanja Koktash schaut auf ihrem Handy ein Video von einem Chor-Konzert in Braunschweig in Braunschweig an.  Foto: Lydia Callies
Tanja Koktash schaut sich zusammen mit ihrer Tochter Iryna auf ihrem Handy ein Video von einem Chor-Konzert in Braunschweig an.

Seit mehr als zwei Monaten wohnt Tanja Koktash nun zusammen mit ihrer Familie in der Nähe von Helmstedt in Niedersachsen. Der Umzug in eine eigene Wohnung steht kurz bevor und so langsam scheint es, dass die 62-Jährige auch die schönen Seiten ihres Zufluchtsortes genießen kann. Auf ihrem Handy läuft ein Video, das sie einen Tag zuvor von einem Chor in Braunschweig gemacht hat. Sie ist immer noch ganz beseelt von dem Konzert. Es war das erste für die frühere Musiklehrerin seit Beginn des Krieges in der Ukraine.

Zu Christi Himmelfahrt hatte sie zusammen mit allen Familienmitgliedern, die inzwischen in Norddeutschland leben, einen Städtetrip unternommen. Mit ihrem Mann, ihrer Tochter und den drei Enkeln sowie den Eltern ihres Schwiegersohns ging es nach Bayern. Nürnberg, München, Oberammergau und Garmisch-Partenkirchen hat die Familie erkundet. Mit dem Neun-Euro-Ticket sind sie außerdem nach Berlin gefahren. Von den deutschen Städten und deren Architektur ist Tanja Koktash begeistert: "Jede Stadt ist auf ihre eigene Art schön. Manche sind sehr gemütlich, aber alle sind originell. Es gefällt mir hier sehr", sagt sie. Die Ausflüge sind eine willkommene Abwechslung für sie und ihre Familie in den schwierigen Zeiten. "Es lenkt mich von schlechten Gedanken und Erlebnissen ab. Ich hoffe, wir können noch mehr reisen und sehen, solange wir hier sind", sagt sie.

Tanja Koktash und ihr Ehemann Viktor bei einem Ausflug in Bayern.
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Tanja Koktash erkundet die neue Heimat (4 Min)

Und auch bei Wohnsituation der Familie gibt es gute Neuigkeiten: Seit mehr als zwei Monaten hat sie zusammen mit ihrem Ehemann in einem kleinen Dorf im Landkreis Helmstedt bei ihrer Nichte mit im Haus gelebt. Jetzt endlich steht der Umzug in die eigene 57 Quadratmeter große Wohnung in die Innenstadt von Helmstedt an. Viel fehlt nicht mehr: ein Sofa und eine Waschmaschine sowie Kleinigkeiten wie Handtücher und Laken müssen Tanja und ihr Mann noch besorgen. "Ich bin froh, dass wir in die Nähe meiner Tochter und den Enkelkindern ziehen. Wir sind im Moment etwas weit voneinander entfernt", sagt Tanja Koktash. Dann wohnen ihre Enkelkinder in unmittelbarer Nähe und Tanja kann sie mit leckerem Essen verwöhnen. Und auch alle weiteren Gäste sind in der neuen Wohnung willkommen: "Alle haben mich hier herzlich aufgenommen, jetzt möchte ich sie im Gegenzug in unserer Wohnung empfangen."

Seelische Unterstützung und Ablenkung durch die Familie

Die künftige räumliche Nähe zu ihrer Mutter verschafft Tochter Iryna Zeit, für ihren Deutschkurs zu lernen. Zudem hofft sie, dass ihre Mama, die immer noch oft weint, ihr neues - hoffentlich vorübergehendes - Leben besser akzeptieren kann. "Es kann sein, dass es ein Jahr dauert, bis sich die Lage in der Ukraine wieder gebessert hat. Meine Mutter denkt jedoch, dass sie nächste Woche zurück in die Heimat und ihr Haus renovieren kann. Wir versuchen ihr zu sagen, dass geduldig sein muss", sagt Iryna.


18.05.2022

Blog #4 - Wohnungssuche und Zukunftsängste

Tanja Koktash mit ihrer Tochter Iryna in Helmstedt. © NDR/Lydia Callies Foto: Lydia Callies
Tanja Koktash ist mit ihrer Tochter Iryna auf der Suche nach einer Wohnung.

Tanja Koktash geht mit ihrer Tochter Iryna durch die Fußgängerzone von Helmstedt. Hier in der Innenstadt haben sie eine mögliche Wohnung für die 62-Jährige und ihren Mann Viktor gefunden. Das Paar wohnt seit der Flucht aus Mariupol vor rund einem Monat bei einer Nichte in einem benachbarten Dorf. Die ersten Eindrücke der 25.000-Einwohner-Stadt mit den vielen Fachwerkhäusern sind zwar positiv, aber Tanja Koktash ist noch sehr weit davon entfernt, sich zu Hause zu fühlen.

"Mein Leben hier ist bequem, es geht mir gut. Ich habe hier Enkelkinder, ich habe hier Verwandte, die uns helfen und wir helfen ihnen", versucht sie etwas Positives aus der Situation zu ziehen. Doch dann sagt sie niedergeschlagen: "Aber alle meine Gedanken sind in meiner Heimat. Ich hoffe, dass das alles – dieser Albtraum - so schnell wie möglich endet und wir wieder nach Hause zurückkehren können." Nach diesen Worten beginnt die Ukrainerin zu weinen.

Tanja Koktash schaut auf ihr Handy und lächelt bei der Erinnerung an die Fotoaufnahmen. © NDR/Lydia Callies Foto: Lydia Callies
AUDIO: Ukrainerinnen im Norden: Eine Wohnung ist kein Zuhause (4 Min)

Die Bilder in den Nachrichten aus dem zerstörten Mariupol bewegen sie sehr. Für ihre Tochter Iryna Koktash ist völlig klar, dass eine Rückkehr dorthin derzeit nicht möglich ist. Mariupol sei eine tote Stadt, sagt sie. Es gebe keine ausreichende Versorgung und sei viel zu gefährlich.

Wenn überhaupt, dann könnten ihre Eltern nach Kiew gehen, dort hat die Familie ein Apartment. Aber auch das könne nicht jetzt passieren, denn ihre Mama sei nicht in der Verfassung in die Ukraine zurückzukehren. "Ich will, dass sie ruhiger wird, weil sie sich selbst ständig nervös macht. Ich mache mir Gedanken um ihren Zustand. Manchmal muss ich zu ihr sagen: 'Hör auf zu weinen! Entspann dich und lebe!'", erzählt die Tochter der 62-Jährigen.

Tanja Koktash zeigt ein Handyfoto ihres blühenden Gartens in Sartana (Ukraine). © NDR/Lydia Callies Foto: Lydia Callies
Tanja Koktash zeigt ein Handyfoto ihres blühenden Gartens in Sartana (Ukraine).

Die Wohnung zu finden sei schwierig gewesen, berichten die Frauen. Und auch die Einrichtung ist eine Herausforderung. Mehr als 800 Menschen aus der Ukraine sind mittlerweile im Landkreis Helmstedt angekommen. Der Gebraucht-Möbelmarkt sei hier so gut wie leergefegt, erzählt Iryna Koktash. "Nun schauen wir in den näheren Städten. Zum Beispiel haben wir eine Schuhbank und einen kleinen Küchentisch in Braunschweig gefunden. Es ist ein wirkliches Problem. Wir haben nur ein begrenztes Budget und versuchen Sachen zu finden, die einerseits von guter Qualität, aber andererseits nicht so teuer sind – besser sogar kostenlos", sagt sie.

Tanja Koktash dachte bis vor kurzem noch, dass sie bald in ihre Heimat zurückkehren kann. Der Gedanke an die neue Wohnung bedrückt sie sichtlich. "Wir werden uns Mühe geben, irgendwie was aufzubauen", sagt die 62-Jährige. "So eine Art Grundausstattung. Ohne diese ganzen Kinkerlitzchen." Noch haben sie keinen Schlüssel für die Wohnung. Auch das Sozialamt muss noch zustimmen. Tanja Koktash zeigt uns Handybilder des Blumenbeets vor ihrem Haus bei Mariupol. Beim Anblick der Fotos lächelt sie - vor Heimweh.


29.04.2022

Blog #3 - Zerrissen zwischen Sicherheit und Verantwortung

Tanja und Viktor Koktash schauen gemeinsam auf ein Handy. © NDR/privat Foto: NDR/privat
Tanja und Viktor Koktash schauen gemeinsam auf sein Handy.

Tanja und Viktor Koktash sitzen auf dem Sofa und schauen auf das Display seines Handys. Der 65-jährige Ukrainer ist Betriebsrat eines großen Unternehmens in der Stahlindustrie. Unzählige Male sei er schon in dem jetzt von russischen Militärs eingekesselten Stahlwerk Azovstal in Mariupol gewesen, sagt er. "Ich gehe fest davon aus, dass auch viele, die ich kenne, in den Bunkern im Stahlwerk ausharren. Aber ich weiß es nicht genau, es gibt kein Internet und keine Telefonverbindung. Nur Leute, die es aus Mariupol hinaus geschafft haben, können mir sagen, wie die Lage derzeit ist. Und die rufen mich oft an."

Das Büro von Viktor Koktash. © NDR/privat Foto: NDR/privat
Das Gebäude in Mariupol, in dem sich das Büro von Viktor Koktash befand, ist zerstört.

Für 5.500 Mitarbeiter sei er als Betriebsrat verantwortlich, sagt Viktor Koktash. Viele von ihnen hätten alles verloren. Er will sie unterstützen und sucht von Niedersachsen aus im Internet nach neuen Wohnungen in sichereren Orten, schickt Geld, Kleidung, Lebensmittel. Doch eigentlich will er zurück, um vor Ort zu helfen. Doch Tanja will ihn nicht gehen lassen.

Tanja und Viktor Koktash schauen gemeinsam auf ein Handy. © NDR/privat Foto: NDR/privat
AUDIO: Tanja Koktash: Ehemann Viktor will zurück in die Ukraine (4 Min)

Zurück nach Mariupol? Nur gemeinsam

Die Ukrainerin Tanja Koktash kocht. © NDR/privat Foto: NDR/privat
Die 62-Jährige kocht Gemüsesuppe mit Hühnchen für die Enkelkinder.

Das Ehepaar ist Mitte März aus Mariupol geflohen, seitdem leben sie bei ihrer Nichte im Kreis Helmstedt. Auch ihre gemeinsame Tochter, ihr Schwiegersohn und die drei Enkelkinder sind hier. Alles hätten sie im Leben zusammen gemacht und gemeistert, 40 Jahre seien sie verheiratet, sagt Tanja Koktash und betont: "Wenn wir zurückgehen, dann werden wir gemeinsam zurückgehen. Ich gehe nur mit Viktor! Wie es auch kommen wird, wir sind unzertrennlich. Wir fahren nur zusammen nach Hause. Ich bleibe hier nicht alleine." Viktor Koktash ist in diesen Tagen zerrissen: Auf der einen Seite will er seine Frau nicht mit ins Kriegsgebiet nehmen, auf der anderen Seite seine Kollegen nicht im Stich lassen.

Ablenkung gegen Kriegsbilder im Kopf

Tanja Koktash singt zusammen mit ihrer Enkelin Zoe. © NDR/privat Foto: NDR/privat
Singen mit Enkelin Zoe.

Tanja Koktash sagt, sie müsse sich ablenken. Sonst könne sie die Kriegsbilder, die ihr immer wieder in den Kopf kämen, nicht aushalten. Also arbeitet sie im Haushalt, kümmert sich um den Garten - und die Enkelkinder. Der siebenjährige Mischa und die 13-jährige Aryna gehen hier schon zur Schule, Oma Tanja kocht ihnen das Mittagessen. In ihrer Heimat ist sie Musiklehrerin und so singt Tanja Koktash häufig mit ihrer jüngsten Enkelin Zoe (3). Heute ist es ein altes ukrainisches Volkslied, das sich in den vergangenen Wochen in ihrer Heimat zu einer Art trotziger Überlebens-Hymne entwickelt hat: Es handelt von einer typisch ukrainischen roten Blume, die den Kopf hängen lässt, aber wieder aufgerichtet werden wird. Das kleine Mädchen mit den langen blonden Locken wippt dazu im Takt, ihre Oma hält sie an den Händen… 

Tanja und Viktor Koktash haben sich darauf geeinigt, dass sie auf jeden Fall den Mai noch gemeinsam in Niedersachsen verbringen. Und sie werden sich bei der Ausländerbehörde registrieren - falls ihr Aufenthalt sich aufgrund der Kriegslage doch verlängert.


24.04.2022

Blog #2 - Ankunft in Niedersachsen

Es ist früh am Abend, als Tanja Koktash in einem kleinen Dorf im Landkreis Helmstedt aus dem Auto steigt. Fast 2.500 Kilometer ist sie gefahren, auf der Flucht vor dem Krieg in ihrer Heimat, der Ukraine. Jetzt steht die zierliche 62-Jährige auf der Straße und weint vor Freude und Erleichterung. Zusammen mit ihrem Ehemann Viktor und ihrem Schwiegersohn Ivgeny ist sie in einem typischen niedersächsischen Wohngebiet angekommen.

VIDEO: Tanja Koktash: Emotionale Ankunft in Niedersachsen (1 Min)

Zweieinhalb Tage haben sie für die letzte Etappe gebraucht: Von Ternopil im Westen der Ukraine über Rumänien und Ungarn kommen sie nach Norddeutschland. Hier kommen Viktor und sie bei ihrer Nichte unter, die schon seit sieben Jahren in Deutschland lebt. Auch ihre Tochter Iryna wohnt mit ihren drei Kindern in der Nähe - und ist glücklich, dass die Familie nun wieder komplett ist.

Familie Koktash nach der Flucht wieder vereint (von links): Anja, Mischa, Schwiegermutter Lidiia, Tanja, Zoe, Aryna, Ivgeny, Viktor, Iryns © NDR/privat Foto: privat
Familie Koktash nach der Flucht wieder vereint (von links): Anja, Mischa, Schwiegermutter Lidiia, Tanja, Zoe, Aryna, Ivgeny, Viktor, Iryna

Tanja Koktash war Musiklehrerin, ist viel gereist, legt Wert auf ihr Äußeres. Auf Handybildern sieht man sie im Kleid oder mit Rock und Bluse, immer mit Lippenstift und geföhntem Haar. Jetzt, nach zweieinhalb Tagen im Auto, sieht sie blass und müde aus. Sie hat kaum Gepäck dabei.

Tanja Koktash: "Als ich mein Haus in Sartana im Osten der Ukraine verlassen habe, habe ich praktisch nichts mitgenommen. Ich dachte, der Krieg dauert nur zwei Tage und wir können wieder zurück nach Hause. In Ternopil bei meinem Sohn habe ich dann endlich Anziehsachen bekommen, dort gab es viel humanitäre Hilfe und Kleiderspenden. Aber ich habe nur ein paar praktische Sachen mit nach Deutschland genommen."

Das Zuhause zerstört - plötzlich Kriegsflüchtling

Dass sie mit 62 Jahren noch mal zum Kriegsflüchtling wird, konnte sie sich bis vor Kurzem nicht vorstellen. "Natürlich war uns klar, dass wir uns im Osten der Ukraine eigentlich seit acht Jahren im Krieg befinden. Mal gab es mehr Kämpfe, mal weniger - daran hatten wir uns schon gewöhnt", sagt die Ukrainerin. "Aber dass es so schlimm werden würde, damit habe ich nie gerechnet! Dass wir das Land verlassen müssen! Dass wir alles verlieren, was wir haben! Nein, das hatte ich mir so nicht vorstellen können..."

Tanja Koktash mit Familie und Gästen auf der Terrasse ihres Hauses in Sartana, nahe Mariupol. © NDR Foto: privat
Tanja Koktash mit Familie und Gästen auf der Terrasse ihres Hauses in Sartana.

Ihr Haus in Sartana in der Nähe von Mariupol ist nahezu zerstört: die Scheiben sind durch Druckwellen gebrochen, die Zimmerdecken zum Teil eingestürzt. Dass russische Soldaten jetzt kommen und einfach ihre Sachen nehmen könnten, ist für Tanja Koktash eine demütigende Vorstellung. "Deshalb habe ich meinen Nachbarn gesagt: Geht in mein Haus und nehmt Euch alles, was Ihr braucht! Vor allem die ganzen Lebensmittel."

Wieder schaut sie auf ihr Handy, zeigt Fotos von ihrem Haus und ihrem Garten, und weint dabei. Ihr blühendes und friedliches Paradies gibt es nun so nicht mehr. Während Tanja Koktash ihre Fotos zeigt, sitzt sie unruhig auf der Kante der Couch und wirkt so, als würde sie direkt wieder abreisen wollen. So richtig angekommen ist sie noch nicht in Deutschland; in Gedanken ist sie noch ganz in ihrer Heimat Ukraine.

"Ich vermisse mein Zuhause, meine Freunde und einfach das ganz normale Leben, das ich geführt habe. Ich hatte alles, was ich brauche. Und das Schlimmste daran ist: Ich weiß nicht, ob ich dieses alte Leben jemals wieder zurückbekommen werde." Tanja Koktash

 

Tanja Koktash umarmt ihre Tochter Iryna und Enkelin Zoe nach ihrer Ankunft in Bahrdorf. © NDR Foto: privat
AUDIO: Tanja Koktash: Wiedersehensfreude nach geglückter Flucht (5 Min)

19.04.2022

Blog #1 - Die Flucht aus der Ukraine

Tanja Koktash und ihr Mann Viktor leben in Sartana, eine Siedlung nahe der Hafenstadt Mariupol im Osten der Ukraine. Am Abend vor Kriegsausbruch Ende Februar habe sie dort noch glücklich ihren Geburtstag gefeiert, berichtet sie im Gespräch mit NDR Info. Doch dann begann der Beschuss, es kam zu Bombeneinschlägen in ihrer Nachbarschaft und das Ehepaar floh zu Freunden nach Mariupol. Dort schliefen sie drei Nächte in einem Theater, wo später 300 Menschen durch einen Luftangriff ums Leben kamen.

Während eines Video-Telefonats ist auf einem Smartphone Tanja Koktash zu sehen. © NDR Foto: Sabine Hausherr
AUDIO: Tanja Koktash: "Ich habe schon jetzt solches Heimweh" (5 Min)

Der Krieg erreicht Mariupol

Während eines Video-Telefonats ist auf einem Smartphone Tanja Koktash zu sehen. © NDR Foto: Sabine Hausherr
Tanja Koktash während des Video-Interviews. Zu diesem Zeitpunkt ist die 62-Jährige auf der Flucht aus der Ukraine.

Etwa eine Woche später, am 3. März, wurde sich Tanja Koktash der Gefahr in ihrer Heimat bewusst. Sie war noch immer im Mariupol. Strom und Gas waren wieder einmal ausgefallen, deshalb bereitete sie draußen auf einem Gaskocher Piroschki, die in Osteuropa geliebten Teigtaschen, zu - als plötzlich ein Panzer das Nachbarhaus beschoss. "Es war schrecklich; diese Druckwelle! Alle Fensterscheiben zerbrachen, ich wurde wie durch einen Schlag zurück ins Haus geworfen. Zum Glück stand die Tür offen, sonst wäre ich dagegen geprallt - und jetzt wahrscheinlich tot", erinnert sich die 62-Jährige.

Das, was sie anschließend auf den Straßen von Mariupol erlebte, ist erschütternd: "Einige Leute hatten ein paar Lebensmittelvorräte. Sie gingen mit ihren Kindern vor die Häuser und bereiteten dort draußen ihr Essen zu - es ging ja nicht anders. Doch es passierte sehr oft, dass Granatsplitter von Explosionen umherflogen und dabei ganze Familien, die gerade ihr Essen kochten, töteten."

Tanja Koktash und ihre Freunde beerdigten die Kriegsopfer. "Uns wurde gesagt, wir sollen sie begraben, wo wir wollen. So haben wir die Toten nicht weit von ihrem Zuhause entfernt begraben, auf den Hinterhöfen und Spielplätzen. In der Nähe jedes mehrstöckigen Gebäudes befanden sich Massengräber.“

Schüsse und Demütigung auf der Flucht

Mit diesem Auto floh Tanja Koktash vor den russischen Angriffen. Die Heckscheibe ist gesplittert, an der Seite sind Einschusslöcher zu sehen. © NDR
Mit diesem Auto flohen Tanja und ihr Mann aus Mariupol. Die notdürftig geflickte Heckscheibe zeugt vom Beschuss, in den sie dabei gerieten.

Erst am 17. März verließ das Ehepaar auf Drängen ihres Sohnes die Hafenstadt Mariupol. "Um 16:30 Uhr sind wir losgefahren. Überall hörten wir Explosionen, es war sehr beängstigend. Unser Auto geriet unter Beschuss, die Heckscheibe zersplitterte. Wir klebten sie mit Klebeband und Folie zu. Durchs Zentrum konnten wir nicht fahren, das war zu gefährlich, also haben wir nur die kleinen Straßen und Schleichwege direkt am Meer entlang genommen", berichtet die Ukrainerin.

Auf ihrer Flucht wurden sie immer wieder vom russischen Militär gestoppt und kontrolliert. Tanja Koktash hatte zuvor alle Kriegsfotos von ihrem Handy gelöscht, damit die Soldaten ihr das Mobiltelefon nicht abnehmen. Die Kontrollen empfand sie als Tortur. Am schlimmsten kam es in der Hafenstadt Berdjansk: "Wir standen in einer langen Autoschlange am Kontrollpunkt. Unser Auto wurde komplett durchsucht und dann musste mein Mann sich nackt ausziehen. Es war sehr kalt und hat geschneit. Die Russen untersuchten seinen ganzen Körper nach pro-ukrainischen Tattoos oder Nazisymbolen wie Hakenkreuzen. Acht Stunden lang wurden wir da festgehalten." Dann ließen sie russischen Soldaten das Ehepaar weiterfahren.

NDR Reporterin Sabine Hausherr interviewt zusammen  mit Übersetzerin Larysa Papakitsa per Video-Telefonie auf einem Smartphone Tanja Koktash in der Ukraine. © NDR
NDR Info Reporterin Sabine Hausherr (hinten) beim Video-Interview mit Tanja Koktash. Ihre Nichte übersetzt das Gespräch.

Über Saporischschja im Süden des Landes gelangten sie nach Ternopil, einer Stadt im Westen der Ukraine, wo ihr Sohn lebt. 1.100 Kilometer sind sie zu diesem Zeitpunkt bereits vor dem Krieg geflohen. Hier kommen sie kurz zur Ruhe und Tanja nimmt sich die Zeit für das erste Gespräch. Es fällt ihr schwer, von ihren Erlebnissen zu erzählen. Immer wieder unterbricht sie das Video-Telefonat, um sich zu sammeln. Aber sie will weitermachen, damit die Welt aus erster Hand erfährt, was in der Ukraine passiert.

In den nächsten Tagen wollen Tanja Koktash und ihr Ehemann Viktor weiter: über Polen nach Deutschland, zu ihrer Tochter Iryna, die mit ihren drei kleinen Kindern seit wenigen Wochen im niedersächsischen Helmstedt lebt. Wann genau sie über die polnische Grenze kommen, weiß Tanja jetzt noch nicht. Sie weiß nur, dass sie möglichst bald wieder zurück will: "Sobald der Krieg vorbei ist, will ich wieder nach Hause. Ich habe schon jetzt solches Heimweh."

 

Weitere Informationen
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NDR Info | Aktuell | 18.05.2022 | 08:37 Uhr

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