Stand: 12.04.2020 09:20 Uhr

Kommentar: Zeit für eine klare Ausstiegsstrategie

Ostern unter Corona-Bedingungen ist für uns alle ein schwieriges Erlebnis. Eingeschränkte Familienfeiern, keine Ausflüge mit Freunden. Ist es deshalb nicht umso wichtiger, jetzt bereits einen Ausblick auf mögliche Lockerungen der Kontaktsperre zu bieten?

Ein Kommentar von Lars Haider, Chefredakteur vom "Hamburger Abendblatt"

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Ostern sollte ein Wendepunkt in der Krise werden, meint Lars Haider.

Ostern. Endlich Ostern. Das Fest der frohen Botschaften. Auferstehung, Neuanfang, alles wird gut. Das ist genau der Geist, den wir so dringend benötigen nach vier Wochen ohne Schule und Kitas, nach drei Wochen Kontaktsperre. Ostern kann, Ostern sollte, Ostern muss ein Wendepunkt in der Corona-Krise sein. Was die Menschen in Deutschland jetzt brauchen, ist ein Signal der Hoffnung, eine Idee, wie wir rauskommen aus einer Lage, für die niemand etwas kann und die alle trifft. Ein Wunder, wie es uns zu Ostern widerfährt, erwartet niemand, aber doch so etwas wie eine Strategie, die über die bloße Ansage "Bleibt zu Hause!" hinaus geht.

Disziplin kann nicht ewig anhalten

Die meisten sind seit dem Ausbruch der Epidemie weitgehend zu Hause geblieben, und werden das auch an diesen Osterfeiertagen tun. Die Deutschen beweisen, wie diszipliniert sie sein können, wenn es drauf ankommt. Aber: Lange halten wir das so nicht mehr durch. Krisenforscher haben ermittelt, dass man Menschen vier bis maximal sechs Wochen mehr oder weniger von ihrer Außenwelt abschneiden kann. Alles, was länger dauert, kann die Gesundheit und den gesellschaftlichen Frieden genauso gefährden wie ein hochansteckendes Virus. Weil die Stimmung irgendwann kippt, weil die Geduld nachlässt und Aggressionen zunehmen, wenn etwa Familien wochenlang aufeinanderhängen. Oder wenn sich Menschen Sorgen um ihre Zukunft machen, um den Job, ja, sogar um die Demokratie. Wir nähern uns diesem Punkt, auch weil die Politiker und Virologen in allen ihren Reden immer wieder von Ostern als einem entscheidenden Moment gesprochen haben.

Deutschland ist nicht wiederzuerkennen

Dort sind wir nun also angekommen, ein Land und eine Gesellschaft, die nicht wiederzuerkennen sind. Im Positiven, weil wir sehr schnell auf Krisenmodus umgeschaltet und all die Verhaltensverweisen eingeübt haben, die in den kommenden Wochen und Monaten weiter wichtig sein werden: Hände waschen, Nieshygiene, Abstand halten. Im Negativen, weil für den Schutz unser aller Gesundheit Grund- und Freiheitsrechte eingeschränkt, beziehungsweise aufgegeben worden sind. Wir könnten ja nicht einmal mehr demonstrieren, wenn uns die Politik unserer Regierungen in der Krise nicht gefallen würde.

Demokratie und Rechtsstaat leiden

Dies ist nicht nur für jeden Einzelnen, für unser Gesellschafts- und Gesundheitssystem ein Ausnahmezustand, sondern auch für unseren Rechtsstaat und für die Demokratie. Beide leiden sehr darunter, beide sind nicht für einen Ausnahmezustand gemacht, sondern müssen schnell wieder zum Dauerzustand werden. Auch und gerade im Interesse der Politik: Wenn die Große Koalition es schafft, das Land gut durch all das zu bringen, was mit Corona zusammenhängt, dann werden CDU/CSU und SPD bei der Bundestagswahl im nächsten Jahr eine nicht für möglich gehaltene Auferstehung erleben. Wenn das nicht gelingt, wenn etwa die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Folgen der medizinischen Krise nicht in den Griff zu kriegen sind, dann wäre die Wahl 2021 ein Risiko - für die Volksparteien, aber auch für unsere Demokratie.

Ein genaues Bild für die Zeit danach

Deshalb kommt es jetzt, nach Ostern, darauf an, das Richtige zu tun. Das kann sein, all die Maßnahmen, die wir kennen, sicherheitshalber noch ein bis zwei Wochen zu verlängern und gleichzeitig ein genaues Bild für die Zeit danach zu präsentieren. Was man nicht machen darf, ist, die Menschen in diesem Stadium der Krise zu Hause allein mit all ihren Sorgen, Ängsten und Zweifeln zu lassen. Denn die könnten sich in den nächsten Tagen in einer Weise exponentiell entwickeln, die wir beim Virus gerade zum Glück verhindern haben.

Ich wünsche Ihnen von Herzen frohe Ostern! Und uns allen wünsche ich, dass diese Tage in der Rückschau der Anfang vom Ende einer Krise gewesen sind, die uns durchgerüttelt und erschüttert, die uns aber auch den Blick auf das Wesentliche und Wichtige zurückgegeben hat.

 

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin/des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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NDR Info | Kommentar | 12.04.2020 | 09:25 Uhr