Stand: 04.01.2020 23:59 Uhr

Kommentar: Das Dilemma mit der Atomkraft

Am letzten Tag des vergangenen Jahres ist das Atomkraftwerk Philippsburg nahe Karlsruhe planmäßig abgeschaltet worden. Es war nicht das erste - und alle noch übrigen sollen bis Ende 2022 folgen. Inzwischen aber hat - bedingt durch den Klimawandel - eine neue Debatte über Restlaufzeiten der deutschen Atomkraftwerke begonnen. Die AKW produzieren schließlich Strom weitgehend ohne CO2-Emissionen.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Cora Stephan, freie Autorin

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Cora Stephan meint: "Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass man jeden Eingriff in die Natur auf seine Wirkung hin untersucht?"

Zur Beerdigung von Philippsburg am Silvesterabend 2019 kamen ein paar Veteranen, die das Ende der Atomkraft feierten, und ein paar weniger, die es bedauerten, dass ein voll funktionsfähiger Energielieferant abgeschaltet werden musste, der überdies den Vorteil hatte, CO2-neutral zu sein. Als Ersatz gibt es jetzt Atomstrom aus Frankreich und Kohlestrom aus Polen, jedenfalls, solange dort genug davon zur Verfügung steht.

Was hilft? Mehr Windkraft braucht das Land, meinen wenigstens die neuen SPD-Vorsitzenden. Sie schlagen vor, die Zustimmung der Bürger, die etwas gegen Schlagschatten und Schallwellen haben, mit Geld zu erkaufen. Das grenzt schon an Menschenverachtung. Dabei verhält es sich im Grunde mit der Windkraft so, wie einst mit der Atomenergie: Es wird eine Technologie durch Subventionen alternativlos gemacht, für die es keine vernünftige Infrastruktur gibt. Es ist weder das Stromnetz vorhanden, das die erzeugte Energie unter möglichst geringen Verlusten von A nach B leiten könnte, noch kann man den erzeugten Strom speichern für Zeiten, in denen weder Windkraft noch Solarpaneele liefern.

Ganz Deutschland mit Windkraftanlagen zubauen?

Der Anteil von Windkraft und Fotovoltaik an der Primärenergie ist beinahe zu vernachlässigen, wie eine Studie im Auftrag der Bundesregierung ermittelt hat. Wie kann man angesichts dessen nicht nur aus der Atomkraft, sondern auch noch aus Kohle- und Gasverstromung aussteigen wollen - und zugleich auf Elektromobilität setzen?

Soll die dafür nötige zusätzliche Energie im Lande selbst erzeugt werden, müsste man ganz Deutschland mit Windkraftanlagen zubauen, im Abstand von schätzungsweise 1,5 Kilometern. Sicher gibt es Stadtbewohner, die Freude an verspargelten Küsten und Mittelgebirgen hätten. Doch die Folgen solch einer Windparkdichte sind ja nicht nur ästhetischer Art.

Solide Technikfolgenabschätzung fehlt

Es ist, wie gesagt, wie einst bei der Atomkraft: Es fehlt an einer soliden Technikfolgenabschätzung. Die allermeisten Fragen diesbezüglich sind offen. Fragen wie: Sind die Rotoren Vogel-, Fledermaus- und Insektenkiller? Tragen die nächtlich blinkenden Lichter zur Lichtverschmutzung bei? Was ist mit der Versiegelung der Böden? Welche Folgen haben die von den riesigen Dreiflüglern ausgehenden Schallwellen für die menschliche und tierische Gesundheit, wenn schon ein Abstand von einem Kilometer den Windkraft-Befürwortern als zu hoch gilt? Ist die ländliche Provinz den Metropolen-Bewohnern nur noch eine allen Zwecken offene, nicht weiter wichtige Nutzfläche?

Und was passiert, wenn die Dinger wieder abgebaut werden müssen - entweder, weil ihre Lebenszeit abgelaufen ist oder weil menschlichem Erfindergeist eine bessere Energiequelle eingefallen ist? Die Rotorflügel bestehen aus Verbundstoffen und können nicht recycelt werden. Man muss sie verbrennen oder vergraben oder - eine ganz tolle Idee - in ärmere Länder weiterverkaufen.

Windkraft? CO2-frei ist da gar nichts!

Und wie steht es mit den Unmengen von Beton, mit denen man die Giganten im Boden verankern muss? Einst war die Versiegelung von Böden ein Thema, heute spricht davon keiner mehr. Dabei untersuchen Wissenschaftler, welchen Einfluss Windkraftanlagen auf Windströme und Wolkenbildung haben und ob sie womöglich zu Erwärmung und Trockenheit beitragen.

Sollte es nicht selbstverständlich sein, dass man jeden Eingriff in die Natur auf seine Wirkung hin untersucht? Schließlich: Dass auf diese Weise "sauberer" Strom erzeugt würde, erweist sich als pure Behauptung, rechnet man die Entstehungs- und Entsorgungskosten mit ein. C02-frei ist da gar nichts.

Deutschland als abschreckendes Beispiel

Die Anhänger der sogenannten Energiewende argumentieren gerne mit der Vorbildfunktion Deutschlands. Ich fürchte, wir sind eher ein abschreckendes Beispiel. Der deutsche Alleingang bewirkt weltweit rein gar nichts. Was wir an CO2 einsparen, pusten stattdessen andere Länder in die Luft. Die bauen im übrigen neue, C02-vermeidende Kohlekraftwerke oder gleich jene neue Generation von Atomkraftwerken, aus deren Entwicklung wir uns verabschiedet haben: CO2-freie, inhärent sichere Reaktoren ohne langlebige Rückstände. Vielleicht sollte man darüber auch hierzulande wieder nachdenken.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 05.01.2020 | 09:25 Uhr

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