Stand: 09.07.2017 07:01 Uhr

G20-Ende: Erst Luftballons - dann Wasserwerfer

Bild vergrößern
Auch am Sonnabend brennen Barrikaden in der Hamburger Schanze

Nach dem Abschluss des G20-Gipfels ist es in Hamburg erneut zu Auseinandersetzungen im Schanzenviertel gekommen. Die Konfrontation verlief aber deutlich weniger heftig als in der Nacht zuvor. Noch am Tag hatten Zehntausende friedlich und bunt in der Stadt demonstriert. Doch in der Nach setzte die Polizei Reizgas und Wasserwerfer ein, um eine Sitzblockade zu räumen. Es sollen Flaschen und Steine auf die Einsatzkräfte geworfen worden seien. Einige Barrikaden und Autos brannten, die Polizei meldete mehrere Festnahmen. Auf der Straße wurde wieder Müll zusammengetragen und angezündet. Mehrere Vermummte warfen Flaschen auf Häuser, aus denen Anwohner ihnen "Haut ab" entgegenriefen. Der S-Bahn-Verkehr in der Innenstadt war erneut zeitweilig gestört.

Alle aktuellen Entwicklungen können Sie auch in unserem Liveblog verfolgen.

Peace, Politik, aber auch Krawall

144 Festnahmen - Kritik von Juristen

Die Polizei erklärte am frühen Morgen, seit Beginn der Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg seien 144 Personen festgenommen und 144 weitere in Gewahrsam genommen worden. In der Gefangensammelstelle in Hamburg-Harburg befanden sich nach Angaben der Rechtsanwältin Gabriele Heinecke am späten Sonnabend 290 Menschen. Sie kritisierte, dass es massive Probleme gebe, ihnen die Nummer des anwaltlichen Notdienstes zu geben.

Steinmeier kommt ins Schanzenviertel

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) warnte, dass die Hamburger Krawalle dem Ansehen des Landes in der Welt schaden könnten. "Deutschlands Bild in der internationalen Öffentlichkeit wird durch die Ereignisse in Hamburg schwer in Mitleidenschaft gezogen", schrieb Gabriel in einem Gastbeitrag in der "Bild am Sonntag". Für heute Vormittag hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier einen Besuch in Hamburg angekündigt, um sich über die Lage in der Stadt zu informieren. Er wolle mit Sicherheitskräften und Bewohnern sprechen, kündigte das Präsidialamt in Berlin an.

Größte Demo bleibt weitgehend friedlich

Die größte Anti-G20-Demo unter dem Motto "Grenzenlose Solidarität statt G20" war am letzten Gipfeltag durch die Stadt gezogen. Nach Polizeiangaben beteiligten sich insgesamt etwa 50.000 Menschen, die Veranstalter sprachen von 76.000 Demonstranten. Der Protestzug, der auch von autonomen und linken Gruppen unterstützt wurde, verlief nach Angaben einer Polizeisprecherin weitgehend friedlich.

Allerdings hätten etwa 120 Teilnehmer trotz Aufforderung des Versammlungsleiters ihre Vermummung nicht abgenommen. Daraufhin versuchte die Polizei vergeblich, den "schwarzen Block" vom Rest des Zuges zu trennen. Dabei seien die Beamten angegriffen und unter anderem mit Stangen geschlagen worden. Die vermummten Teilnehmer konnten unerkannt entkommen. Der Demonstrationszug setzte anschließend seinen geplanten Weg fort. Die Demo wurde an der Spitze vom Linken-Bundestagsabgeordneten Jan van Aken, der diese Demo auch angemeldet hatte, und Linken-Parteichefin Katja Kipping angeführt. Ihr Protest richtete sich vor allem gegen Armut, Krieg und die Ursachen von Flucht.

Fehrs: "Gewaltfreiheit ist das Gebot der Stunde"

Auch die zweite große Demo verlief am Sonnabend entspannt. Zu der Demo "Hamburg zeigt Haltung" hatte ein breites bürgerliches Bündnis aufgerufen und es waren laut Polizei rund 6.000 Teilnehmer dabei. Die Veranstalter sprachen von etwa 10.000 Demonstranten. Die Protestaktion verlief "total friedlich", sagte ein Polizeisprecher. Angesichts der Krawallszenen in den vergangenen Tagen hatten die Teilnehmer Plakate wie "Geh weg, schwarzer Block" oder "Friedlicher Protest ist, was uns eint" dabei.

Bild vergrößern
New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio gilt als Trump-Kritiker.

"Gewaltfreiheit ist das Gebot der Stunde", sagte die Bischöfin der Nordkirche, Kirsten Fehrs, bei der Abschlusskundgebung am Fischmarkt. Man wolle das friedliche und kreative "wahre Hamburg" zeigen. Eine Gruppe Vermummter stellte sich auf der anderen Straßenseite neben ein Transparent mit der Aufschrift "Aber Polizeigewalt ist okay, oder was?" und machten mit Zwischenrufen auf sich aufmerksam. Sie flohen, als Polizisten in ihre Richtung rannten.

Der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio rief bei der Abschlusskundgebung zu einem Politikwechsel auf, um eine bessere Welt zu schaffen. "Die Erde kann nicht warten." Auf Deutsch rief er den Menschen zu: "Wir wollen mehr Demokratie wagen." Ein berühmter Satz von Ex-Bundeskanzler Willy Brandt (SPD).

Merkel verurteilt Gewalt und sagt Opfern Hilfe zu

Bild vergrößern
Kanzlerin Merkel besucht nach dem Abschluss des G20-Gipfels die Einsatzkräfte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte am Sonnabend die "entfesselte Gewalt und ungehemmte Brutalität" bei den Protesten in der Nacht von Freitag auf Sonnabend "auf das Schärfste". Dafür gebe es "nicht die geringste Rechtfertigung", sagte sie nach dem Ende des G20-Treffens. Wer so handele, "der stellt sich außerhalb unseres demokratischen Gemeinwesens". Merkel traf sich gemeinsam mit Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) mit Einsatzkräften, um sich bei ihnen zu bedanken. Anschließend sicherten Merkel und Scholz den Opfern der Krawalle eine Entschädigung zu.

Bei dem Treffen mit Vertretern der Einsatzkräfte sprach Scholz sich auch für eine harte Bestrafung der Gewalttäter aus. Er dankte vor allem den Polizisten dafür, dass der Gipfelverlauf trotz "unvorstellbarer Gewalt" ordnungsgemäß möglich gewesen sei. Die Frage, ob er selbst aus den Vorfällen Konsequenzen ziehen müsse, beantwortete er nicht. Die Kritik, er habe die Lage vorab falsch eingeschätzt, wird aber lauter.

Aufräumen nach den "Chaostagen Hamburg"

Der Sonnabend stand auch im Zeichen des Aufräumens. Die Arbeiten kamen nach den heftigen Ausschreitungen im Hamburger Schanzenviertel schnell voran. Die Proteste waren am späten Freitagabend eskaliert. Zunächst konnten Randalierer mehrere Stunden lang an der Straße Schulterblatt wüten. Mehrere Geschäfte wurden geplündert. Danach ging die Polizei mit einem massiven Aufgebot und schwer bewaffneten Spezialkräften gegen mehrere Hundert Randalierer vor. Mit gepanzerten Fahrzeugen wurden brennende Barrikaden weggeschoben. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein und noch am Sonnabend qualmte es aus den Trümmern im Schanzenviertel, die der "orangene Block", wie sich die Stadtreinigung selbst nannte, schnell beseitigte.

Bundesinnenminister verteidigt die Polizei

Kritiker monieren, die Einsatzkräfte hätten zu spät bei den Unruhen in der Schanze eingegriffen und damit der Anarchie freien Lauf gelassen. Dagegen wehrte sich die Hamburger Polizei: Man habe um das Leben der Beamten gefürchtet, erklärte ihr Sprecher Timo Zill am Sonnabend. Die Polizei habe Erkenntnisse gehabt, dass Gehwegplatten auf Dächern abgelegt und Brandflaschen vorbereitet worden seien. Deshalb sei es wichtig gewesen, auf Spezialeinheiten zu warten.

Kommentar
mit Audio

Kommentar: Armseliger "schwarzer Block"

Vermummte zerstören Hamburg, zünden Autos an, plündern Geschäfte. Die Polizei: offensichtlich heillos überfordert. Der Programmchef von NDR 90,3, Hendrik Lünenborg, kommentiert. mehr

Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière verteidigte die Vorgehensweise der Polizei. "Bei diesem Ausmaß an völlig enthemmter Gewalt, die nur darauf gerichtet ist, willkürlich möglichst große Schäden auch bei völlig unbeteiligten Bürgern zu verursachen, kann trotz aller Konsequenz und auch bei bester Vorbereitung nicht jede Ausschreitung erfolgreich sofort unterbunden werden", sagte er der "Bild am Sonntag".

03:23
Weitere Informationen

G20-Gipfel in Hamburg

Der G20-Gipfel 2017 fand am 7. und 8. Juli in Hamburg statt. Im Dossier finden Sie News, Videos, Bilderstrecken und Reaktionen auf das zu Ende gegangene Gipfeltreffen. mehr

Nach G20: Scholz will nicht zurücktreten

Nach den Ausschreitungen beim G20-Gipfel steht Hamburgs Bürgermeister unter Druck. Die Opposition wirft Olaf Scholz Versagen vor. Kritik gibt es auch von der Polizeigewerkschaft. (09.07.2017) mehr

mit Audio

Entsetzen über Krawalle in der Schanze

Nach den Ausschreitungen im Hamburger Schanzenviertel wird diskutiert, warum die Polizei so spät eingegriffen hat. Die Opposition wirft Bürgermeister Scholz Versagen vor. (08.07.2017) mehr

mit Audio

Schäden durch G20-Krawall: Merkel sagt Hilfe zu

Ausgebrannte Autos, kaputte Scheiben, beschädigte Häuserfassaden: Viele Hamburger sind Opfer der Krawalle während des G20-Gipfels geworden. Die Kanzlerin sagte zum G20-Abschluss Hilfe vom Bund zu. (08.07.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 09.07.2017 | 10:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

01:54

"Queen Mary 2" spendet ausrangierte Teile

21.08.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:40

Hamburgs City ist im Wandel

21.08.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
00:41

Nach G20: Haspa-Filiale im Schulterblatt

21.08.2017 18:00 Uhr
Hamburg Journal 18.00