Stand: 25.06.2018 17:06 Uhr

Das Wahlverhalten sollte ein Weckruf sein

Nicht nur in der Türkei hat eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler Präsident Recep Tayyip Erdogan abermals zum Sieg verholfen. Auch viele in Deutschland lebende Türken unterstützten den amtierenden Präsidenten. Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

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Kathrin Erdmann fragt sich, wo die Vorbilder in der Politik sind, mit denen sich Deutsch-Türken identifizieren und an denen sie sich orientieren könnten?

Erst die beiden Fußballspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil, die sich mit Erdogan ablichten ließen und jetzt auch noch das: Der amtierende türkische Präsident erhielt von seinen Landsleuten in Deutschland in einigen Städten prozentual mehr Stimmen als in seinem Heimatland.

Ganz vorn liegt die Ruhrgebietsmetropole Essen. Dort gaben Erdogan mehr als 70 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme, aber auch im Norden machten viele ihr Kreuz bei dem AKP-Politiker.

Viele Deutsche machen es sich zu einfach

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Die Reaktionen darauf sind absehbar: "Dann sollen sie doch in ihr Land zurückkehren, wenn sie den so toll finden." Unverständnis und Wut werden sich wieder breitmachen, ja, vielleicht auch eine leichte Kränkung. Doch damit machen es sich viele Deutsche zu einfach.

Vielmehr spiegelt das Ergebnis wider, was die deutsche Politik bis heute zu wenig gesehen und begriffen hat: Präsident Erdogan gibt vielen in Deutschland lebenden Türkinnen und Türken das Gefühl, dass sie wichtig sind. Seine Politik macht sie selbstbewusst und stolz. Die Auswirkungen dieser Politik für Erdogan-Kritiker und -Gegner werden dabei schnell vergessen.

Auch mehr Integrationswille wäre wünschenswert

Bei uns in Deutschland fehlt die Anerkennung für jahrelange harte Arbeit. Die Türken, das waren und sind für manche immer noch die Gastarbeiter von früher, bei denen wir zwar leckeren Döner essen und gern Gemüse kaufen, aber sonst?! Integriert wurden sie nie wirklich, das zeigen ja auch immer wieder die Schülerleistungsstudien. Die Türken sind nie die Leuchten.

Und ja, auch von Seiten der türkischen Einwanderer hätte man sich mehr Integrationswillen gewünscht.

Jahrzehntelange Versäumnisse offen legen

Das Wahlverhalten der Türken hierzulande sollte ein Weckruf sein, der jahrzehntelange Versäumnisse der Integrationspolitik offen legt. Nicht wenige Türken haben sich 2015 gewundert, mit welch offenen Armen die Hunderttausenden Geflüchteten in Deutschland empfangen wurden. Ein wenig von dieser Willkommenskultur hätten sich manche sicher auch gewünscht.

Wo sind Vorbilder in der Politik, mit denen sich Deutsch-Türken identifizieren und an denen sie sich orientieren könnten? In keinem Land ist die Herkunft bei der beruflichen Zukunft von solcher Bedeutung wie in Deutschland.

Übrigens: Die Hälfte der türkischen Wählerinnen und Wähler in Deutschland hat weder für noch gegen Erdogan gestimmt, sondern gar nicht gewählt. Und das kann bedeuten: Die heutige Türkei ist vielen längst so fremd geworden, dass sie mit ihr abgeschlossen haben; es interessiert sie nicht.

Für alle gilt: Einfach mal den Ball flach halten!

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NDR Info | Kommentar | 25.06.2018 | 17:08 Uhr

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