Stand: 28.06.2020 00:00 Uhr

Kommentar: Lufthansa-Neustart mit Ballast

Die Rettung der Lufthansa mit staatlicher Hilfe ist nach langem Ringen in trockenen Tüchern. Die Aktionäre des schwer von der Corona-Krise getroffenen Luftfahrtkonzerns gaben grünes Licht für das neun Milliarden Euro schwere Rettungspaket des Bundes.

Ein Kommentar von Heike Göbel, Ressortleiterin Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)

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Heike Göbel kommtiert das Rettungspaket für die Lufthansa.

Die Lufthansa-Führung kann endlich wieder nach vorne schauen. Neun Milliarden Euro Kredit, verbürgt vom deutschen Steuerzahler, sorgen vorerst für finanziellen Wind unter den Flügeln. Und dass der Staat mit 20 Prozent nun auch wieder Teilhaber an der größten deutschen Fluggesellschaft ist, gewährt ihr Schutz vor Übernahmen in einer Schwächephase. Doch damit sind die guten Nachrichten zu Lufthansa auch schon zu Ende. Grund zum Feiern hat das Unternehmen nach dem  nervenaufreibenden Finanzpoker um das Hilfspaket nicht. Denn die Staatshilfe kommt teuer.

Der Bund wandelt auf schmalem Grat

Lufthansa muss hohe Zinsen für die Kredite zahlen. Das schützt Wettbewerber wie Ryanair, die auf Staatshilfe verzichten. Der Bund schielt allerdings auch darauf, dass er diesmal - anders als bei der Bankenrettung 2009 - als Gewinner herausgeht. Er wandelt auf schmalem Grat: Sind die Konditionen zu hart, wird der eigentliche Zweck gefährdet, Lufthansa durch die unverschuldete Krise zu helfen.

Tribut muss die Lufthansa zudem leider auch in anderer Form entrichten: Allen heutigen Beteuerungen und guten Absichten zum Trotz dürfte die Politik nach und nach auch eine gewisse Rücksichtnahme auf soziale oder klimapolitische Ziele einfordern, zumal im Umfeld der kommenden Bundestagswahl. Ihren Einfluss wird die Regierung nicht immer über die Vordertür wahrnehmen, als Miteigentümer stehen dem Bund nun andere Zugänge offen. Das aber könnte der Sanierung gefährlich werden und den Weg zur Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit nach dem Corona-Stillstand zumindest verzögern.

Viele Vorgaben des Staates sind denkbar

Die Lufthansa kann ein Lied davon singen, was Staatseinfluss heißt. Sie war bis zu ihrer Privatisierung 1997 ein reines Staatsunternehmen, das seinen Beschäftigten besonders hohe Gehälter und Pensionen zahlte und ihnen auch sonst allerlei Annehmlichkeiten bot. Diese Privilegien waren im Wettbewerb irgendwann nicht mehr zu erwirtschaften, wurden aber von den Gewerkschaften heftig verteidigt. Einen Teil dieser Kosten schleppt der Konzern bis heute mit, nun kommt womöglich neuer politischer Ballast dazu. Strengere Klimaschutzvorgaben, Verhinderung des nötigen Personalabbaus, Vorgaben für die Flugzeugbestellungen, vieles ist denkbar. Die Opposition macht Druck. Der Vorstand um Lufthansa-Chef Carsten Spohr ist sich dieser Risiken sehr bewusst. Auch deswegen wurden die Verhandlungen um das Rettungspaket so hart geführt, auch deswegen hätte man den Einstieg des Staates gerne verhindert.        

Der schwierigere Teil der Rettung beginnt jetzt

Niemand möge sich täuschen: Der schwierigere Teil der Lufthansa-Rettung nach dem durch das Virus erzwungenen, fast totalen Stillstand der Luftfahrt beginnt jetzt. So war es den Agenturen letzten Mittwoch eine Meldung wert, dass Lufthansa nun wieder einen einzigen regulären Hin- und Rückflug in der Woche von Frankfurt nach Shanghai anbietet. Vor der Krise waren es mehr als 20 Linienflüge. Das kleine Beispiel zeigt, wie weit es zu einer Normalisierung der Flugpläne schon aus Gründen des Gesundheitsschutzes noch ist. Das Geschäft mit den  Langstreckenflügen wird noch auf unbestimmte Zeit durch strenge Einreise- und Quarantäneregeln gebremst, die an vielen Destinationen gelten.

Und selbst wenn das Virus irgendwann besiegt ist, könnte ein Teil des Lufthansa-Geschäfts verloren sein. Unternehmen haben in der Pandemie gelernt, dass  Videokonferenzen viele teure Dienstreisen bequem ersetzen. Dieses Einsparpotential werden sie weiterhin nutzen, auch weil es die Klimabilanz der Firmen verbessert, ein immer wichtigerer Imagefaktor.

Schrumpfkur gegen erwarteten Rückgang

Dem erwarteten längerfristigen Rückgang des Geschäfts und dem dadurch verschärften Kampf um die Kunden will Lufthansa-Chef Spohr eine beherzte Schrumpfkur entgegensetzen. Sie erfordert auch Verzicht der weltweit rund 140.000 Beschäftigten des Konzerns, 22.000 Vollzeitstellen sollen zügig entfallen. Wie verträglich der Abbau wird, darüber entscheidet die Bereitschaft aller zu Lohnabschlägen. Doch die drei konkurrierenden Gewerkschaften, die Lufthansa schon oft zum Stillstand gebracht haben, ziehen selbst in dieser Ausnahmesituation nur zögerlich mit. Und auch in der Chefetage scheint nicht jeder auf liebgewonnene Boni verzichten zu wollen.

Die Lufthansa stand vor der Krise gut da. Sie hat in Spohr einen erfahrenen, besonnenen Manager an der Spitze, mit dem der Neustart gelingen könnte. Dazu braucht er aber die volle Unterstützung der Mitarbeiter und die freie Hand der Politik auch bei unpopulären Entscheidungen. Darüber sollten sich alle im Klaren sein, die sich von Lufthansa schnell wieder Gewinne und sichere Arbeitsplätze erhoffen.

 

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NDR Info | Kommentar | 28.06.2020 | 09:25 Uhr