Stand: 01.03.2020 00:00 Uhr

Coronavirus: Die Wirtschaft ist infiziert

Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus versetzt die Wirtschaft in Unruhe. Schon seit einigen Tagen melden die Börsen weltweit Verluste und auch in der Realwirtschaft mehren sich die Stimmen, die vor einem Einbruch warnen.

Ein Kommentar von Heike Göbel, Ressortleiterin Wirtschaft der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ)

Abgesagte Messen in Barcelona, Genf und nun auch Berlin. Bittere Kursverluste weltweit, der deutsche Dax mit einem Wochenminus wie zuletzt nach Ausbruch der Griechenland-Krise 2011: Die Coronavirus-Epidemie hat jetzt auch die deutsche Wirtschaft in einem Maße infiziert, dass selbst gelassenere Gemüter nicht mehr ganz ruhig schlafen. Schlechte Nachrichten aus den Unternehmen kamen in den vergangenen Tagen im Stundentakt herein. Die seit Wochen durch den krankheitsbedingten Stillstand in China - Deutschlands wichtigstem Handelspartner - unterbrochenen Lieferketten schlagen sich in ersten Geschäftszahlen nieder und drücken die Prognosen kräftig.

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Unsicherheit groß: Was kommt noch?

Wie enorm die Unsicherheit ist, zeigt sich an der Spannbreite der Erwartungen. Rechnete die durch die Ausgangssperren in China früh und stark getroffene Autoindustrie beispielsweise bisher mit einem Absatzminus von gut zwei Prozent für dieses Jahr, lässt sie ihren Verband nun Szenarien mit einem Rückgang um sieben Prozent durchspielen. Die Lufthansa legt Sparprogramme auf, um fehlende Einnahmen aus Flügen nach China und anderen asiatischen Destinationen aufzufangen, die Aktie ist heftig im Minus. Der Chemiekonzern BASF befürchtet den geringsten Zuwachs der globalen Chemieproduktion seit der Finanzkrise 2008. Für das eigene Geschäft wagt er nur noch die Angabe breiter Korridore für Umsatz und Ergebnis. Unternehmen streichen Dienstreisen, die Tourismusbranche stellt sich auf ein schwer kalkulierbares Jahr ein. Was kommt noch?

Niemand weiß derzeit, wie hoch die wirtschaftlichen Schäden durch das wenig erforschte Virus sein werden, Ausmaß und Dauer der Epidemie sind offen. Politik und Notenbanken signalisieren Hilfsbereitschaft wollen aber auch nicht zu früh oder unnötig stark eingreifen. Zurecht, denn klar ist: Viele Produktionsausfälle dürften nach der Epidemie nachgeholt werden. In China öffnen die Fabriken in den Sperrgebieten allmählich wieder, dort sinkt die Zahl der Neuinfektionen. Auch privater Konsum wird durch die Folgen der gefährlichen Krankheitswelle zum Teil nur aufgeschoben: Wer ein neues Auto, Waschmaschine oder Handy kaufen wollte, tut dies eben später. Das Budget für den geplatzten Urlaub wird auf die nächste Reise aufgeschlagen oder für andere Vergnügungen genutzt.

Für milliardenschwere Konjunkturprogramme kein Anlass

So geht es von staatlicher Seite vorerst allenfalls darum, stark betroffenen Unternehmen etwa mit günstigen Überbrückungskrediten Zeit zu verschaffen. Das Kurzarbeitergeld der Bundesagentur für Arbeit entschädigt Beschäftigte ohnehin für Einbußen durch unabweisbare befristete Arbeitsausfälle - und entlastet damit die Betriebe. Für kurzfristig angelegte milliardenschwere Konjunkturprogramme besteht in Deutschland aktuell kein Anlass, auch wenn der Bundesverband der deutschen Industrie sich die Unsicherheit zunutze macht und die große Koalition bedrängt, "wachstumspolitische Impulse" zu setzen. Hier sollten sich Union und SPD taub stellen.

Gleichwohl haben Politik und Wirtschaft allen Grund, jetzt Lehren aus der die Welt umrundenden Epidemie zu ziehen. Der ungewöhnlich lange Aufschwung hat Regierung und Unternehmen zu sorglos gemacht. Die große Koalition hat die bereits vor Ausbruch des Virus deutlichen Krisenzeichen in der deutschen Industrie ignoriert. Diese kämpft mit den hohen Kosten der Energiewende, den komplexen Anforderungen der Digitalisierung, den Folgen des Handelsstreits mit Amerika. In der für Deutschlands Wohlstand zentralen Autoindustrie kommt noch die Umstellung auf neue Antriebstechniken hinzu. Vergeblich fordert Bundeswirtschaftsminister Altmaier seine Kabinettskollegen auf, wenigstens weitere Belastungen der Unternehmen zu stoppen und die noch vorhandenen Finanzspielräume in den öffentlichen Haushalten endlich für eine Senkung der Unternehmenssteuern zu nutzen. Beides wäre auch ohne den Virus-Schock höchst sinnvoll, um die Abwehrkräfte und das Wachstumspotential zu stärken.

Der Corona-Schock wird die Kalküle verändern

Die exportorientierten deutschen Unternehmen wiederum, die zumeist jahrelang Globalisierungsgewinne eingefahren haben, lernen durch das Virus auf die harte Tour die Schwächen ihrer oft rein kostenoptimierten Lieferketten kennen. Wohl dem, der jetzt mehrere Lieferanten für wichtige Vorprodukte hat, am besten noch geographisch verteilt. Der Corona-Schock wird die Kalküle verändern: Künftig dürften Sicherheitsaspekte wieder höher gewichtet werden, wenn es um die Abwägung geht, wo produziert wird und welche Reserven ein Liefersystem zwingend beinhalten muss. Damit werden womöglich wieder Standorte wettbewerbsfähig, die zuletzt als zu teuer galten. Auch die vereinzelte Rückverlagerung mancher Produktionsschritte nach Deutschland scheint denkbar.

Illusionen sollte man sich nicht machen: Das relativ kleine Deutschland mit seiner alternden und bestenfalls stagnierenden Bevölkerung ist für seinen Wohlstand elementar darauf angewiesen, die Arbeitsteilung in der Welt weiterhin klug zu nutzen. Dazu braucht es offene Märkte und Grenzen, selbst wenn mit den Handelsströmen auch das Virus reist.

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NDR Info | Kommentar | 01.03.2020 | 09:25 Uhr

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