Stand: 17.01.2019 20:53 Uhr

Wie sich Kinderschutz in Hamburg verbessern muss

Nach zweijähriger Arbeit hat die Enquete-Kommission der Hamburgischen Bürgerschaft zur Stärkung des Kinderschutzes am Donnerstag ihren Abschlussbericht vorgelegt. Auf 639 Seiten und in 70 Empfehlungen hat die Kommission gesammelt, wo Handlungsbedarf für eine bessere Kinder- und Jugendhilfe besteht. Wieder weit oben auf der Liste steht zum Beispiel die schon oft diskutierte Arbeitsbelastung der Jugendamts-Mitarbeiter. Sie bräuchten mehr Zeit, um auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen, sagte der Kommissionsvorsitzende Christian Schrapper. Im Treffpunkt Hamburg auf NDR 90,3 haben Schrapper und Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) am Donnerstagabend über den Kommissionsbericht gesprochen.

Leitfaden für den Kinderschutz

Der Bericht der Kommission ist ambitioniert: Er will nicht nur nachbessern, sondern ein Leitfaden sein für die Weiterentwicklung des Kinderschutzes in der Stadt. Das beginne im alltäglichen Umfeld der Kinder, sagte Schrapper. "Das ist nicht eine beliebige Aufgabe unter vielen anderen, sondern eine zentrale Aufgabe auch in einer Stadt wie Hamburg dafür zu sorgen, dass Kinder gut groß werden und dass sie ein Recht darauf haben." Ein Beispiel ist für ihn die Entlastung von Fachkräften. Da hätten Maßnahmen der Stadt bisher nur wenig gefruchtet.

Leonhard hält Empfehlungen für "hilfreich"

Sozialsenatorin Leonhard bezeichnete die Empfehlungen der Kommission insgesamt als "ziemlich hilfreich". Diese seien sehr unterschiedlicher Natur, einige machten konkrete Handlungsempfehlungen, andere forderten ein Handlungskonzept zu entwickeln. Die Umsetzung wird die Stadt voraussichtlich auf Jahre beschäftigen.

Was macht die Enquete-Kommission?

Die Enquete-Kommission für mehr Kinderschutz wurde von der Hamburgischen Bürgerschaft eingesetzt und hat Ende Dezember 2016 ihre Arbeit aufgenommen. Abgeordnete aller Fraktionen beraten in dem Gremium mit unabhängigen Experten. Die Kommission sollte das System in der Jugendhilfe auf Schwachstellen untersuchen und Vorschläge unterbreiten, wie Kinder in Hamburg besser geschützt werden könnten. Anlass für die Gründung waren mehrere Todesfälle von Kindern in Hamburg in den vergangenen Jahren, die auf Misshandlungen zurückgingen.

Förderung für benachteiligte Gebiete

Aufnehmen will Leonhard unter anderem die Empfehlung, Kinder und Jugendarbeit in sozial schwachen Gebieten stärker zu fördern. Es sei "selbstverständlich ein wichtiger Hinweis", sich erneut anzuschauen, was nach Schlüsseln bisher nach Bezirken verteilt wird und diesen Indikator stärker einzubeziehen. "Und das werden wir jetzt auch mit den Bezirken besprechen“, sagte Leonhard.

Tod trotz staatlicher Obhut

Die Enquete-Kommission war 2016 eingesetzt worden, nachdem in mehreren Fällen Kinder gewaltsam zu Tode gekommen waren, obwohl sie unter staatlicher Obhut standen - darunter 2013 die dreijährige Yagmur aus Hamburg-Billstedt, die nach Misshandlungen durch ihre Mutter an inneren Blutungen starb.

Zuvor hatten bereits traurige Schicksale von Kindern Hamburg erschüttert. So starb 2009 das Baby Lara-Mia völlig abgemagert, drei Jahre später nahm die elfjährige Chantal in der Obhut ihrer drogensüchtigen Pflegeeltern eine Überdosis der Heroin-Ersatzdroge Methadon zu sich. Zwei Jahre nach dem Tod Yagmurs hatte zudem der Fall des kleinen Tayler für Entsetzen gesorgt, den sein Stiefvater zu Tode geschüttelt hatte.

CDU wünscht sich mehr Kritik am Senat

Bei dem Konsenspapier der Kommission, das Experten und Bürgerschaftsabgeordnete letztlich einstimmig beschlossen haben, fehlt Philipp Heißner von der CDU manchmal allerdings die Schärfe. "Dort geht es um konkrete Managementaufgaben, die einfach Aufgabe des Senats sind. Und die müssen endlich gelöst werden", sagte Heißner.

Linke sieht Verpflichtung für die Zukunft

Die Umsetzung werde die Stadt noch über Jahre beschäftigen, meinte auch Sabine Boeddinghaus, die für die Linken in der Kommission saß. "Das gemeinsam erarbeitet zu haben, verpflichtet uns auch für die Zukunft dafür zu sorgen, dass das umgesetzt wird."

Kinderschutz bleibt Daueraufgabe

Kommissionsmitglied Uwe Lohmann (SPD) erklärte: "Einige Sachen kann man relativ zügig umsetzen, andere werden eine Daueraufgabe sein". Als Beispiel nennt er die Überarbeitung der Handlungsanweisungen für Jugendamtsmitarbeiter. Kinderschutz-Themen müssten aber auch etwa in der Ausbildung von Erziehern und Sozialpädagogen mehr in den Vordergrund gerückt werden.

Bericht wird Bürgerschaft vorgelegt

In zwei Wochen wird der Bericht der Hamburgischen Bürgerschaft vorgelegt. Leonhard sagte dazu: "Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich die Fraktionen dann auch vornehmen, mit dem Senat sehr konkret zu besprechen, wie es weitergehen soll, was an Empfehlungen prioritär umgesetzt werden soll und wie der Prozess aussieht." Und auch der Familienausschuss wird sich mit der Umsetzung der Empfehlungen voraussichtlich noch in vielen Sitzungen befassen.

Weitere Informationen
NDR 90,3

Bericht der Enquete-Kommission für Kinderschutz

17.01.2019 20:00 Uhr
NDR 90,3

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 17.01.2019 | 20:00 Uhr

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