Stand: 28.10.2020 16:37 Uhr

Constructive Journalism Day 2019

NDR Info, die Hamburg Media School (HMS) und die Schöpflin Stiftung haben 2019 den zweiten Constructive Journalism Day veranstaltet. Bei der Fachkonferenz tauschten sich Journalistinnen und Journalisten verschiedener Medien aus dem In- und Ausland über ihre Erfahrungen mit konstruktivem Journalismus aus, der einen Perspektivwechsel bietet und nach Lösungen sucht. Die drei Fach-Vorträge der Konferenz finden Sie hier als Videomitschnitt.

VIDEO: Constructive Journalism Day 2019: Die Vorträge (134 Min)

Der Constructive Journalism Day war 2018 von NDR Info und der Hamburg Media School zum ersten Mal veranstaltet worden. Federführend verantwortlich für die Veranstaltung waren Prof. Stephan Weichert, Studiengangleiter "Digital Journalism" an der Hamburg Media School, und die ehemalige NDR Hörfunk-Chefredakteurin Claudia Spiewak.

Wo liegen die Probleme?

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Illustration: Zwei Hände umfassen eine Glühbirne © NDR

Perspektiven: Auf der Suche nach Lösungen

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Marcus Bornheim, erster Chefredakteur von ARD-aktuell und damit von Tagesschau und Tagesthemen, wünscht sich, dass seine Reporterinnen und Reporter konstruktiver berichten, also nicht nur erzählen, wo Probleme liegen, sondern auch, wie es besser geht. Allein: "Es ist wahnsinnig schwierig und wir haben auch in der Redaktion ständig Diskussionen darüber, wie lässt sich konstruktiver Journalismus und aktuell betriebener Journalismus miteinander verbinden", sagte Bornheim.

Auf dem Constructive Journalism Day 2019 war er einer von etwa 200 Journalistinnen und Journalisten, die offen darüber sprachen, was es heißt, der Berichterstattung eine neue Perspektive zu geben. Ein Hindernis ist die Aktualität: Nachrichten dringen vor allem durch, wenn etwas schief läuft, wenn es irgendwo brennt.

"Durchschlagskraft für lösungsorientierten Journalismus finden"

Bornheims Gegenbeispiel auf der Konferenz war ein Beitrag aus der ARD-Themenwoche Gerechtigkeit zu den schlechten Arbeitsbedingungen in Fabriken für Billig-Kleidung, entwickelt von den Autorinnen Sharon Welzel und Alice Hasters.

"Immer wieder werden Bangladeschs Textilfabriken zu tödlichen Fallen für die Näherinnen und Näher. Die Helfer bergen viele Leichen aus der ausgebrannten Fabrik."

Die Tagesthemen zeigten Passanten die Szenen, informierten also über das Problem. Dann aber dachten die Passanten vor der Kamera nach.

"Auf Bergen von Klamotten zu sitzen, die man nicht alle gleichzeitig tragen kann, ist im Grunde unnötig. Weniger kaufen, dafür eine höhere Qualität. Das hält auch länger."

Gemeinsam überlegen, wie es besser geht - genau das, sagt Redaktionsleiter Bornheim, könnte es bald häufiger gegeben: "Dass wir beispielsweise den 'Lösungsfinder' etablieren, den entsprechenden Text, den Beitrag, den Podcast dazu auch bei tagesschau.de publizieren. Ich glaube, so können wir eine Reichweite und auch eine Durchschlagskraft für lösungsorientierten Journalismus finden."

Neuer Kurs der "Sächsischen Zeitung"

Die "Sächsische Zeitung" probiert seit 2016, in jeder Ausgabe auch konstruktiv zu berichten. Gerade in Ostdeutschland sei das aber besonders schwierig, berichtet Redakteur Oliver Reinhard. Zu sehr sei die Erinnerung an die gleichgeschalteten SED-Medien aus der Zeit der DDR präsent mit dem ständigen Versuch der Schönfärberei: "Bei uns im Sozialismus ist alles super und da gibt es so gut wie nichts, was schief läuft. Daran kranken wir noch heute und da haben tatsächlich auch noch ein paar Kollegen ein Problem mit."

Von dem Kurs, konstruktiv zu berichten, will sich die "Sächsische Zeitung" aber nicht abbringen lassen. In der Redaktion werden nun einzelne Journalistinnen und Journalisten zu "Konstruktivisten" ernannt. Sie sollen ständig daran erinnern, auch mal nach vorne zu schauen: "Das hat einfach was mit der zunehmenden Nachrichtendichte zu tun, mit Personalschwund. Wir haben relativ wenig Zeit, von dem gelernten Weg, der gelernten Perspektive uns mal wegzuwenden und konstruktiv zu arbeiten, zumal das auch manchmal etwas aufwendiger ist, was die Recherche anbelangt als das herkömmliche arbeiten."

Die konstruktive Perspektive im Journalismus lohne sich allerdings, sagt Reinhard. In Leserbefragungen schneiden die Texte besser ab, die über reine Problembeschreibungen hinausgehen. Ellen Schuster von der Deutschen Welle berichtet auf der Veranstaltung zudem: In sozialen Netzwerken kommentieren Nutzer konstruktive Berichte besonders stark. Sie bringen ihre eigenen Erfahrungen und Ideen ein.

Kann lösungsorientierter Journalismus Vertrauen stärken?

Die Bühne und der Saal beim Constructive Journalism Day in Hamburg. © NDR Foto: Sharon Welzel
Zunächst gab es beim Constructive Journalism Day Vorträge, später mehrere Workshops.

Im Mittelpunkt des Interesses beim vom Programmchef NDR Info und Chefredakteur des NDR Hörfunks Adrian Feuerbacher moderierten Constructive Journalism Day 2019 stand Tina Rosenberg. Sie schreibt bei der "New York Times" eine Kolumne, die schlicht "Fixes" ("Lösungen") heißt. Außerdem trainiert sie Medien im - wie sie es nennt - "solution journalism", also "Lösungsjournalismus". Lösungsorientierter Journalismus, so Rosenberg, könne Vertrauen stärken, die Beziehung zwischen einem Medium und der Gesellschaft. Das Mittel dafür: Wenn es etwa ein Problem in einer Stadt oder einem Dorf gibt, tragen Journalisten zusammen, wie andernorts mit dem Problem umgegangen wurde und was dabei am besten geklappt hat.

Mit die größte Herausforderung dabei sei allerdings, den Journalismus von der PR abzugrenzen, also keine Werbung für bestimmte Produkte, Politiker oder Konzerne zu machen. Eine Gratwanderung, so Rosenberg. Die Leute oder ihre Arbeit nicht feiern, sondern über sie berichten - mit einem genauen Blick darauf, was funktioniert und was nicht, das ist Rosenbergs Botschaft.

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Sprechblasen mit Buchstaben © photocase Foto: knallgrün

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 14.02.2019 | 10:00 Uhr

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