Stand: 17.10.2019 20:44 Uhr

Ehemaliger KZ-Wachmann in Hamburg vor Gericht

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Der Angeklagte wurde in einem Rollstuhl in den Gerichtssaal gefahren.

Unter großem Medieninteresse hat am Donnerstag vor dem Hamburger Landgericht der Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof begonnen. Am ersten Prozesstag wurde die Anklage verlesen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 93-jährigen Bruno D. Beihilfe zum Mord an 5.230 Menschen vor. Als Wachmann habe er "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt". Dass er von August 1944 bis April 1945 in dem KZ bei Danzig tätig war, hatte der Angeklagte bereits im Ermittlungsverfahren eingeräumt. Eine persönliche Schuld stritt der Angeklagte aber ab. Zur Tatzeit war der Angeklagte erst 17 beziehungsweise 18 Jahre alt. Darum findet der Prozess vor einer Jugendstrafkammer statt.

Verteidiger: Angeklagter sagt nächste Woche aus

Der 93-Jährige wurde zu Prozessbeginn in einem Rollstuhl in den Verhandlungssaal gefahren, begleitet von seiner Tochter und seinem Verteidiger. Sein Gesicht verbarg er hinter einer roten Mappe. Sein Verteidiger kündigte an, dass der Angeklagte in der kommenden Woche Fragen der Staatsanwaltschaft beantworten werde. Der Justiz warf er eine rechtsstaatswidrige Verzögerung vor. Spätestens seit 1982 sei den Behörden bekannt gewesen, dass der 93-Jährige früher Wachmann im KZ Stutthof war. Der Angeklagte würde nicht verstehen, dass er sich dafür nun verantworten müsse. Dieser sehe keine Schuld bei sich, da er aktiv niemanden umgebracht habe.

Kurze Prozesstage

Für den Prozess sind zunächst zwölf Verhandlungstage bis zum 17. Dezember vorgesehen. Jeder Prozesstag werde nicht länger als zwei Stunden dauern, weil der Angeklagte gesundheitlich angeschlagen sei, sagte der Gerichtssprecher. Rund 30 Überlebende des Konzentrationslagers und Angehörige von NS-Opfern treten als Nebenkläger auf. Ende Oktober sollen drei Überlebende als Zeugen vor dem Landgericht aussagen.

Systematische Tötung von Lagerinsassen

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Im KZ Stutthof und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg rund 65.000 Menschen. Während der Wachtätigkeit des Angeklagten sei es zur systematischen Tötung von Lagerinsassen gekommen, teilte die Hamburger Staatsanwaltschaft mit. "Häftlinge wurden überwiegend durch Genickschüsse im Krematorium des Lagers oder durch Verabreichung von Giftgas (Zyklon B) getötet." Zudem seien zahlreiche Personen durch gezielten Nahrungs- und Wasserentzug sowie Verweigerung medizinischer Versorgung ums Leben gekommen.

Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. beginnt 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in über 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind. Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Bruno D. deshalb vor, als "Rädchen der Mordmaschinerie" dazu beigetragen zu haben, dass die von der Nazi-Führung angeordnete "Endlösung der Judenfrage" im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

"Wichtig, dass diese Verhandlung stattfindet"

Ein Nebenklageanwalt sagte am Donnerstag, für die Familien sei der Prozess von großer Bedeutung. Dass sich der Angeklagte jetzt am Ende seines Lebens für seine Tätigkeit im Konzentrationslager verantworten müsse, sei eine Frage der Gerechtigkeit. Auch das auf die Verfolgung von NS-Verbrechern spezialisierte Simon-Wiesenthal-Center begrüßte den Beginn des Hamburger NS-Prozesses. Sein Chefermittler Efraim Zuroff nannte es am Rande der Hauptverhandlung "wichtig, dass diese Gerichtsverhandlung auch Jahre später stattfindet". Der Angeklagte sei zwar kein Nazi-Führer gewesen, sondern vielmehr ein untergeordneter Wachmann. "Aber wir schulden diese Gerichtsverhandlung den Opfern, ihren Kindern und Enkelkindern."

Es könnte der letzte Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Täter sein. Zwar laufen bundesweit noch 29 Strafverfahren wegen Nazi-Verbrechen, wegen des hohen Alters der Verdächtigen werden Gerichtsverfahren jedoch immer unwahrscheinlicher.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 20.10.2019 | 20:00 Uhr

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