Stand: 14.11.2019 18:14 Uhr

"Für Nahrung das bezahlen, was sie wirklich kostet"

In Hamburg tagen derzeit die Umweltminister der Länder. Aus Protest gegen immer schwierigere Produktionsbedingungen haben Tausende norddeutsche Bauern am Donnerstag mit ihren Treckern für Staus in der Stadt und im Umland gesorgt.

Ein Kommentar von Julia Weigelt, NDR 90,3

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Die harten Bedingungen für Landwirte verdienten mehr Aufmerksamkeit, meint Julia Weigelt.

3.500 Trecker rollen auf Hamburg zu, Bauern reisen auch aus angrenzenden Bundesländern an, um zu zeigen: Wir haben die Schnauze voll. Sie sollen weniger Gülle spritzen, fordert die EU, damit das Grundwasser nicht mit Nitrat belastet wird. Sie sollen weniger Pestizide spritzen, fordert Umweltministerin Svenja Schulze (SPD), damit das Insektensterben gestoppt wird. Sie sollen ihre Tiere so halten, dass sie sich nicht übermäßig quälen müssen, fordern Tierschutzorganisationen.

Bei vielen Bauern scheint die Schmerzgrenze überschritten

Allesamt völlig verständliche Forderungen, die für die Bauern oft mehr Arbeit für weniger Geld bedeuten. Das macht niemand gerne, doch bei den Bauern scheint die Schmerzgrenze jetzt überschritten zu sein. Jahrelang schon mussten sie zusehen, wie ihnen etwa von Supermarktketten niedrige Preise für Fleisch, Milch oder Eier diktiert werden. Sie wurden von Agrarsubventionen zu immer größere Produktionsmengen gedrängt, damit sich der Betrieb am Ende überhaupt noch rechnet. Und das für einen Knochenjob von früh bis spät, jeden Tag, meist ohne Urlaub.

Es geht um mehr als die Höfe

Viele Bauern machen das, um ihre Familientradition am Leben zu erhalten. Viele sind mit Leib und Seele Bauer. Wenn der Hof in die roten Zahlen kommt, ist das mehr als nur eine Privatinsolvenz. Da hängt die ganze Identität dran. Ist es also gerechtfertigt, wenn Bauern zu Tausenden nach Hamburg fahren und den Verkehr lahmlegen? Ja! Es ist gut, wenn das Thema so mehr Aufmerksamkeit bekommt. Es geht hier schließlich nicht nur um die Höfe der Bauern, sondern unser tägliches Essen. Und unser Grundwasser. Unsere Obstbäume.

Branche muss sich verändern

Eins ist klar: Es kann so nicht weitergehen. Die Insektenmenge ist in den vergangenen 30 Jahren um rund 80 Prozent zurückgegangen. Insekten sind aber wichtig, um Pflanzen zu bestäuben und als Futter für größere Tiere. Der Fleischkonsum belastet das Klima unverhältnismäßig hoch. Das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg hat ausgerechnet: Die Produktion von einem Kilo Rindfleisch erzeugt zwölf Kilo CO2, die von einem Kilo Kartoffeln nur 400 Gramm CO2.

Die Antwort auf die Krise in der Lebensmittelproduktion kann freilich nicht die sein, auf weniger Umweltschutz zu setzen. Im Gegenteil: In vielen Bereichen gibt es noch zu wenige Regeln. Etwa bei der Ferkelkastration ohne Betäubung. Das ist barbarisch.

Der Bund ist in der Pflicht

Die Antwort ist einfach, aber unangenehm: Wir müssen für Lebensmittel endlich das bezahlen, was sie in Wahrheit kosten. Billigfleisch zu Lasten von Umwelt und Tieren - das muss aufhören. Und diesen Systemwechsel muss der Bund anschieben: Als tonangebende Nation in der EU und auf Bundesebene. Denn Natur- und Tierschutz und funktionierende Bauernhöfe, das geht zusammen. Wenn wir alle unserem Essen den Wert geben, den es schon lange haben sollte.

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NDR Info | Kommentar | 14.11.2019 | 17:08 Uhr