Stand: 23.12.2019 11:22 Uhr

"Zu Weihnachten brechen Beziehungskonflikte auf"

Zu Weihnachten sind Erwartungen an die Familie hoch - und können schnell enttäuscht werden: Erwachsene Kinder, die wieder nicht zu Besuch kommen. Ehestreit bei Ente und Pudding. Wer hört einem zu, wenn man über solche Probleme reden muss?

Babette Glöckner von der Telefonseelsorge. © Diakonie Foto: Regina Kramer
Zehn Jahre lang kümmert Babette Glöckner sich schon um Anrufer und ihre Sorgen.

Babette Glöckner leitet die Telefonseelsorge der Diakonie in Hamburg seit 2009. Dort landen Anrufer vor allem aus Hamburg, die unter der bundesweit einheitlichen Nummer (0800) 11 10 111 anrufen. Die Pastorin nimmt mit ihrem Hamburger Team aus gut 80 Ehrenamtlichen 24 Stunden am Tag Anrufe entgegen - etwa 20.000 pro Jahr. Vier Mal so viele Menschen rufen an, kommen aber nicht durch. Meist dauern die Gespräche zwischen fünf und 30 Minuten. NDR.de hat mit Glöckner über Einsamkeit, enttäuschte Erwartungen in der Weihnachtszeit und Seelsorge in digitalen Zeiten gesprochen.

Suchen zu Weihnachten mehr Menschen bei ihnen Rat? Oder geht es den Anrufern um andere Themen als während des Jahres?

Babette Glöckner: Stichproben zeigen, dass nicht mehr Menschen anrufen als zu anderen Zeiten. Es gibt nur einen ganz kleinen Peak im Dezember, genauso wie im Frühling. Allerdings verändern sich die Themen an Weihnachten, ja. Es geht eher weg von individuellen Themen, wie der Studentin, die Prüfungsangst hat, hin zu Beziehungsproblemen. An Weihnachten ruft also eher die ältere Dame an, die enttäuscht ist, dass die Kinder sie schon wieder nicht besucht haben. Es geht vor allem um Erwartungen, die enttäuscht werden oder Partnerschaftskonflikte, die in der hohen Erwartungshaltung der Feiertage aufbrechen. Beziehungskonflikte sind natürlich immer ein großes Thema, aber an Weihnachten fallen sie nochmal deutlicher auf.

Sie persönlich beraten oft an den Feiertagen. Gibt es Gespräche aus den Weihnachtstagen, an die Sie sich erinnern?

Die TelefonSeelsorge ist eine bundesweite Organisation. Rund 7.500 speziell ausgebildete ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen Ratsuchenden in 105 Orten zur Seite. Träger sind die evangelische und katholische Kirche. Anrufe sind anonym, kostenfrei und 24 Stunden am Tag unter (0800) 11 10 111 oder (0800) 11 10 222 möglich. Das Muslimische SeelsorgeTelefon ist erreichbar unter (030) 44 35 09 821. Es wird vom Verein Islamic Relief betrieben. Das russischsprachige Telefon Doweria der Diakonie schlesische Oberlausitz erreichen Sie unter (030) 44 03 08 454.

Glöckner: Vor einem Jahr rief eine Dame an, mit der ich auch im Vorjahr schon an Weihnachten gesprochen hatte. Wir haben uns an der Stimme erkannt und ich erinnerte mich an die Geschichte, in der es um die Beziehung zu ihrem Sohn ging. Ich dachte erst, sie würde sicher öfter anrufen. Aber nein, sagte sie, nur über Weihnachten, weil es dann immer total schwierig mit ihrem Kind sei. In dem Moment hat es sehr geholfen, dass ich ihre Sorgen schon kannte. Das war einerseits witzig, andererseits aber auch tragisch, dass sich am Problem in der Zwischenzeit nicht viel geändert hatte.    

Sind die Themen, die die Anrufer heutzutage beschäftigen, dieselben wie vor zehn Jahren?

Glöckner: Wir bemerken zunehmende Vereinsamung. Da spielen natürlich gesellschaftliche Entwicklungen eine Rolle. Je mehr die Betroffenen sich zurückziehen, desto weniger Rückmeldung bekommen sie wiederum von anderen. Die Menschen haben also oft keine qualitativ guten Beziehungen mehr. Sobald es mir schlecht geht - ich meine Arbeit verliere oder meinen Lebensstandard nicht mehr halten kann - fällt mir auf, dass ich gar nicht viele vertraute Menschen habe. Es ist eher so: Ich habe vielleicht 100 Follower, aber die sagen mir nicht, wie echte Freunde, wenn ich eine 'Nudel auf der Nase' habe.

Kann es nicht sein, dass auch einsame Leute sich einfach eher trauen, Sie anzurufen, weil es kein Tabu mehr ist, sich Hilfe zu holen?

Glöckner: Diese Hemmschwelle ist gesunken, ja. Das merken wir auch am Männeranteil der Anrufer, der in den vergangenen zehn Jahren von etwa 10 auf 40 Prozent angestiegen ist. Auch die Bereitschaft, sich in Therapie zu begeben, ist eher gestiegen. Gleichzeitig gibt es in Hamburg zu wenige Therapieplätze, sodass die Leute in der Zwischenzeit bei uns anrufen. Es ist also schwer zu sagen, woran es liegt, dass wir mehr Einsamkeit bei den Anrufern wahrnehmen.

Ihre ehrenamtlichen Berater erhalten 190 Stunden Ausbildung. Sie lernen Gesprächsführung und wie man mit Depressionen umgeht. 40 Stunden lang werden sie dann von erfahrenen Kollegen am Telefon begleitet. Finden Sie genug Ehrenamtliche?

Glöckner: Ehrenamtliche zu bekommen ist schwierig. Wir stellen am Telefon fest, dass sich die Probleme verändern. Psychische Erkrankungen haben stark zugenommen. Unsere Anrufer sind insofern ein Seismograf der Gesellschaft. Aber auch mögliche Ehrenamtliche sind Teil der Gesellschaft. Wir finden daher immer seltener belastungsfähige und empathische Menschen, die sich einlassen und mitschwingen können, deren eigene "Baustellen" nicht zu groß sind.

Es gibt seit etwa vier Jahren ein Verschaltungssystem der bundesweiten Nummer, sodass Hamburger Anrufer primär bei Ihnen in Hamburg ankommen. Ist bei Ihnen besetzt, leitet das System die Hilfesuchenden an nahe Stellen wie in Lübeck, Kiel oder Sylt weiter. Wieso ist das von Vorteil?

Glöckner: Da wir auf beiden Seiten anonym sind, aber trotzdem auf einer emotionalen Ebene zueinander finden sollen, ist ein Anrufer aus Sachsen erstmal ganz fremd. Wir kennen die Örtlichkeiten dort nicht, kennen keine Beratungsstellen, an die wir bei Bedarf verweisen können. Wenn jemand sagt, ich laufe grade durch den Hamburger Stadtpark, ist mir das natürlich ein Begriff und ich kann daran anknüpfen.

Inwiefern verändern die Kommunikation über das Internet und Social Media ihre Arbeit? Spielen die neuen Kommunikationsformen bei Ihnen eine Rolle am Telefon?

Glöckner: Wir hören von Anrufern ab und an, dass sie sich im Internet kennengelernt haben. Ich erinnere mich an eine Frau, die einem Mann im Netz begegnet ist. Sie hatte sich auch einen Teil "Scheinidentität" zugelegt und ihm ein falsches Foto geschickt. Nun wollte der Mann zu Besuch kommen und es war das alte Problem: Wie werde ich gesehen? Kann der andere mich wertschätzen, wie ich bin? Muss ich mich verändern, damit ich gefalle? Die Möglichkeiten über Social Media machen es erstmal einfach. Es werden Beziehungen gepflegt, die scheinbar befriedigen. Wenn es aber zur tatsächlichen Begegnung kommt, bleibt die Frage, ob die Realität der Erwartung standhalten kann. Denn sobald ich in Kontakt trete, echten Kontakt, muss ich mich zeigen mit meinen Schwächen und Fehlern.

Im Netz wird auch oft rau diskutiert, beleidigt und beschimpft. Merken sie etwas von einer zunehmenden Verrohung von Sprache und Umgang?

Glöckner: Ja, das findet auch am Telefon statt. Wir schulen unsere Berater zu diesem Thema, denn wir werden auch mal wüst beschimpft, erniedrigt oder gedemütigt. Das ist dann auch das Ziel der Anrufer. Ich bin keine Psychologin, aber da stehen natürlich Störungen dahinter. Wir merken jedenfalls, dass Verrohung und Beschimpfungen uns gegenüber zugenommen haben. Im Chat ist das allerdings noch ausgeprägter als am Telefon.

Wieso?

Mit Stimme sprechen ist intensiver als zu schreiben - es schafft mehr Nähe. Einer Stimme folgt man anders als der Schrift. Im Chat entstehen eher Missverständnisse als am Telefon, weil der Ton und die Stimmmodulation wegfallen. Im Chat kann man zudem lügen - man kann sein, wer man möchte. Also wissen wir nicht mal Alter oder Geschlecht der Ratsuchenden. Das macht es schwieriger in Beziehung zu treten und Nähe aufzubauen. Ist es wirklich ein 17-jähriges Mädchen oder doch ein 80-jähriger Mann, mit dem ich als Berater schreibe?

Die Chat-Anfragen übernehmen mittlerweile Kollegen der TelefonSeelsorge Elbe-Weser. Wieso haben Sie sich in Hamburg dagegen entschieden, weiter Chats anzubieten?

Glöckner: Wir hatten einerseits wenige Ehrenamtliche, die sich dafür begeistern konnten. Ich habe mich dann entschieden, lieber das Telefon zuverlässig 24 Stunden zu besetzen. Zum anderen muss ich auch auf die Ehrenamtlichen schauen und hatte nicht das Gefühl, dass ich sie für den Chat ausreichend begleiten konnte. Es ist hart am Telefon, noch härter im Chat.

Welche Tipps geben Sie uns allen zu Weihnachten?

Glöckner: Mein großer Tipp ist, die eigenen Erwartungen runterzuschrauben. Ich finde, man sollte den eigenen Anspruch genau beleuchten und sich fragen: Brauche ich das Geschenk wirklich noch? Man sollte sich nicht von der Hektik anstecken lassen, sondern es sich schön machen. Und vor allem kann man sich zu den Feiertagen fragen, wie man am besten Beziehungen pflegen kann. Vielleicht ist dann der Anruf bei der Freundin wichtiger als das nächste Weihnachtsgeschenk.

Die wichtigsten Anlaufstellen bei Depression

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr
Tel. (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222
  • Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": kostenlose Beratung von Mo bis Sa, 14 bis 20 Uhr, Tel. 116 111. Elterntelefon: Mo bis Fr, 9 bis 11 Uhr sowie Di und Do, 17 bis 19 Uhr unter (0800) 111 05 50
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: Mo, Di und Do, 13 bis 17 Uhr sowie Mi und Fr, 8.30 bis 12.30 Uhr. Tel. (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen Selbsttest sowie eine Übersicht zu regionalen Angeboten.
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst der Krankenkassen: 116 117.
  • Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort - in jedem Fall bei Suizidgedanken.

Das Interview führte Carolin Fromm, NDR.de

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

22.12.2019 | 15:30 Uhr

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