Christian Drosten © picture alliance Foto: Christophe Gatea

Drosten im Corona-Podcast: Das Alter ist entscheidend

Stand: 29.09.2020 17:43 Uhr

Der Virologe Christian Drosten zeigt im Podcast auf, wie gefährlich das Coronavirus für ältere Menschen sein kann. Bei ihnen könne das "Immun-Gedächtnis" zu schweren Krankheitsverläufen führen.

von Marc-Oliver Rehrmann

In der neuen Podcast-Folge des "Coronavirus-Update" plädiert Virologe Christian Drosten dafür, dass Schulen über den Herbst und Winter möglichst offen gehalten werden. Aus seiner Sicht reicht es, einzelne Klassen zu schließen, wenn früh genug auf vereinzelte Corona-Fälle reagiert werde. "Ein Schulausbruch schaukelt sich über Wochen hoch. Da ist Zeit zum Reagieren."

Problematisch wird es, wenn Schüler die Eltern anstecken

Drosten geht es vor allem um den Schutz von Risikogruppen. Problematisch werde es, wenn die Schulkinder zu Hause die Eltern anstecken, also Erwachsene im mittleren Alter. Denn in dieser Altersgruppe gebe es Risikopatienten, die möglicherweise im Krankenhaus und auf den Intensivstationen landen. "Das müssen und können wir vermeiden, wenn wir die Schulsituation transparent im Auge behalten", betont Drosten. Er fordert daher mehr Daten zu der Rolle der Kinder im Infektionsgeschehen ein.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash

AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Das Gedächtnis der Zellen (73 Min)

Drosten: Antigen-Tests sind auch für Schulen wichtig

Der Virologe setzt auf Antigen-Tests, die in Deutschland bereits zugelassen sind - allerdings bisher nur von medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden dürfen. Wenn sich da etwas bewege, könne man im Umfeld der Schulen sehr viel machen. "Wir müssen uns darauf einstellen, dass im Herbst öfter und besser getestet wird", sagt Drosten. Das müsse dann eben auch für Lehrer und Schüler gelten.

USA: Corona ist 16-mal gefährlicher als die Grippe

Außerdem geht es in der aktuellen Podcast-Folge um neue Erkenntnisse zur Infektionssterblichkeit - also zu der Frage, welcher Anteil der Coronavirus-Infizierten an der Krankheit stirbt. Eine neue Meta-Analyse aus den USA, die jetzt als Vorveröffentlichung vorliegt, liefert laut Drosten wertvolle Erkenntnisse, weil sie viele Fehlerquellen ausschließt. Demnach ist in den USA von einer Infektionssterblichkeit von 0,8 Prozent auszugehen.

Zieht man die Sterblichkeit von Grippe-Infizierten als Vergleich hinzu, zeige sich: Die Wahrscheinlichkeit an Covid-19 zu sterben sei in den USA 16-mal höher als bei einer Grippe. In der Frühphase der Corona-Epidemie hatten viele Politiker - unter ihnen US-Präsident Donald Trump - gesagt, dass das Coronavirus in etwa so gefährlich sei wie ein Grippevirus.

Sterblichkeit: Auf das Alter kommt es an

In Deutschland liegt die Infektionssterblichkeit nach Einschätzung von Drosten etwas höher als in den USA, weil hierzulande die Bevölkerung im Mittel etwas älter sei. Der Virologe hält für Deutschland einen Wert von 1,0 Prozent oder etwas darüber für plausibel.

Die Unterschiede in der Infektionssterblichkeit zwischen den einzelnen Ländern werden - der Metastudie zufolge - dadurch bestimmt, wie alt die untersuchte Bevölkerungsgruppe im Mittel ist. Drosten: "Das Alter macht es aus und sonst praktisch nichts." Je jünger eine Gesellschaft sei, umso geringer die Sterblichkeit.

200-mal wahrscheinlicher als ein tödlicher Autounfall

"Die Sterblichkeit geht mit zunehmendem Alter rapide nach oben", macht Drosten klar. Demnach gilt für die Altersgruppe von 35 bis 44 Jahren im Mittel: Eine Corona-Infektion ist in diesem Alter ungefähr so gefährlich wie eine Influenza. Bei der Altersgruppe zwischen 45 und 54 Jahren liege die Infektionssterblichkeit dann schon höher - bei 0,2 Prozent. Und für die Gruppe von 55 und 64 Jahren beträgt der Wert laut der Studie schon 0,7 Prozent.

"Die Autoren der Studie haben einen interessanten Vergleich gemacht", berichtet Drosten. Demzufolge ist das Risiko für die Altersgruppe zwischen 55 und 64 Jahren, an einer Corona-Infektion zu sterben, 200-mal größer, als innerhalb eines Jahres bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen.

Bei der Altersgruppe zwischen 65 und 74 Jahren liegt die Infektionssterblichkeit bereits bei einem Wert von 2,2 Prozent. Im Vergleich mit der Sterblichkeit bei Grippefällen heißt das: "In dieser Altersgruppe kommen auf einen Grippe-Toten 30 Covid-19-Tote", rechnet Drosten vor. "Die Zahlen für die noch höheren Altersgruppen sind furchtbar: Bei den 75- bis 84-Jährigen liegt die Sterblichkeit bei 7,3 Prozent - und bei denjenigen über 85 Jahren stirbt fast jeder Dritte. Das ist dann so viel wie bei den Pocken im Mittelalter." Diese Zahlen seien wichtig, um die aktuelle Situation richtig zu bewerten, so der Virologe.

"Hintergrund-Immunität ist höchst unwahrscheinlich"

Ist man vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 besser geschützt, wenn man in der Vergangenheit bereits viele Erkältungen durchgemacht hat, und auch die gängigen Coronaviren darunter waren? Drosten sagt zu der Forschungsthese einer solchen Hintergrund-Immunität: "Die Hoffnung schwindet, dass man einen bevölkerungsweiten Effekt in dieser Richtung hat."

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Der Virologe beruft sich auf eine kürzlich veröffentlichte Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Kiel und Köln. Es sei demnach höchst unwahrscheinlich, dass es eine wirkliche Hintergrund-Immunität gibt. "Es reicht nicht, um eine Coronavirus-Infektion aus dem Körper wegzuhalten", sagt Drosten. Der Grund: Die Verwandschaft von Sars-CoV-2 mit den vier gängigen Coronaviren sei nicht groß genug.

Immun-Gedächtnis: Wenn der Körper sich an Krankheiten erinnert

Ältere Menschen, deren Körper im Laufe ihres Lebens schon viele verschiedene Krankheits-Erreger bekämpft hat, greifen bei einer Konfrontation mit dem neuartigen Coronavirus häufig auf diese Immun-Erfahrungen zurück. Die Studie zeige aber: "Diese Antwort auf das Virus ist dann nicht immer richtig - und es kann zu schweren Verläufen der Krankheit kommen." Das sogenannte Immun-Gedächtnis erweist sich in solchen Fällen als wenig schlagkräftig.

Jüngere Menschen, die noch weniger Krankheiten durchgemacht haben, könnten hingegen offenbar eher gezielt gegen das Virus ein neues Immun-Gedächtnis aufbauen.

Erste Impfstoffe schützen vor schweren Symptomen

Auch ein Coronavirus-Impfstoff hat das Ziel, ein gezieltes Immun-Gedächtnis im Körper anzulegen, damit das Immunsystem auf den Erreger vorbereitet ist. "Mit den ersten Impfstoffen wird man sicherlich erst mal gegen die schweren Symptome geschützt werden", stellt Drosten klar. "Aber noch nicht gegen eine oberflächliche Erkältungserscheinung, die man durch das Virus noch kriegen kann."

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Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 29.09.2020 | 17:00 Uhr

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