Dr. Stefan Heße, Bischof vom Erzbistum Hamburg © Erzbistum Hamburg/Guiliani/von Giese co-operation Foto: Guiliani/von Giese co-operation

Umgang mit Missbrauch: Erzbischof gerät weiter unter Druck

Stand: 17.10.2020 15:02 Uhr

Die Kritik an Hamburgs Erzbischof Stefan Heße nimmt zu. Als Personalchef im Erzbistum Köln soll er an der Vertuschung von Missbrauchsfällen beteiligt gewesen sein. Heße wies das vor wenigen Tagen zurück.

von Jan Ehlert

Für Interviews ist der Hamburger Erzbischof derzeit nicht zu erreichen. Über seine Pressestelle lässt Stefan Heße zu den aktuellen Vorwürfen mitteilen: "Ich schließe für mich aus, einem Vorgehen zugestimmt zu haben, bei dem in Fällen sexuellen Missbrauchs von Gesprächsinhalten keine Protokolle angelegt oder gar Protokolle, Akten oder Gesprächsnotizen im Zweifel vernichtet werden sollen. Dies widerspricht nicht nur zutiefst meiner Überzeugung bei der Frage der Aufklärung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, sondern auch meinem jahrzehntelangen Handeln in dieser Frage".

Vorgänge aus Kölner Zeit holen Heße ein

Doch laut Recherchen der "Bild"-Zeitung könnte Erzbischof Stefan Heße genau solch einem Vorgehen zugestimmt haben. Im Jahr 2010 - Heße war damals Personalchef im Erzbistum Köln - wurde einem Priester vorgeworfen, dieser habe seine minderjährigen Nichten sechs Jahre lang sexuell missbraucht. Die Zeitung zitiert aus einer Gesprächsnotiz des Erzbistums, wonach der beschuldigte Priester im Generalvikariat alles erzählt habe. Dieses Gespräch, so heißt es in der Notiz weiter, sollte bewusst nicht protokolliert werden, weil befürchtet wurde, dass dieses Dokument beschlagnahmt werden könnte. Prälat Heße habe zu diesem Vorgehen sein Einverständnis gegeben. Der Priester arbeitete im Erzbistum Köln bis zu seiner Beurlaubung im April 2019 als Seelsorger.

Vorwurf der Vertuschung im Raum

Die Veröffentlichung einer Studie, die das Erzbistum Köln in Auftrag gegeben hatte, um den Umgang von Bistumsmitarbeitern mit Fällen sexuellen Missbrauchs zu untersuchen, ließ der heutige Hamburger Erzbischof mit Hilfe von Juristen vorerst stoppen - aus datenschutzrechtlichen und persönlichkeitsrechtlichen Gründen. Stefan Heße verlangt, dass in der noch zu veröffentlichenden Studie des Erzbistums auch seine Sicht auf die Vorgänge veröffentlicht wird. Ausführlich nahm Heße in einem Interview mit der "Zeit" dazu Stellung. Schuldig gemacht habe er sich damals nicht, betonte er. Aber er trage Mitverantwortung für ein System, das zweifellos Leid verursacht habe.

Ein Porträtbild von Matthias Katsch von der Hilfsorganisation "Eckiger Tisch", die sich um Opfer von Mißbrauch in der Kirche kümmert.  Foto: Stephanie Pilick
Matthias Katsch von der Hilfsorganisation "Eckiger Tisch", die sich um Opfer von Missbrauch in der Kirche kümmert. Inzwischen fordert die Organisation den Rücktritt von Hamburgs Erzbischof.
Berichte Betroffener über Unterstützung

Matthias Katsch von der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch" sagt über Heße: "Ich selber habe Briefe gesehen, die er an Betroffene geschrieben hat, wo er ihnen mit ziemlich abweisenden Worten erklärt hat, warum denn 1.000 oder 3.000 Euro doch eine schöne Summe sind als Anerkennung für sexuelle Gewalt, die man als Kind oder Jugendlicher erlitten hat." Hardy Schmidt hat dagegen andere Erfahrungen gemacht. Er wandte sich 2011 an das Erzbistum, erzählte davon, wie er als Kind von seinem Pfarrer sexuell missbraucht wurde: "Mir gegenüber war Herr Dr. Heße freundlich und er hat sich auch um mich gekümmert und hat mir auch sämtliche Anträge geholfen wahrzunehmen und auch Fahrgelder nach Therapien bezahlt. Und ich betone das noch mal mit Hochachtung, dass er korrekt gehandelt hat, mir gegenüber", so Schmidt.

"Eckiger Tisch" fordert Rücktritt Heßes

Matthias Katsch von der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch sieht Heße durch neue Medienberichte belastet: "Wenn Heße nicht zurücktritt, dann wäre das für mich der Beleg, dass die katholische Kirche in Deutschland nichts gelernt hat und vor allem, dass man als Gesellschaft nicht darauf vertrauen kann, dass die jetzt eingeleiteten Aufarbeitungsbemühungen zu irgendeinem positiven Ergebnis führen." Erst am vergangenen Donnerstag hat Heße in Rostock erneut Vorwürfe zurück gewiesen, wonach er als früherer Personalchef im Erzbistum Köln Missbrauchsfälle vertuscht haben soll. "Ich würde für mich in Anspruch nehmen, nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt zu haben, um diese Themen aufzuklären und vor allen Dingen den Betroffenen zu helfen", sagte er.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 18.10.2020 | 12:05 Uhr

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