Stand: 20.02.2020 18:22 Uhr

Entsetzen im Norden über Gewalttat von Hanau

Auch in Norddeutschland herrscht Trauer und Entsetzen nach den tödlichen Schüssen von Hanau mit ausländerfeindlichem Hintergrund. Dabei hatte ein Mann am Mittwochabend zehn Menschen getötet. Nach dem Verbrechen an zwei Tatorten mit neun Toten fand die Polizei die Leiche des mutmaßlichen Todesschützen in seiner Wohnung. Dort entdeckten Beamte auch die tote Mutter des Mannes. Der Generalbundesanwalt übernahm die Ermittlungen wegen Terrorverdachts.

Hamburg: Parteien sagen Wahlkampftermine ab

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Hunderte Menschen, darunter zahlreiche Spitzenpolitiker, gedenken auf dem Hamburger Rathausmarkt der Opfer der Bluttat von Hanau. | Bild: picture alliance/dpa/Markus Scholz © picture alliance / dpa Foto: Markus Scholz

Bluttat in Hanau: Gedenken und Demo vor AfD-Büro

In Hamburg haben die Parteien ihren Wahlkampfabschluss wegen der Bluttat von Hanau abgesagt. Stattdessen gab es eine Kundgebung auf dem Rathausmarkt. Später zogen Tausende vor das AfD-Büro. mehr

In Hamburg sagten mehrere große Parteien ihre Wahlkampfveranstaltungen am Donnerstag ab. "Angesichts der schrecklichen Ereignisse in Hanau dürfen wir den Wahlkampf nicht einfach weiterführen", erklärte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Ursprünglich wollten die Sozialdemokraten am Abend das Finale vor der Bürgerschaftswahl am Sonntag bestreiten. Die Spitzen von SPD, Grünen, CDU, Linke und FDP riefen dazu auf, zu einer Gedenkveranstaltung auf dem Rathausmarkt am Donnerstagnachmittag zu gehen, viele Spitzenpolitiker nahmen auch selbst daran teil. Am Abend teilte die Polizei mit, dass sich etwa 600 Menschen an der Kundgebung beteiligt hätten.

"Hass darf niemals gewinnen! Lasst uns ein Zeichen setzen, dass in unserer Stadt kein Platz für Rassismus, Menschenfeindlichkeit und rechtes Gedankengut ist!", twitterte Grünen-Spitzenkandidatin Katharina Fegebank. Auch die FDP verzichtet auf ihren ursprünglich für Freitag angesetzten Wahlkampf-Endspurt, zu dem der Bundesvorsitzende Christian Lindner kommen sollte. Die FDP stelle sich gegen jede gesellschaftliche Stimmung, die Hass und Gewalt hervorrufe, sagte Spitzenkandidatin Anna von Treuenfels-Frowein. Der Chef der Hamburger AfD-Fraktion, Dirk Nockemann, erklärte: "Die furchtbaren Taten von Hanau erschüttern uns und machen fassungslos." Seine Partei fordere eine "unverzügliche Aufklärung über die Hintergründe dieses fürchterlichen Verbrechens".

Landtag in Kiel gedenkt der Opfer

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sprach den Angehörigen der Opfer seine Anteilnahme aus. "Es ist erschütternd, wie viele Menschen dort getötet wurden", sagte er. Günther nannte die Tat einen feigen Angriff auf eine friedliche und freiheitliche Gesellschaft. Der Landtag in Kiel gedachte zum Auftakt seiner Sitzung am Donnerstag der Toten mit einer Gedenkminute. Die stellvertretende Landtagspräsidentin Kirsten Eickhoff-Weber erinnerte an die Landtagsdebatte vom Vortag über die politischen Vorgänge in Thüringen und politisch rechtsextremes Zündeln. "Gestern noch haben wir in diesem Hause über den wachsenden Hass gesprochen, der sich in Teilen unserer Gesellschaft ausbreitet. Wir nehmen mit großer Sorge zur Kenntnis, dass dieser irrationale Hass immer öfter in offene Gewalt umschlägt. Wir Demokratinnen und Demokraten stehen vereint gegen diesen Hass, diese Gewalt und ein politisches Klima, das Täter wie jenen von Hanau in seinem Entschluss möglicherweise bestärkt hat", sagte Eickhoff-Weber. Fraktions- und Landeschefs von CDU, SPD, Grünen, FDP und AfD verurteilten den Anschlag ebenfalls in Redebeiträgen.

MV: Entsetzen über "rechtsextremistische Tat"

Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist das Entsetzen groß. "Mehr denn je müssen wir jetzt als friedliche Gesellschaft zusammenstehen. Wir dürfen Rassismus und Hass keinen Raum lassen", twitterte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). Justizministerin Katy Hoffmeister und Innenminister Lorenz Caffier verurteilten die Tat. "Jede Form des Hasses gilt es zu bekämpfen. Denn Hass mündet in Gewalt. Die Zeit des Extremismus darf in Deutschland nicht wieder aufflammen", betonte Hoffmeister. Caffier sagte: "Erneut hat die Tat uns vor Augen geführt, wie wichtig und richtig es ist, wachsam zu sein. Wir sind mehr denn je gefordert, unsere Kräfte in den Sicherheitsbehörden weiter zu bündeln und entschieden gegen rechtsextreme Einzeltäter, Gruppen oder Netzwerke vorzugehen."

"Wer die Massivität dieses Problems für unsere Gesellschaft nicht erkennen will oder weiterhin leugnet, macht sich zum Handlanger dieser mörderischen Ideologie", sagte der innenpolitische Sprecher der Linken-Landtagsfraktion, Peter Ritter. "Ein Wirrkopf reicht aus, um so viel Leid zu stiften. Man kann nur entsetzt sein ob solcher menschlichen Abgründe", schrieb AfD-Landessprecher Leif-Erik Holm bei Twitter.

Pistorius: Alle müssen Augen aufmachen

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) bezeichnete die Gewalttat als einen "rechtsextremistischen Terroranschlag", der ihn entsetzt und fassungslos mache. "Wenn rechter Hass immer weiter durch rechte Demagogen gefüttert wird, entsteht daraus Terrorismus", sagte Pistorius in Hannover. "Dieser rechtsradikale Terrorismus ist aktuell die größte Bedrohung unserer Demokratie, unseres friedlichen Zusammenlebens und unseres demokratischen Staates." Alle seien gefordert zu handeln und die Augen aufzumachen. "Wir müssen auch diese Tat durch die Polizei konsequent untersuchen, wir müssen schnell die richtigen Schlüsse ziehen, politisch, gesellschaftlich und rechtlich."

EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm: "Ich bin fassungslos"

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, zeigte sich ebenfalls erschüttert über dieses Verbrechen: "Ich bin fassungslos angesichts der Gewalttat von Hanau. Meine Gedanken und Gebete sind bei den Opfern und ihren Familien. Wenn sich bewahrheitet, was jetzt bekannt geworden ist, dann ist diese Gewalttat ein trauriger Beleg für die brutalen Konsequenzen des Gifts, das rechtspopulistische und rechtsextreme Kreise zu streuen versuchen. Wer Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sät, der muss auch damit rechnen, dass daraus brutale Gewalt erwächst."

Muslimischer Verband: Anschlag auf Andersgläubige

Der muslimische Landesverband in Niedersachsen verurteilte die tödlichen Schüsse als einen rassistisch motivierten Anschlag auf Andersgläubige. "Erst wenn wir uns endlich dieser Dimension der Anschläge bewusst werden, können wir mit der notwendigen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung mit dem wiedererstarkten Rechtsradikalismus in unserem Land erfolgreich sein", sagte der Verbandsvorsitzende Recep Bilgen. Die Politik und Sicherheitsbehörden ständen in der Pflicht, sich noch deutlicher gegen die Gefahr von rechts zu positionieren.

Ähnlich äußerte sich die türkische Gemeinde in Niedersachsen. "Wieder fühlt sich ein rechtsextremer Mörder dazu berufen, wahllos Menschen zu erschießen. Dieser Terror ist ein Angriff auf uns alle", hieß es in einer Pressemitteilung. "Wir klagen die Brandstifter in Politik und sozialen Medien an." Migration als die Mutter aller Probleme zu bezeichnen, legitimiere rassistische Gewalt und sei Ansporn für rassistische Täter zu selbst ernannten "Problemlösern" zu werden.

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Drei Mitarbeiter der Spurensicherung betreten einen Tatort in Kesselstadt. © DPA Foto: Dorothee Barth

Hanau: Entsetzen, Schock und Trauer

Das mutmaßlich rechtsradikale Attentat von Hanau erschüttert Deutschland. Ein Mann tötete zehn Menschen und sich selbst. Tagesschau.de fasst zusammen, was bisher über den Fall bekannt ist. extern

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NDR Info | Aktuell | 20.02.2020 | 14:00 Uhr

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