Stand: 22.09.2020 17:00 Uhr

Ciesek im Corona-Podcast: Testmethoden unter der Lupe

von Sonja Puhl
Die Virologin Prof. Dr. Sandra Ciesek © Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Ellen Lewis
Die Virologin Prof. Sandra Ciesek wünscht sich für Patienten mit möglicherweise Covid-19-Symptomen einen sensitiven Test.

Der Herbst steht unmittelbar vor der Tür und schon jetzt ist die Zahl der gemeldeten Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 auch in Norddeutschland angestiegen. Die Virologin Prof. Sandra Ciesek befürwortet deshalb in der neuen Podcast-Folge des "Coronavirus-Update" die Idee von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Schwerpunktsprechstunden, Schwerpunktpraxen und regionale Fieberambulanzen einzurichten.

Antigen-Schnelltests nicht für Patienten mit Symptomen

Dort sollten aus ihrer Sicht alle Menschen mit akuten Atemwegsbeschwerden vorstellig werden können, nicht nur wenn sie Fieber haben. So könne verhindert werden, dass sich andere Patienten im Wartezimmer ihres Hausarztes mit Grippe- oder Coronavirus anstecken. Allerdings ist die Medizinerin nicht für Antigen-Schnelltests in diesen Ambulanzen, da diese Tests durchaus Schwächen hätten: "Bei symptomatischen Patienten sollte man möglichst die richtige Diagnose mit einem sensitiven Test haben, also mit der PCR."

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Grafische Darstellung eines Coronavirus © COLOURBOX Foto: Volodymyr Horbovyy

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PCR-Tests gelten in der Virologie als "Goldstandard" für den direkten Nachweis des Virus. Im Gegensatz dazu seien automatisierte Antikörper-Schnelltests nicht so genau, erklärt Virologin Ciesek: "Wenn Sie große Studien machen also 10.000 oder 100.000 Menschen auf Antikörper testen und dann sagen wollen, wie die Durchseuchung ist, da ist es nicht ganz so relevant, wenn der Test nicht 100 Prozent richtig ist. Aber fürs Individuum schon, denn der Einzelne will wissen: Bin ich geschützt oder nicht?" Mit einem dieser kommerziellen Antikörper-Tests allein könne man das nicht sagen. In ihrem Institut für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main werde immer eine Kombination aus zwei Antikörper-Tests durchgeführt. Dadurch könne man die Spezifität erhöhen, also die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich Gesunde, die nicht an der betreffenden Erkrankung leiden, im Test auch als gesund erkannt werden.

 

Das Coronavirus © CDC on Unsplash Foto: CDC on Unsplash
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Sandra Ciesek: PCR sind schnell und sensitiv

In der Regel werden bei den PCR-Tests zwei oder drei Gene aus dem Erbmaterial des Coronavirus genommen, um die Zuverlässigkeit dieser Tests zu erhöhen. Im Labor würden die Tests zunächst validiert, erklärt Ciesek. Erst dann dürfe man sie als Diagnostikum anwenden. Diese Testmethode werde bereits seit vielen Jahren in der Virologie genutzt. "Sie hat den Vorteil, dass sie sehr schnell und sehr sensitiv ist."

Coronaviren gehören nicht zur normalen Flora

Es käme oft das Argument: 'Das ist ja nur eine Besiedlung und nicht eine Infektion, die man damit nachweist.' Aber zu unserer normalen Flora, also der Besiedlung der menschlichen Körperoberfläche, gehören zwar Bakterien und Hefepilze, die uns nicht krank machten. "Doch Coronaviren gehören nicht dazu, die sind nicht Bestandteil der normalen Flora, die gehören da nicht hin." Wenn man sie nachweist, sei das ein Hinweis, "dass man infiziert ist, aber nicht, dass man ansteckend ist oder dadurch krank wird."

Die Wahrscheinlichkeit von falsch-positiven Befunden

Die Befunde, die die Virologen herausgeben würden, seien sehr selten falsch-positiv, betont die Wissenschaftlerin. In jedem Test-Lauf gebe es Kontrollen, gegebenenfalls würde der Lauf wiederholt. Es werde auch kontrolliert, dass keine Kreuzkontamination mit anderen Viren vorhanden sei. Erst dann wird ein positiver Befund herausgegeben.

Die Gefahr von falsch-negativen Befunden

Falsch-negative Befunde beim PCR-Test - in der Fachsprache: Proben unter der Nachweisgrenze - kommen zustande, wenn beispielsweise die Abstrichprobe zu lange unterwegs war oder schlecht gelagert wurde. Auch muss der Abstrich korrekt durchgeführt werden: Wenn das Material auf dem Abstrichbürstchen zu wenig oder ungleich verteilt ist, kann die PCR ein falsches Ergebnis liefern. Eine weitere Fehlerquelle ist der Testzeitpunkt. Wenn der Kontakt zu einem Infizierten beispielsweise erst einen Tag zurückliege und dann schon getestet werde, könne es sein, dass man sich angesteckt habe, ohne dass ein Virus nachweisbar sei, sagt die Virologin.

Bestmöglicher Zeitpunkt für eine PCR

"Um den Symptombeginn, also zwei Tage vorher und zwei Tage nachher, ist die Viruslast am höchsten", sagt Ciesek. Das wäre deshalb der beste Zeitpunkt für einen Test. Hat man Symptome und es gibt trotzdem ein negatives Ergebnis, sollte man den Test zwei Tage später wiederholen, empfiehlt sie.

Antigen-Tests für asymptomatische Menschen

Die weniger sensitiven Antigen-Tests sind aus Sicht von Sandra Ciesek geeignet für Menschen, die keine Krankheitssymptome zeigen und dennoch wissen möchten, ob sie etwa guten Gewissens ihre Großmutter besuchen oder auf Reisen gehen können. Aber auch diese Tests könnten falsch-positive Befunde liefern. Deshalb hält die Medizinerin es gerade bei Tests, die zu Hause gemacht werden, für wichtig, dass es eine Telefonnummer oder Kontaktadresse gibt, sodass schnell eine PCR zur Kontrolle durchgeführt werden könne. Sie funktioniert ähnlich einem Schwangerschaftstest, "etwas komplizierter, aber machbar".

Hausärzten Fragebogen für Patienten an die Hand geben

Da es selbst in Deutschland nur begrenzte Test- und Labor-Kapazitäten gibt, empfiehlt Virologin Ciesek, den Hausärzten einen Fragebogen an die Hand zu geben. Anhand dieses Bogens sollte abgefragt werden, welchen möglichen Risiken sich der Patient, ausgesetzt hat: Familienfeiern, Auslandsreisen, Kontakte mit Covid-19-Patienten. Wichtig ist es auch zu wissen, ob Risikofaktoren für einen schweren Verlauf vorliegen. "Da ist es relevant, die Erkrankung zu detektieren und vielleicht antiviral zu behandeln." Menschen mit Risikoverhalten oder Risikoprofil sollten getestet werden. Selbstverständlich sollten sich alle, die symptomatisch sind, entsprechend lange selbst isolieren. Ein Kontakttagebuch könne helfen. "Mir fehlt im Moment noch von der Politik die Definition dieser Superspreader-Events", bemängelt Ciesek. Wenn es hier bessere Informationen gebe, könne der Einzelne besser einschätzen, wo er vielleicht aufpassen sollte. Und das könne auch den Hausärzten helfen, wenn jemand bereits erkrankt ist.

Multiplex-Tests zur Unterscheidung von Grippe und Covid-19

Gerade im Hinblick auf die Grippesaison wird es immer wichtiger zu unterscheiden, ob ein Patient an Grippe oder an Covid-19 leidet. "Hersteller bereiten sogenannte Multiplex-PCR vor, die beide Erreger detektieren können", erklärt Ciesek. Die meisten Influenzafälle gibt es im Januar oder Februar. Dann könnten auch die Tests zur Verfügung stehen. Sehr selten haben Patienten beide Infektionen gleichzeitig, wie Studien nachgewiesen haben. Eine Grippeimpfung biete zwar keinen hundertprozentigen Schutz, könnte aber in den meisten Fällen sehr schwere Grippeverläufe vermeiden. Multiplex-Tests seien allerdings sehr teuer und sollten nach Meinung von Ciesek eher den Krankenhäusern für Patienten mit schweren Verläufen vorbehalten bleiben.

Alltagsmasken waschen - bei welcher Temperatur?

Eine Hörer-Mail dreht sich um die Frage, wie heiß der Mund-Nasen-Schutz gewaschen werden muss, um das Virus gegebenenfalls unschädlich zu machen. Aus virologischer Sicht lautet Cieseks Erklärung: "Sars-CoV-2 hat eine Hülle. Wäscht man 30 Minuten bei 60 Grad, wird das Virus vollständig deaktiviert -  bei 90 Grad viel schneller. Wenn man Waschmittel oder Seife hinzufügt, dann zerstört es die Lipidhülle der Viren und dann ist die Temperatur gar nicht so wichtig."

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Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

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NDR Info | 22.09.2020 | 18:05 Uhr

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