Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis

Corona-Podcast: Man kann nicht alle Risikogruppen wegsperren

Stand: 03.11.2020 17:00 Uhr

Einige Wissenschaftler und Ärzte halten den aktuellen "Lockdown" für überzogen. Es reiche aus, wenn man die Risikogruppen besser schütze. Virologin Sandra Ciesek hält ein solches Vorgehen für abwegig.

von Marc-Oliver Rehrmann

In der neuen Folge des Podcasts Coronavirus-Update macht Ciesek klar, dass sie den Vorstoß ablehnt, im Kampf gegen die Corona-Pandemie künftig in erster Linie auf den Schutz von Risikogruppen zu setzen. Dies hatten jüngst einige Wissenschaftler und Ärzte gefordert: Die Politik könnte dann auf harte Corona-Einschränkungen wie im aktuellen "Lockdown" verzichten.

Jeder vierte Deutsche hat eine Vorerkrankung

Ciesek weist darauf hin, dass mindestens 21,9 Millionen Menschen in Deutschland eine Vorerkrankung haben und somit ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf bei einer Covid-19-Erkrankung. Die Virologin beruft sich auf eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK. Demnach zählen hierzulande 26,4 Prozent der Bevölkerung zu einer Risikogruppe. "Das ist eine wahnsinnig hohe Zahl, die man sich bewusst machen muss, wenn man davon redet, wir schützen fortan nur noch die Risikogruppen", sagt Ciesek. "Wie sollen 21,9 Millionen Menschen mit einer Vorerkrankung vor den restlichen 60 Millionen geschützt werden? Da merkt man schnell, wie irrsinnig und schwierig das ist."

Zur Risikogruppe zählen keineswegs nur alte Menschen

Es sei ein Irrglaube, bei dem Begriff "Risikogruppe" nur besonders alte Menschen im Sinn zu haben. "Alle denken an die alte Oma, die 80 oder 90 Jahre alt ist und den ganzen Tag im Pflegeheim im Bett liegt", sagt Ciesek. Aber das sei nun einmal nicht die Realität. Blickt man auf die gesamte Gruppe der Menschen mit Vorerkrankungen in Deutschland, sind ein Drittel von ihnen jünger als 60 Jahre. "Und in der Altersgruppe der 20-Jährigen haben immerhin drei Prozent eine Vorerkrankung", führt Ciesek aus.

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash

AUDIO: Die neue Podcast-Folge: Risikogruppen kann man nicht wegsperren (89 Min)

Mancherorts sind 43 Prozent der Bevölkerung vorerkrankt

Der AOK-Studie zufolge fällt die Verbreitung von Vorerkrankungen in der Bevölkerung regional sehr unterschiedlich aus. In Universitätsstädten wie Heidelberg und Freiburg - mit vielen jungen Studierenden - ist ein vergleichsweise geringer Teil betroffen. Hingegen sind in manchen Städten oder Gemeinden bis zu 43 Prozent vorerkrankt, also nahezu die Hälfte der Bevölkerung. "Wie soll es dort gelingen, diese Risikogruppen besonders zu schützen oder zu isolieren?", fragt Ciesek. "Das ist mir völlig unklar." Der einzige Weg, Risikogruppen zu schützen, ist nach Ansicht der Virologin: die Infektionszahlen in der gesamten Bevölkerung niedrig zu halten.

Welche Krankheiten könnten bei einer Sars-CoV-2-Infektion problematisch sein?

Die Studie berücksichtigt die Vorerkrankungen, die das Robert Koch-Institut im Zusammenhang mit Risikogruppen bei der Corona-Pandemie aufführt: Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Erkrankungen des Atmungssystems, der Leber, der Niere, Krebserkrankungen oder Faktoren wie Adipositas (Übergewicht) und Rauchen. Auch für Patienten mit unterdrücktem Immunsystem besteht ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf- zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung, die mit einer Immunschwäche einhergeht, oder wegen Einnahme von Medikamenten wie Cortison, die die Immunabwehr unterdrücken.

"Die Schwere der Vorerkrankung ist entscheidend"

Eine pauschale Zuordnung zu einer Risikogruppe allein sei noch nicht aussagekräftig, wie Ciesek erklärt. "Es spielt ja auch die Schwere der Grunderkrankung eine Rolle. Wie ausgeprägt ist der Bluthochdruck beispielsweise? Muss der Patient Medikamente einnehmen? Oder bei Krebspatienten: Gibt es eine laufende Chemo-Therapie oder liegt der Tumor schon fünf Jahre zurück?" Das seien ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Erst wenn man die Schwere einer Grunderkrankung berücksichtige, lasse sich die Frage nach einem möglicherweise erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf beantworten.

Auch Schwangere haben offenbar ein erhöhtes Risiko

Ganz neu ist die Erkenntnis, dass offenbar auch Schwangere ab 35 Jahren ein erhöhtes Risiko haben, nach einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt werden zu müssen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie aus den USA, für die Forscher die Daten von 400.000 Frauen ausgewertet haben - von denen 23.000 schwanger waren. "Demnach ist das Risiko bei Schwangeren für einen Krankenhaus-Aufenthalt um den Faktor zwei bis drei höher als bei nicht-schwangeren Frauen in der gleichen Altersklasse", sagt Ciesek.

Sie warnt aber zugleich vor übertriebener Sorge. "Man braucht keine Panik zu haben, wenn man schwanger ist. Denn das absolute Risiko ist in der Altersgruppe ja extrem gering."

Ciesek: Schwangere sollten früh einen Impfstoff erhalten

Nichtsdestotrotz gibt die Virologin Schwangeren folgenden Rat: "Es ist sehr wichtig, dass Schwangere die Hygiene-Regeln einhalten und dass sie sich gegen Grippe impfen lassen." Und: Wenn es um die Verteilung der ersten Generation eines Corona-Impfstoffs geht, spricht sich Ciesek dafür aus, die Schwangeren früh mit einzubinden.

Coronavirus: Keine Gefahr für das Kind im Bauch

Die gute Nachricht für werdende Eltern lautet: Für das heranwachsende Kind im Bauch besteht offenbar keine Gefahr durch das Coronavirus. "Anders als manch anderes Virus wie zum Beispiel die Röteln schädigt Sars-CoV-2 nicht den Embryo beziehungsweise den Fötus", sagt Ciesek.

Weitere Informationen
Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

Coronavirus-Update: Der Podcast mit Drosten & Ciesek

Hier finden Sie alle bisher gesendeten Folgen zum Nachlesen und Nachhören sowie ein wissenschaftliches Glossar und vieles mehr. mehr

Stapel Papier © NDR

Coronavirus-Update - Die Podcast-Folgen als Skript

Weil viele Hörerinnen und Hörer danach gefragt haben, bieten wir unser regelmäßiges Coronavirus-Update jetzt auch in schriftlicher Form an. Hier finden Sie die Skripte zum Herunterladen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 03.11.2020 | 18:08 Uhr

Mehr Nachrichten

Spaziergänger sind am Ostseestrand von Warnemünde (Mecklenburg-Vorpommern) unterwegs, der leicht bewölkte Himmel lässt bei eher herbstlichen Temperaturen immer wieder mal die Sonne durch. © dpa bildfunk Foto: Bernd Wüstneck

Corona-Blog: Hotels in MV dürfen über Weihnachten öffnen

Drei Übernachtungen sind über die Feiertage für Gäste erlaubt, die ihre Familie besuchen. Mehr Corona-News im Blog. mehr

Eine junge Frau geht in einem Einkaufscenter an einem Weihnachtsbaum vorbei. © dpa - picture alliance Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON

Weihnachtsgeschäft startet in Niedersachsen gedämpft

Der große Ansturm blieb von Lingen über Hannover bis Braunschweig am ersten Adventssonnabend aus. mehr

Busse stehen am Morgen hinter einer Schranke auf dem Betriebshof Langenfelde der Hamburger Hochbahn. © dpa Foto: Bodo Marks

Ärger über Warnstreik bei Bussen und Bahnen in Hamburg

Mit Bus und Bahn kam man in Hamburg am Sonnabend nicht voran: Wegen eines Warnstreiks fuhren nur die S-Bahnen. mehr

Orange-rot gefilterte Leuchtstoffröhre an einer Brüstung eines Kirchturms
2 Min

Advent: Kirchen setzen Leuchtzeichen gegen Einsamkeit

Zu jedem Advent leuchten drei Kirchen der Hamburger Nordkirche in gold-orangenen Lichtern. Insgesamt sollen zwölf am Ende in der Stadt erstrahlen. 2 Min