Stand: 10.10.2018 06:00 Uhr

Umsiedlungs-Projekte: Neue Vorwürfe gegen Weltbank

Die Weltbank ist keine normale Bank, sondern Teil der "Familie" der Vereinten Nationen (UN) - und damit besonderen Standards verpflichtet. Doch immer wieder schaden von der Weltbank finanzierte Projekte Mensch und Natur. So investiert die Weltbank offenbar weiterhin massiv in Entwicklungsprojekte, die zu Zwangsumsiedlungen führen könnten. Die Weltbank weist Vorwürfe der Nichtregierungsorganisation Urgewald in diese Richtung aber zurück.

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Jim Yong Kim ist seit mehr als sechs Jahren Präsident der Weltbank.

Nur sehr selten gestehen große Institutionen große Fehler ein. Doch Weltbank-Präsident Kim tat genau dies im Frühjahr 2015: "Wir müssen besser darin werden, unsere Umsiedlungspolitik umzusetzen. Was wir herausgefunden haben, bereitet mir Sorgen. Ich bin sicher, wir werden aus der Vergangenheit lernen und alles dafür tun, Menschen und Umwelt zu schützen", sagte er.

Ein internationales Rechercheprojekt, an dem auch der NDR beteiligt war, hatte damals von massiven Zwangsumsiedlungen durch Weltbank finanzierte Projekte berichtet. Innerhalb von zehn Jahren waren weltweit mehr als drei Millionen Menschen zwangsumgesiedelt oder ihrer Lebensgrundlage beraubt worden - mit zum Teil katastrophalen Folgen.

Weltbank in Washington, D.C. © NDR

Kritik an umstrittenen Weltbank-Investitionen

NDR Info - Aktuell -

Die Weltbank investiert offenbar in Entwicklungsprojekte, die zur Vertreibung Tausender Menschen führen könnten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Nichtregierungsorganisation Urgewald.

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Untersuchung von knapp 2.000 Krediten

Die Weltbank - eine UN-Organisation, die sich an die Menschenrechte und andere UN-Deklarationen halten muss - hatte eindrücklich Besserung gelobt. Doch was ist seither geschehen? Dieser Frage ist die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald nachgegangen. Sie hat knapp 2.000 Kredite untersucht, die der öffentliche Arm der Weltbank seit 2014 vergeben hat.

"Unsere Analyse zeigt, dass das unmögliche Verhalten in Sachen Zwangsumsiedlung einfach so weiter geht. Also Versprechen gebrochen werden", sagt Knud Vöcking  von Urgewald, der die Analyse geleitet hat. Die Untersuchung liegt NDR Info vor.

NDR Info Interview

"Endlich richtig hingucken bei der Weltbank!"

Die Analyse einer Untersuchung der NGO Urgewald kommt zum Ergebnis, dass die Weltbank offenbar weiterhin massiv in Entwicklungsprojekte investiert. Fragen dazu an Knud Vöcking. mehr

Fehlen vorgeschriebene Basisdaten?

Rund 40 Prozent der Entwicklungsprojekte werden demnach von der Weltbank selbst als potenzielle Umsiedlungsprojekte eingestuft. Das heißt, sie werden sehr wahrscheinlich dazu führen, dass Tausende Menschen zwangsweise umgesiedelt werden müssen.

Darüber hinaus fehlen laut Urgewald in sehr vielen Fällen die eigentlich vorgeschriebenen Basisdaten. So hat die Weltbank für das Geschäftsjahr 2018 beispielsweise bei gut 70 Prozent der bewilligten Umsiedlungsprojekte nicht die Zahl der betroffenen Menschen erhoben. "Gerade solche Projekte, wo es Zwangsumsiedlung gibt, wo Leute dann in die Armut geschubst werden, das sind Leute, die anschließend dann durch die Sahara wandern und im Mittelmeer ertrinken. Wenn man hier aufpassen würde, dann hätte man auch eine Bekämpfung von Migrationsursachen", sagt Vöcking.

Auch die Grünen üben Kritik

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Die Interessen der Menschen, die von Umsiedlungen betroffen sind, bleiben durch das Handeln der Weltbank auf der Strecke, befürchtet der Grünen-Politiker Uwe Kekeritz.

Kritik kommt aber nicht nur von der Nichtregierungsorganisation (NGO) Urgewald. Dass Weltbank-Projekte noch immer dazu führen, dass Menschen massenhaft heimatlos werden können, sei für eine Entwicklungsbank geradezu zynisch, meint Uwe Kekeritz, der entwicklungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag: "Die Weltbank hat ja den Auftrag Entwicklung voranzutreiben - und zwar Entwicklung im Sinne von Nachhaltigkeit und im Interesse der Menschen. Und das sehe ich immer mehr gefährdet."

Das Kreditfeld sei laut Kekeritz ein Markt, auf dem sowohl die Chinesen als auch die Weltbank versuchten, ihre Kredite zu lancieren: "Da bleiben die Interessen von den Menschen, die davon betroffen sind, einfach auf der Strecke. Das Gemeinwohl wird immer mehr zurückgedrängt."

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Wozu braucht die Welt eine eigene Bank?

Die Weltbank mit Sitz in Washington kämpft weltweit gegen Armut. So finanziert sie etwa Schulbildung in Bangladesch und Gesundheitsprojekte in Mexiko. Dabei steht sie jedoch auch in der Kritik. mehr

Weltbank: Internes Kontrollsystem überarbeitet

Die Weltbank weist die Vorwürfe auf Anfrage von NDR Info zurück. Die UN-Organisation habe in den vergangenen Jahren ihr internes Kontrollsystem intensiv überarbeitet und auch mehr Personal eingesetzt. Bei Umsiedlungsprojekten müssten immer die entsprechenden Daten erhoben werden, so Maninder Gill, Weltbankmanager für soziale Entwicklung. Die Entwicklungsprojekte würden von den Kunden der Weltbank ausgeführt. Deshalb könne es Lücken in der Einhaltung der Standards geben. Aber eine regelmäßige Kontrolle führe dazu, dass diese Lücken schnell erkannt und bearbeitet würden.

Maninder Gill lud die NGO Urgewald ein, über einzelne Projekte mit der Bank zu sprechen: "Falls jemand eine Frage zu einem konkreten Projekt hat, wollen wir uns das gerne genau ansehen und die genaue Situation klären."

Am Freitag startet die Jahrestagung der Weltbank auf Bali. Knud Vöcking wird vor Ort sein. Seine Analyse hat er im Gepäck.

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Weltbank wird ihrer Verantwortung nicht gerecht

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Kommentar: Ein klarer Fall von Doppelmoral

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 10.10.2018 | 06:20 Uhr

Audios und Videos

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Weltbank fördert umstrittene Projekte

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Wie Weltbank-Projekte den Armen schaden

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Kritik an Weltbank wegen Umsiedlungen

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Hintergrund: Wie funktioniert die Weltbank?

16.04.2015 17:15 Uhr
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Weltbank-Projekte in der Kritik

16.04.2015 12:14 Uhr
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Weltbank und Zwangs-Umsiedlungen

16.04.2015 09:58 Uhr
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