Stand: 25.10.2019 17:50 Uhr  - NDR 90,3

Angeklagter Bruno D.: Schreie aus der Gaskammer

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Der Angeklagte hat erneut vor dem Hamburger Landgericht ausgesagt.

Der angeklagte ehemalige SS-Wachmann Bruno D. hat im Prozess vor dem Hamburger Landgericht eingeräumt, während seiner Dienstzeit im KZ Stutthof beobachtet zu haben, wie Gefangene in die Gaskammer geführt wurden. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin Anne Meier-Möring, was genau er gesehen habe, sagte der 93-Jährige, hinter einer Gruppe von etwa 20 bis 30 kahlgeschorenen Häftlingen sei die Tür verschlossen worden. Kurz darauf habe er Schreie und Poltern gehört. Danach sei es still gewesen. "Ich habe niemanden rauskommen sehen", erklärte er.

Bruno D.: "Ich wusste nicht, dass die da vergast wurden"

Gleichzeitig betonte Bruno D., er habe nicht gewusst, dass die Menschen vergast worden seien. Sie hätten sich auch nicht gewehrt. Der Angeklagte berichtete über eine weitere Beobachtung: Eine Gruppe von Gefangenen sei von Menschen in weißen Kitteln in das Krematoriumsgebäude gebracht worden. In dem KZ habe es geheißen, dass die Menschen zu einem Arbeitseinsatz außerhalb des Lagers gehen würden und vorher untersucht werden sollten. Auch diese Gefangenen seien nicht mehr aus dem Gebäude gekommen. Als Erklärung hatte ein Sachverständiger in dem Prozess bereits angeführt, dass sich in einem Nebenraum des Krematoriums eine Genickschussanlage befand. Den Opfern sei eine gesundheitliche Untersuchung vorgetäuscht worden.

Angeklagter streitet persönliche Schuld ab

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Schon an den vergangenen Verhandlungstagen hatte Bruno D. ausgesagt, nichts von der Ermordung Tausender Gefangener mitbekommen zu haben. Eine persönliche Schuld stritt er ab. Den Einsatzort bei Danzig bezeichnete er als "Ort des Grauens". Er sei nicht freiwillig Wachmann geworden, sondern wegen eines Herzfehlers nicht kriegsverwendungsfähig gewesen. Darum habe er als 17-jähriger Wehrmachtssoldat den Marschbefehl nach Stutthof erhalten. Vergeblich habe er versucht, in eine Wehrmachtsküche oder -bäckerei versetzt zu werden.

Prozess vor Jugendkammer

Die Anklage lautet auf Beihilfe zum Mord in 5.230 Fällen. Als SS-Wachmann soll er zwischen dem 9. August 1944 und dem 26. April 1945 "die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt" haben. Zu den Aufgaben von Bruno D. habe es gehört, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern. Zur Tatzeit war der Angeklagte erst 17 beziehungsweise 18 Jahre alt. Darum findet der Prozess vor einer Jugendstrafkammer statt.

Kurze Prozesstage

Für den Prozess sind zunächst Verhandlungstage bis zum 17. Dezember vorgesehen. Jeder Prozesstag werde nicht länger als zwei Stunden dauern, weil der Angeklagte gesundheitlich angeschlagen sei, sagte ein Gerichtssprecher. Rund 30 Überlebende des Konzentrationslagers und Angehörige von NS-Opfern treten als Nebenkläger auf.

Systematische Tötung von Lagerinsassen

Im KZ Stutthof und seinen Nebenlagern sowie auf den sogenannten Todesmärschen zu Kriegsende starben nach Angaben der für die Aufklärung von NS-Verbrechen zuständigen Zentralstelle in Ludwigsburg rund 65.000 Menschen. Während der Wachtätigkeit des Angeklagten sei es zur systematischen Tötung von Lagerinsassen gekommen, teilte die Hamburger Staatsanwaltschaft mit. "Häftlinge wurden überwiegend durch Genickschüsse im Krematorium des Lagers oder durch Verabreichung von Giftgas (Zyklon B) getötet." Zudem seien zahlreiche Personen durch gezielten Nahrungs- und Wasserentzug sowie Verweigerung medizinischer Versorgung ums Leben gekommen.

Warum so spät?

Der Prozess gegen Bruno D. beginnt 74 Jahre nach den Mordtaten im KZ Stutthof. Hintergrund ist eine Änderung in der Rechtsprechung bezüglich NS-Verbrechern. 2011 wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger Wachmann im deutschen Vernichtungslager Sobibor, wegen Beihilfe zum Mord in über 28.000 Fällen verurteilt - ohne dass ihm eigenhändige Mordtaten nachgewiesen werden konnten. Seither ermittelt die deutsche Justiz auch gegen Angehörige der Wachmannschaften anderer Konzentrations- und Vernichtungslager, auch wenn sie nicht persönlich für einzelne Tötungen verantwortlich sind. Hintergrund ist, dass die Wachleute durch ihren Dienst auch die Mord- und Vernichtungsaktionen in den Lagern unterstützt haben. Die Staatsanwaltschaft Hamburg wirft Bruno D. deshalb vor, als "Rädchen der Mordmaschinerie" dazu beigetragen zu haben, dass die von der Nazi-Führung angeordnete "Endlösung der Judenfrage" im KZ Stutthof umgesetzt werden konnte.

Es könnte der letzte Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Täter sein. Zwar laufen bundesweit noch 29 Strafverfahren wegen Nazi-Verbrechen, wegen des hohen Alters der Verdächtigen werden Gerichtsverfahren jedoch immer unwahrscheinlicher.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 25.10.2019 | 15:00 Uhr

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