Stefan Heße, Erzbischof der Diözese Hamburg © picture alliance / dpa Foto: Markus Scholz

Pflichtverletzungen: Gutachten belastet Erzbischof Heße

Stand: 18.03.2021 14:50 Uhr

Ein in Köln vorgestelltes Gutachten belastet den Hamburger Erzbischof Stefan Heße. Ihm wird Pflichtverletzung im Umgang mit Missbrauchsfällen vorgeworfen. Es gehe um Verstöße gegen die Melde- und Aufklärungspflicht.

Das Rechtsgutachten zum Umgang von Fällen sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln hat Kardinal Rainer Maria Woelki entlastet, hingegen schwere Pflichtverletzungen bei weiteren Mitgliedern der Bistumsführung festgestellt. Als Konsequenz entband Woelki am Donnerstag Weihbischof Dominikus Schwaderlapp und Offizial Günter Assenmacher vorläufig von ihren Ämtern. Auch dem früheren Kölner Generalvikar und heutigen Hamburger Erzbischof Heße warfen die Gutachter schwere Versäumnisse im Umgang mit Verdachtsfällen sexuellen Missbrauchs vor.

Der Hamburger Erzbischof - zum Erzbistum Hamburg gehören auch Schleswig-Holstein und Mecklenburg - steht seit Monaten im Zusammenhang mit dem Kölner Missbrauchsskandal in der Kritik. Vor seiner Berufung zum Hamburger Erzbischof war Heße Personalchef im Erzbistum Köln. In diese Zeit fällt das Bekanntwerden von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Umstritten ist Heßes Rolle auch bei der Aufklärung: Kritiker werfen ihm Vertuschung vor. Ein erstes Gutachten hatte Licht ins Dunkel der Vorgänge bringen sollen. Seine Veröffentlichung wurde jedoch im vergangenen Sommer abgesagt.

Kölner Kardinal Woelki entlastet

Der Kölner Kardinal Woelki wurde in dem jetzt vorgestellten Gutachten entlastet. Ihm war angelastet worden, 2015 den Fall eines befreundeten Pfarrers, der in den 1970er-Jahren ein Kindergartenkind missbraucht haben soll, nicht an den Vatikan gemeldet zu haben. Nach Ansicht der Gutachter bestand jedoch 2015 keine Meldepflicht. Der Beschuldigte sei damals verhandlungsunfähig gewesen und hätte nicht bestraft werden können. Das Erzbistum Köln hatte zuvor bereits erklärt, der Priester habe wegen einer Demenzerkrankung nicht mehr vernommen werden können.

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Dr. Stefan Heße, Bischof vom Erzbistum Hamburg © Erzbistum Hamburg/Guiliani/von Giese co-operation Foto: Guiliani/von Giese co-operation

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In keinem einzigen Fall attestieren die Gutachter den Verantwortlichen Strafvereitelung im strafrechtlichen Sinn. Die Anwaltskanzlei machte insgesamt 75 Pflichtverletzungen von acht lebenden und verstorbenen Verantwortlichen von 1975 bis 2018 aus. Zum Fall Heße heißt es, er habe elf Pflichtverletzungen begangen. Welche Konsequenzen das Gutachten für Heße hat, ist noch unklar.

Schutz der Kirche im Vordergrund

Die Gutachter bescheinigten den Verantwortlichen eine "große Rechtsunkenntnis und eine desaströse Aktenlage". Wenn Vorschriften geheim seien, sei Rechtsunkenntnis die logische Folge. Der Schutz der Institution Kirche habe demnach im Vordergrund gestanden. Bei Verfehlungen von Laien habe es dagegen kein Fehlverhalten gegeben, es habe rasche Kündigungen gegeben. Woelki sagte dazu, er sei beschämt über diese Erkenntnis.

Viele Verbesserungsvorschläge

Die Juristen machten dem Erzbistum zahlreiche Verbesserungsvorschläge. So solle unter anderem die Aktenführung professionalisiert und der Zugriff auf Dokumente beschränkt werden, erklärte Gercke. Zudem sollten die Interventionsstelle im Erzbistum und das Kirchengericht voneinander getrennt und auch die Opfernachbetreuung als eigenständige Aufgabe angesehen werden. Die Rechtsexperten schlugen zudem eine neu zu schaffende Stelle vor, die überwachen soll, ob sich beschuldigte Priester an ihre Auflagen halten. Das Gutachten hatte Kardinal Woelki erst im Oktober vergangenen Jahres in Auftrag gegeben.

Sein Amt als Geistlicher Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) hatte Heße vor Monaten ruhen lassen. Mitglieder der katholischen Laien-Organisation hatten ihn zuvor dazu aufgefordert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 18.03.2021 | 15:00 Uhr

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