Stand: 17.01.2020 13:14 Uhr

Cyber-Grooming: So gefährdet sind Kinder im Netz

Cyber-Grooming ist Missbrauch von Kindern im Internet. Der Begriff bedeutet, dass sich meist ältere Männer in Chats das Vertrauen junger Menschen erschleichen, um sie sexuell zu missbrauchen. In Deutschland ist Cyber-Grooming als eine Form des sexuellen Missbrauchs von Kindern nach Paragraph 176 StGB verboten. Der Bundestag hat am Freitag eine Gesetzesverschärfung beschlossen: War Cyber-Grooming bisher nicht strafbar, wenn die Täter ungewollt auf verdeckte Ermittler trafen, sollen sie nun auch dann bestraft werden, wenn sie in die Falle der Polizei tappen. Ein Fall aus Norddeutschland zeigt, wie solche Täter vorgehen.

von Lea Eichhorn und Svea Eckert

Johanna (Name geändert) ist zehn Jahre alt, als sie in einem Chatraum von einem Mann angeschrieben wird. Er ist 21, macht ihr Komplimente. Johanna fühlt sich geschmeichelt. Später fragt der Unbekannte sie nach sexuellen Erfahrungen: Ob sie sich schon einmal "unten angefasst" habe. Er schickt ihr Fotos von seinem Geschlechtsteil und von sexuellen Handlungen. Über ein Jahr chattet Johanna heimlich immer wieder mit dem Unbekannten.

Von Kuscheln bis zu extremen Gewaltfantasien

Johannas Mutter entdeckt die Chatprotokolle schließlich zufällig und geht zur Polizei. Die leitet Ermittlungen ein, das Verfahren läuft noch. Die Eltern des Mädchens haben große Schuldgefühle. Sie möchten nicht öffentlich darüber sprechen, was ihrer Tochter passiert ist. Johanna schämt sich. Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Heidemarie Jung von Dunkelziffer e.V. darf über den Fall sprechen. Der Mann habe Johanna von sexuellen Fantasien geschrieben, das Mädchen darin einbezogen. "Das waren erst einmal sexuelle Handlungen, wie die Mädchen sich das vorstellen, kuscheln, mal berühren, - bis hin zu extremen Gewaltfantasien," erzählt Jung.

Cyber-Grooming: Informationen und Hilfe

Wenn erwachsene Täter sich Minderjährigen im Internet annähern, mit der Absicht, sie sexuell zu belästigen, dann sprechen Ermittler und Ermittlerinnen von Cyber-Grooming.
Informationen zum sicheren Umgang mit sozialen Netzwerken: Klicksafe
Für Betroffene von sexueller Gewalt on- und offline: Dunkelziffer e.V., Weißer Ring e.V.

Selbstversuch: Im Chat als Zwölfjährige ausgegeben

Wie schnell Kinder online ausgenutzt werden können, zeigt ein Selbstversuch. ARD-Reporterinnen melden sich in einem für Kinder gedachten Chatraum an, als zwölfjähriges Mädchen. Nach fünf Minuten erreichen sie schon sechs Freundschaftsanfragen von männlichen Chatteilnehmern. Ein Chatpartner bittet die Zwölfjährige in ein virtuelles Arztzimmer. Es soll sich hinlegen, sich ausziehen. Der Chatpartner will das Mädchen, auch virtuell, am Rücken oder an den Brüsten massieren. Auf Nachfrage behauptet er, er sei 16. Überprüfen lässt sich das nicht.

Der Cyber-Kriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger geht davon aus, dass fast jedes Kind in den sozialen Netzwerken Cyber-Grooming erlebt. "Die Täter nehmen über alle Online-Plattformen und sozialen Netzwerke Kontakt mit Kindern auf", so Rüdiger. "Das kann sein, dass die in Online-Spielen unterwegs sind und dann durch ein Spiel einen vertrauensbildenden Prozess schaffen und Kontakt aufnehmen."

Medienscouts können Betroffenen helfen

An einigen Schulen helfen sogenannte Medienscouts im Umgang mit sozialen Medien. Ältere Schüler und Schülerinnen werden in Medienkompetenz ausgebildet. Sie beraten jüngere Kinder bei Fragen und Problemen rund um den digitalen Raum. Jonathan ist Medienscout am Gymnasium Ohmoor. Der Schüler legt besonderen Wert auf Wissensvermittlung: "Viele kennen den Begriff Cyber-Grooming gar nicht. Dann ist das Risiko, dass sie darauf eingehen, natürlich höher." Ein Vorteil der Medienscouts, berichten die Schüler: Der kleinere Altersunterschied mache es jüngeren Schülern leichter, mit ihnen über unangenehme Themen zu sprechen.

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