Stand: 27.01.2020 18:20 Uhr  - Hamburg Journal

Narkosearzt darf trotz Fehlern weiterarbeiten

von Alexa Höber

Wenn sie geahnt hätte, welcher Anästhesist aus Hamburg die Narkose durchführen würde, hätte Anja Gade die Zahnarztpraxis wohl sofort wieder verlassen. Die Studentin aus Flensburg wollte sich im Januar 2013 in einer Flensburger Praxis ihre vier Weisheitszähne ziehen lassen. Unter Vollnarkose. Hauptverantwortlich für den Eingriff war ein freiberuflicher Anästhesist, der aus Hamburg angereist war.

Ahnungslose Patienten

Was Anja Gade nicht wusste: Der Hamburger Anästhesist hatte Jahre zuvor auf einen Narkosezwischenfall in einer Zahnarztpraxis in Buxtehude nicht richtig reagiert, die Patientin damals viel zu spät in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert. Seit 12 Jahren liegt die heute 72-Jährige aus Buxtehude im Wachkoma. Der Anästhesist bekam dafür einen Strafbefehl wegen fahrlässiger Körperverletzung. Darüber wurde auch die Hamburger Gesundheitsbehörde informiert. Doch der Arzt durfte weiterarbeiten und narkotisierte so Jahre später die Flensburger Studentin Anja Gade.

Narkoseprobleme können Hirnschäden verursachen

Bei der Narkose von Anja Gade im Januar 2013 lief etwas schief. Als ihre Eltern sie aus der Praxis abholen wollen, werden sie zunächst im Wartezimmer immer wieder vertröstet. Dann entdeckt ihre Mutter Anja schließlich durch einen Türspalt in einem der Behandlungszimmer. Ihre Tochter hat Streckkrämpfe, ein knallrotes Gesicht, ihre Mutter sieht, wie sie nach Sauerstoff ringt. Die Verantwortlichen Anästhesisten hätten in dieser Situation sofort eine Verlegung ins Krankenhaus anordnen müssen. Doch Anja Gade liegt insgesamt vier Stunden in der Zahnarztpraxis. Als auf Drängen der Mutter endlich ein Krankenwagen geordert wird, ist wertvolle Zeit verstrichen. Denn bei einem Sauerstoffmangel kommt es zu hohem Druck im Kopf. Dieser kann aufgrund der Schädelknochen nicht nach außen entweichen und schädigt so Hirnstrukturen. Eine schnelle Einlieferung in ein Krankenhaus ist wichtig, damit der Kopf der betroffenen Patienten schnell gekühlt werden kann und die Hirnschäden möglichst minimiert werden.

Folgenschwere Fehlerkette

Der hauptverantwortliche Anästhesist wartete zu lange mit der Einlieferung ins Krankenhaus. Dabei hätte eine schnellere Reaktion derartig schwere Hirnschäden für Anja Gade möglicherweise vermieden. Die dem NDR vorliegenden Unterlagen legen nahe, dass zu viel Narkosemittel verwendet wurde und eine standardmäßig gebotene Überwachung der Narkose nicht stattgefunden hat. Dass bei anhaltender Bewusstlosigkeit mit Streckkrämpfen keine sofortige Einlieferung ins Krankenhaus erfolgte, ist für Fachleute nicht nachvollziehbar. Klaus Fischer, Anwalt von Anja Gade, hält es für wahrscheinlich, dass der Anästhesist den Fall vertuschen wollte und deshalb auch den Kollegen im Krankenhaus nichts von der Reanimation gesagt wurde. Stattdessen wurde ihnen ein unauffälliges Narkoseprotokoll übergeben – als habe es keine besonderen Vorkommnisse gegeben.

Anästhesist durfte weiterarbeiten

Bild vergrößern
Wegen eines Fehlers bei einer Narkose ist Anja Gade ein Pflegefall.

Wird ein Arzt strafrechtlich verurteilt, wird die Hamburger Gesundheitsbehörde von Gerichten und Staatsanwaltschaften darüber informiert. So erfuhr die Gesundheitsbehörde auch von der strafrechtlichen Verurteilung des Anästhesisten, nachdem die Patientin aus Buxtehude 2007 ins Wachkoma gefallen war. Allerdings führt eine Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung nicht unbedingt dazu, dass die Gesundheitsbehörde einem Arzt die Zulassung entzieht. So konnte auch in diesem Fall der Anästhesist weiterarbeiten. Von dem Fall der Studentin Anja Gade aus Flensburg erfuhr die Gesundheitsbehörde durch den NDR.

Warum darf der Anästhesist noch arbeiten?

Die Hamburger Ärztekammer leitete zwar gegen den Hamburger Anästhesisten ein Verfahren vor dem Berufsgericht ein. Dieses Verfahren läuft aber schon seit 2016. Auf den Ausgang des Verfahrens wartet jetzt auch die Gesundheitsbehörde. Selbst, wenn das Berufsgericht entscheiden sollte, dass der Arzt unwürdig ist, den Arztberuf auszuüben, bedeutet das nicht automatisch, dass die Gesundheitsbehörde ihm danach die Approbation entziehen muss.

Schönheitsklinik als Arbeitgeber

In einer Hamburger Schönheitsklinik führte der Anästhesist mit seinem Team in den letzten 20 Jahren mehr als 15.000 Narkosen durch. Die Praxisinhaber teilten dem NDR zunächst mit, dabei habe es nie einen Narkosezwischenfall gegeben. In einer aktuellen weiteren Reaktion weist die Schönheitsklinik daraufhin, dass viele Details über die Wachkomapatientin und Anja Gade aus Flensburg dort nicht bekannt gewesen seien.

Pflegefall nach Zahn-OP: Arztpfusch bei Narkose

Markt -

Nach einem Narkosefehler bei einer ambulanten Zahn-OP ist die Patientin ein Pflegefall. Dennoch darf der verantwortliche mobile Anästhesist weiter praktizieren.

4,18 bei 28 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 27.01.2020 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:49
NDR Fernsehen
02:31
Hamburg Journal
02:50
Hamburg Journal