Stand: 12.08.2020 06:00 Uhr

Experten befürchten Pleitewelle im Herbst

von Markus Plettendorff

Wochenlang geschlossene Geschäfte, Hotels und Restaurants. Kein Kino, Theater oder Konzert. Die Corona-Pandemie treibt viele Unternehmen an den Rand des Ruins. Bislang ist die Zahl der Konkursanmeldungen allerdings noch gering. Experten rechnen aber mit einem deutlichen Anstieg in den kommenden Monaten.

Türschild mit der Aufschrift "geschlossen" © fotolia.com Foto: Friedberg
Die Corona-Pandemie zwang viele Unternehmer, ihre Geschäfte wochenlang geschlossen zu halten. Vielen droht das Aus.

Vor allem dank staatlicher Hilfe in Form von Soforthilfen, Kurzarbeitergeld und Bürgschaften für Kredite gelingt es vielen Unternehmen noch, sich über Wasser zu halten. Zudem wurde die sogenannte Insolvenzantragspflicht unter bestimmten Umständen ausgesetzt. Diese Regelung endet am 30. September 2020, wie der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, Daniel Terzenbach, mitteilte: "Bis dahin sehen wir aktuell, dass wir auffällig unauffällig sind. Wir haben halb so viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die Insolvenzgeld von uns bekommen, wie während der Wirtschaftskrise 2009/2010. Das sieht so aus, als wenn da noch etwas kommen könnte. Wie deutlich und wie groß eine solche Welle werden könnte, können wir aktuell nicht wirklich absehen."

Prof. Dr. Lucas F. Flöther, Rechtsanwalt Fachanwalt für Insolvenzrecht © Flöther & Wissing Insolvenzverwaltung Foto: Flöther & Wissing Insolvenzverwaltung

AUDIO: Insolvenzverwalter befürchtet Pleitewelle (35 Min)

Kreditversicherer erwartet globale Pleitewelle

Laut ifo-Institut rechnet inzwischen jedes fünfte Unternehmen in Deutschland damit nicht unbeschadet durch die Corona-Krise zu kommen. Der Kreditversicherer Euler-Hermes erwartet gar eine globale Pleitewelle und Unternehmensinsolvenzen bis weit in das kommende Jahr hinein. Auch der renommierte Insolvenzverwalter Lucas Flöther glaubt nicht an eine schnelle Erholung aller betroffenen Branchen: "Das ist nicht nur ein vorübergehender Einbruch und im Herbst ist die Welt wieder in Ordnung. Das sind nachhaltige Einbrüche. Und bei solchen nachhaltigen Einbrüchen, um nicht von nachhaltigen Schocks zu sprechen, wird sich vielleicht auch eine Insolvenzwelle, vielleicht sogar eine echte Pleitewelle nicht vermeiden lassen."

Insolvenzen oft zu spät beantragt

So erwartet Euler Hermes bis Ende kommenden Jahres einen Anstieg der Insolvenzen in Deutschland um zwölf Prozent. Um Folgeinsolvenzen zu verhindern und die Gläubiger zu schützen, dürfe aber die Insolvenzantragspflicht nicht einfach weiter langfristig ausgesetzt werden, so Insolvenzverwalter Flöther. Zumal Insolvenzen schon vor Corona häufig viel zu spät beantragt und dadurch Sanierungschancen verspielt wurden: "Wir sind - glaube ich - noch ganz weit weg von angelsächsischen oder US-amerikanischen Chapter-11-Verhältnissen. Wo es ganz normal ist, dass ein Unternehmen in seinem Lebenszyklus auch mal eine Talsohle durchschreiten muss und sich mal unter Gläubigerschutz stellt."

Schwierig den richtigen Zeitpunkt zu ermitteln

Der Gang zum Insolvenzgericht sei - vor allem bei kleinen Unternehmen - noch immer stigmatisiert. Neben der Angst vor dem Eingeständnis des eigenen Scheiterns sei es für Geschäftsführer aber oft auch schwierig festzustellen, wann der späteste Zeitpunkt für einen Insolvenzantrag gekommen ist, sagt Flöther: "Es ist nicht ganz einfach zu ermitteln, ob ich zahlungsunfähig oder überschuldet bin. Selbst bei der Zahlungsunfähigkeit können sich schwierige Rechtsfragen stellen. Noch viel schwieriger wird es bei der Überschuldung. Denn dort muss ich prüfen, erstens, ob ich eine Fortbestehungsprognose habe. Da muss man Wahrscheinlichkeiten berechnen und es kommen noch Bewertungsfragen hinzu. Also kurz gesprochen: schwierig und das können die allerwenigsten Geschäftsführer ganz allein."

Insolvenzrecht bietet viele Chancen

Flöther empfiehlt, sich frühzeitig mit einer möglichen Insolvenz auseinanderzusetzen. Nicht nur, weil das Insolvenzrecht auch viele Chancen - wie zum Beispiel die Beendigung langfristiger Verträge - bietet: "Je früher ich Sanierungschancen nutze, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich das Unternehmen trotz eines Insolvenzverfahrens, trotz eines Eigenverwaltungs- oder Schutzschirmverfahrens retten kann."

Zurzeit wird eine europäische Richtlinie, die außergerichtliche Sanierungsverfahren ermöglichen soll, in nationales Recht umgesetzt. Vielleicht eine weitere Chance eine echte Pleitewelle zu verhindern.

Weitere Informationen
Insolvenz © picture alliance/APA/picturedesk.com / www.press-photo.at Foto: Christian Ammering

Pleitewelle im Herbst? Insolvenzgerichte sind in Sorge

In Schleswig-Holstein droht im Herbst eine Welle von Insolvenzen. Das ergab eine NDR Abfrage bei allen Insolvenzgerichten im Land. Hauptgrund sind Umsatzeinbußen aufgrund der Corona-Pandemie. mehr

Außenansicht des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel © NDR Foto: Fin Walden

Corona: Kann sich SH eine zweite Welle leisten?

Das Land hat in der Corona-Pandemie eine Milliarde Euro bereitgestellt - und doch gibt es erste Insolvenzen. Was wäre bei einer zweiten Welle? Nachgefragt beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 12.08.2020 | 06:41 Uhr

Mehr Nachrichten

Streikende Mitarbeiter gehen über den Hof der Rostocker Straßenbahn AG. © dpa-Zentralbild/dpa Foto: Bernd Wüstneck

Warnstreiks im Norden: Viele Pendler betroffen

Im ganzen Norden sind im Nahverkehr Busse und Bahnen zum Stillstand gekommen. In vielen Städten waren Staus die Folge. mehr

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) © dpa Foto: Jörg Carstensen

Corona-Ticker: Schwesig gegen einheitliche Feier-Regeln

Beim heutigen Corona-Gipfel werden auch einheitliche Regeln für Privatfeiern diskutiert. Mehr Corona-News im Live-Ticker. mehr

Rapper Gzuz (bürgerlich Kristoffer Jonas Klauß) sitzt in einem Gerichtssaal in Hamburg. © picture alliance / dpa Foto: Daniel Reinhardt

Hamburger Rapper Gzuz muss ins Gefängnis

Das Mitglied der Band "187 Strassenbande" ist wegen mehrerer Delikte zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt worden. mehr

Eine Grafik mit möglichen Gebieten für atomare Endlager.
5 Min

Gorleben wird kein Atommüll-Endlager

Der Salzstock Gorleben wird kein Endlager für Atommüll. Infrage kommen 90 andere Regionen mit günstigen geologischen Voraussetzungen - auch Gebiete in Norddeutschland. 5 Min