Im Bauch eines Bundeswehrflugzeugs sitzen afghanische Flüchtlinge die von Bundeswehrsoldaten bewacht werden. © Bundeswehr/dpa Foto: Marc Tessensohn

Erste Gerettete aus Afghanistan in Hamburg angekommen

Stand: 18.08.2021 22:00 Uhr

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan haben sich alle norddeutschen Bundesländer bereit erklärt, Afghanen aufzunehmen. Die ersten kamen am Mittwochabend in Hamburg an.

"Um die Verfahren nicht weiter zu verkomplizieren, brauchen wir schnell ein Bundesaufnahmeprogramm. Der Bund hat hierfür alles in der Hand und kann auf dieser Grundlage Schutzbedürftige nach Deutschland holen", sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD). Die Landesinnenminister seien sich einig, Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) aufzufordern, gemeinsam ein solches Programm auf den Weg zu bringen.

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Ein Flugzeug der Luftwaffe auf dem Flughafen von Taschkent, Usbekistan. © Bundeswehr

Bundesprogramm für Afghanistan gefordert

In Kabul hoffen weitere Menschen auf eine Ausreise. Um sie zu versorgen, fordern die Landesinnenminister ein Bundesaufnahmeprogramm. Mehr bei tagesschau.de. extern

Niedersachsen rechnet mit etwa 1.000 Afghanen

Niedersachsen wird laut Pistorius bei der Aufnahme von Ortskräften und deren Familien eine "zentrale Rolle" einnehmen. Zuvor hatte das Innenministerium in Hannover bereits mitgeteilt, 450 Unterbringungsplätze für Menschen aus Afghanistan bereitzustellen. "Wir rechnen in Niedersachsen mit einer Aufnahme von circa 1.000, wenn sich die Zahlen so realisieren", sagte Pistorius am Abend bei NDR Info. Einrichtungen wie Friedland und Fallingbostel seien vorbereitet. In den vergangenen Monaten seien bereits 36 afghanische Helfer mit ihren Familien aufgenommen worden.

19 Ortskräfte und ihre Familien in Hamburg eingetroffen

In Hamburg kamen am Mittwochabend die ersten Afghanen mit einem Bus aus Frankfurt an. Es handelt sich um Ortskräfte und ihre Familien - 19 Personen, unter ihnen sieben Kinder. Eine erste Lufthansa-Maschine mit etwa 130 Geretteten war am frühen Morgen in Frankfurt gelandet. Danach wurden sie untersucht, registriert und auf Corona getestet. Sie wurden nun in eine Unterkunft im Hamburger Stadtteil Rahlstedt gebracht.

Kiel beschließt Aufnahmeprogramm für afghanische Frauen

Auch Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein haben sich bereit erklärt, Ortskräfte aufzunehmen. MV-Innenminister Torsten Renz (CDU) sagte: "Die afghanischen Helfer dürfen jetzt nicht im Stich gelassen werden. Das Gebot der Stunde ist, die zu unterstützen, die uns unterstützt haben." Die Kieler Landesregierung beschloss am Dienstag zudem ein zusätzliches Landesaufnahmeprogramm. Frauen, Schwestern und Kinder von bereits in Schleswig-Holstein lebenden Afghanen sollen ein Visum erhalten. Auch die niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, Doris Schröder-Köpf (SPD), fordert ein Aufnahmeprogramm für besonders gefährdete Afghaninnen. "Die Taliban zeigen sehr deutlich, dass sie Frauenrechte und Gleichberechtigung verachten", sagte Schröder-Köpf in Hannover.

Norddeutsche sorgen sich um afghanische Helfer und Mitarbeiter

Zahlreiche norddeutsche Organisationen und Unternehmen sorgen sich um Mitarbeiter und Helfer. "Wir bekommen WhatsApp-Nachrichten, die ganz verzweifelt sind, mit Schüssen im Hintergrund. Das ist wirklich nicht gut auszuhalten", sagt Marga Flader vom Verein Afghanistan Schulen aus Storman.

Unternehmer Daniel Paulig fordert ebenfalls die schnelle Einreise für seine Mitarbeiter. Er hatte für die Bundeswehr Hangars gebaut und mit Afghanen zusammengearbeitet. "Die Taliban stehen vor der Haustür meines Mitarbeiters und er kann das Haus nicht verlassen. Er hat absolute Angst." Ortskräfte, also Einheimische, die in Afghanistan für die Bundeswehr, Unternehmen, Hilfsorganisationen oder auch Journalisten gearbeitet haben, sind besonders bedroht. Die Taliban betrachten sie als Verräter. Das Patenschaftsnetzwerk Afghanischer Ortskräfte hat die Bundesregierung schon seit längerer Zeit für ihren Umgang mit einheimischen Helfern kritisiert. Zahlreiche Ortskräfte der Bundeswehr, die bei Subunternehmen angestellt waren, hatten bisher kein Visum erhalten.

Demonstrationen im Norden

Die Flüchtlingsorganisation Seebrücke hat zu zahlreichen Aktionen und Kundgebungen aufgerufen - so zum Beispiel am Sonnabend in Stade (14 Uhr) und am Sonntag (17 Uhr) in Hamburg. Die Organisation fordert, allen in Deutschland lebenden Afghanen ein sicheres und dauerhaftes Bleiberecht zu gewähren. Außerdem soll Deutschland Afghanen aus griechischen und türkischen Lagern einreisen lassen und sichere Fluchtwege eröffnen.

Angst vor der Rückkehr zum Gottesstaat

Viele Afghanen flüchten aus Angst vor einer erneuten Schreckensherrschaft. Von 1996 bis 2001 regierten die fundamentalistischen Taliban mit großer Willkür ohne einklagbare Gesetze. Frauen durften nicht mehr arbeiten oder zur Schule. Sie mussten sich verschleiern und durften nur in männlicher Begleitung das Haus verlassen. Männer mussten Turban und langen Bart tragen. Vergehen wurden mit Auspeitschungen oder Steinigung geahndet, Dieben die Hand abgehackt. Auch Internet, Fernsehen, Musik und Tanzen waren verboten. Auf der ersten Pressekonferenz hatten die Taliban bekräftigt, keine Vergeltungsaktionen durchzuführen und Frauen arbeiten zu lassen. Allerdings machen Afghanen wie die ehemalige Richterin Marzia Babakarkhail immer wieder deutlich, den Aussagen keinen Glauben zu schenken.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 18.08.2021 | 22:00 Uhr

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