Eine männliche Pflegekraft hilft einem Mann im Rollstuhl. © Fotolia Foto: Ocskay Mark

Pflege: Arbeitsbedingungen müssen sich verbessern

Stand: 05.01.2022 12:40 Uhr

20.000 zusätzliche Stellen in der Altenpflege: So hat es die ehemalige Bundesregierung im Pflegeverbesserungsgesetz versprochen, das am 1. Januar 2021 in Kraft getreten ist - doch es sind weiter viele Jobs unbesetzt.

von Merle Hömberg

Viele Fachkräfte haben der Pflegebranche den Rücken gekehrt. Laut Bundesagentur für Arbeit sind Stellenangebote für examinierte Pflegekräfte im Durchschnitt 212 Tage unbesetzt - denn der Branche sind viele Fachkräfte verloren gegangen.

Stress und Zeitnot ist Alltag im Pflegeberuf

Dazu gehört auch Ina T. aus Lübeck. Sie hat ein duales Pflegestudium gemacht und danach zwei Jahre in der Altenpflege gearbeitet. Mittlerweile hat sie einen Master in Gerontologie und sich eine Arbeitsstelle in der Forschung gesucht. Einerseits wollte sie sich weiterentwickeln, aber sie konnte sich auch nicht vorstellen, weiter Vollzeit in der Pflege zu arbeiten. "Man fängt den Arbeitstag an und ab Minute eins steht man unter Strom", erzählt sie. "Als ich in Vollzeit gearbeitet habe, war es Realität, dass man nicht nach eigenen moralischen Vorstellungen mit Menschen umgehen kann, weil man unter enormen Zeitdruck und Stress handelt."

Gute Pflege ist Eigenständigkeit fördern

Gute Pflege sei auch, Menschen in ihrer Eigenständigkeit zu fördern, sagt sie. Das gehe aber bei Zeitdruck oft unter. "Wenn ich jemand aus einem Bett transferiere und ich merke, das ist gerade keine Interaktion, sondern etwas passiert mit der Person, obwohl die Person noch Ressourcen hat sich aktiv zu beteiligen, das schmerzt mir im Herzen", so die 29-Jährige. "Wenn ich mir vorstelle, dass ich das tagtäglich sehen müsste, das wär für mich schwer auszuhalten." Durch die Belastungen leide auch die Arbeitsatmosphäre, der Ton sei manchmal recht schroff.

Belastung ist Hauptgrund, warum Pflegekräfte gehen

Eine Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen, der Arbeitskammer des Saarlandes sowie des Instituts Arbeit und Technik zeigt: Die Gründe, dass viele Pflegekräfte der Branche verloren gehen, haben vor allem mit der Arbeitsbelastung zu tun. Es gibt hohe Krankenstände, Frühverrentungen aufgrund der starken Belastung und zu häufig abgebrochene Ausbildungen. Außerdem ziehen sich viele auf Teilzeitstellen zurück oder steigen ganz aus.

"Es gibt eine richtige Flucht aus der Pflege"

Arnold Rekittke aus dem ver.di-Fachbereich Gesundheit in Hamburg sagt, in den letzten zwei Jahren hätten zehn Prozent der Pflegekräfte aus deutschen Krankenhäusern aufgehört. "Es gibt eine richtige Flucht aus der Pflege. Wir müssen es in einem ersten Schritt schaffen, die Leute in der Pflege zu halten. Und dann mehr Leute dafür zu begeistern, die Ausbildung zu machen und jahrelang durchzuhalten. Und die Leute, die aus der Pflege geflohen sind, wieder zurückzugewinnen."

Weitere Informationen
Pfleger Jens Lucht. © NDR Foto: Naïs Marie Baier

Zwei Jahre Überlastung: Pflege von Demenzkranken in der Pandemie

Die Maske als Dauerbegleiter, sich Zeit nehmen, auf private Kontakte verzichten: Wie ein Heim in Preetz den Ausnahmezustand bewältigt. mehr

Pflege als sinnstiftender Arbeitsplatz   

Ina T. aus Lübeck hat gerne in der Pflege gearbeitet. Bei ihrer neuen Arbeitsstelle forscht sie zu Bewegungsförderung in Pflegeeinrichtungen. Trotzdem arbeitet sie neben dem Vollzeitjob noch ein Wochenende im Monat in der Pflege, um weiter mit Senioren in Kontakt zu sein. "So kitschig das klingt, wenn man ein Lächeln sieht oder eine tolle Situation hatte hat mit einer Person, um die man sich gerade kümmert, dann ist das so greifbar und so nah, das ist einfach sehr wertvoll", erzählt sie.

Träger müssen gute Arbeitsbedingungen schaffen

Was müsste sich also ändern, damit ausgestiegene Pflegekräfte wieder in den Beruf zurückkehren und Teilzeitkräfte ihre Stunden erhöhen? Arnold Rekittke von ver.di sieht die Politik gefordert, aber auch die Träger selbst: "Die Träger, die es schaffen, bessere Arbeitsbedingungen als andere herzustellen, die können ihr Personal halten. Es gibt Träger in Hamburg, die deutlich geringere Fluktuation haben. Da melden uns die Leute zurück: Wir wissen dass es uns hier besser geht als in anderen Betrieben, deswegen bleiben wir hier."

Auch faire Bezahlung ist Motivation

Auch für Ina T. müssten sich die Bedingungen verbessern. Sie spricht sich aber auch für eine angemessene Bezahlung aus. "Es würde schon einen Anreiz geben, wenn die Löhne noch fairer werden. Ich glaub schon, dass es Bereiche gibt, wo man gut verdient. Trotzdem: Im Vergleich zu anderen Berufen kann man die Löhne in den meisten Bereichen nicht als fair bezeichnen."

Weitere Informationen
Eine Pflegerin legt einem alten Mann einen Verband am Bein an. © imago images / blickwinkel/McPhoto
26 Min

Am Limit - Wie die Ampel-Koalition Pflegekräfte stärken will

Die Pandemie offenbart die Personalnot. Experten fordern für Pflegekräfte mehr Geld und Kompetenzen. Die Ampel-Koalition sucht Lösungen. 26 Min

Nahaufnahme von Händen. © Fotolia Foto: Ocskay Mark
57 Min

NDR Info Redezeit: Pflege am Limit - Wer und was rettet die Branche?

Fachkräftemangel herrscht in der Pflege schon lange, doch die Corona-Pandemie hat Pflegekräfte an ihre Belastungsgrenze gebracht. 57 Min

Eine Pflegefachkraft geht mit einer Bewohnerin durch das Seniorenheim "Mein Zuhause Nienburg". © picture alliance/dpa Foto: Sina Schuldt

Niedersachsen bringt verändertes Pflege-Gesetz auf den Weg

In der Novelle sind unter anderem tarifgerechte Löhne und eine zentrale Beschwerdestelle vorgesehen. mehr

Auf einer Intensivstation des UKE in Hamburg liegen Schutzhandschuhe, Desinkfetionsmittel und Schläuche eines Beatmungsgerätes auf einem Tisch. © picture alliance/dpa/dpa/Pool Foto: Axel Heimken

UKE: Protestaktion der Intensiv-Pflegekräfte geht weiter

Die Intensivpflegekräfte des Hamburger Universitätsklinikums verlängern ihre Protestaktion und springen bei Krankheit unter Kollegen nicht mehr ein. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 05.01.2022 | 07:05 Uhr

Mehr Nachrichten

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft steht zu Beginn eines Trainings zusammen. © picture alliance/dpa Foto: Marijan Murat

Coronavirus-Blog: Fünf weitere Handballer positiv getestet

Damit fallen insgesamt sieben Spieler der deutschen Nationalmannschaft für das EM-Spiel am Dienstag aus. Mehr Corona-News Blog. mehr