Stand: 09.09.2019 20:29 Uhr

Kolonialkunst in Spanien: Raub oder Tausch?

von Oliver Neuroth

Die europäische Kulturszene diskutiert darüber, ob Kunst aus der Kolonialzeit an die Heimatländer zurückgegeben werden soll. Frankreich ist Vorreiter: Präsident Emmanuel Macron hat bereits vor anderthalb Jahren die Rückgabe von Kunstschätzen angekündigt. Spanien hatte in Mittel- und Südamerika etliche Kolonien - von dort sind viele Kunstwerke nach Europa gewandert. Doch eine Restitution, die Rückgabe der Werke, ist in Spanien bislang kaum ein Thema.

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Im Amerikamuseum in Madrid befinden sich zahlreiche archäologische Fundstücke amerikanischer Geschichte.

Spanien geht selbstbewusst mit seiner Kolonialgeschichte um. Auf einem zentralen Platz in Madrid, der Plaza de Colón, steht das "Denkmal für die Entdeckung Amerikas": Skulpturen aus Beton, darauf eine Liste der Länder, die Spanien erobert hat. Daneben thronen das Kolumbus-Monument und eine riesengroße Spanien-Flagge. Dass die Kolonisierung Amerikas mit Gewalt verbunden war, mit dem Mord an Ureinwohnern, Unterdrückung und der Plünderung von Kulturschätzen - davon erfährt der Besucher nichts. Irene Lozano von España Global, einer staatlichen Lobby-Organisation, die das Image Spaniens im Ausland verbessern soll, sagt: "Unsere Geschichte hat Licht und Schatten, wie die Geschichte aller Länder. Das gilt vor allem für Länder, die Imperien waren. Aber aus unserer Geschichte sollte man eher das Positive hervorheben."

Amerikamuseum: Herkunft der Werke ist dokumentiert

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Kuratorin Ana Zabia vom Amerikamuseum Madrid hält den Besitz der Kunstwerke für rechtens.

Etliche Kunstwerke der mittel- und südamerikanischen Ureinwohner befinden sich heute in Europa - teils in privatem Besitz, teils in Museen. Die größte und bedeutendste Sammlung zeigt das staatliche Amerikamuseum in Madrid, insgesamt 25.000 Exponate. Darunter sind zwei mexikanische Bilderhandschriften aus dem 16. Jahrhundert. "Als der spanische Eroberer Hernán Cortés nach Mexiko kam, war er fasziniert von den vielen Schätzen dort. Nicht nur vom Gold, auch vom Federschmuck der Menschen", sagt Kuratorin Ana Zabia. "Cortés schrieb in einem Brief an den spanischen König, dass er diese Kunst entdeckt hat und schickte sie nach Spanien." Das Museum stellt klar, dass es zu allen ausgestellten Kunstwerken eine Dokumentation besitzt, in der genauestens beschrieben ist, woher das Objekt stammt und dass es in Madrid ausgestellt werden darf.

Raubkunst oder kultureller Austausch?

Von einem Kunstraub der spanischen Eroberer, den Konquistadoren, will Ana Zabia nicht sprechen. Laut der Museums-Kuratorin befinden sich im Gegenzug viele spanische Kunstwerte in Mittel- und Südamerika. "Spanien hat Amerika keine Kunst entrissen. Es fand eher ein Austausch statt", meint Zabia. "Azteken-Herrscher Montezuma zum Beispiel schenkte den spanischen Konquistadoren verschiedenste Stücke. Und Hernán Cortés hat viele Werke davon eben nach Spanien senden lassen." Wobei auch überliefert ist, dass nicht nur Harmonie zwischen Cortés und Montezuma herrschte. Der spanische Konquistador hatte den Azteken-Herrscher monatelang gefangen gehalten.

Kolumbien fordert Rückgabe des Quimbaya-Schatzes

Bisher haben lateinamerikanische Länder kaum Ansprüche auf Kunst geltend gemacht. Vor Kurzem sorgte ein Streit mit Kolumbien für Aufsehen: Es ging um mehrere Figuren aus Gold, die im Museo de América in Madrid ausgestellt sind: den sogenannten Quimbaya-Schatz. 1893 hatte der kolumbianische Präsident Spanien die Figuren geschenkt - nun verlangt das südamerikanische Land sie zurück. Die Begründung: Der damalige Präsident habe nicht die Erlaubnis des Parlaments gehabt, die Kunstwerke zu verschenken. Doch Spanien lehnt eine Rückgabe ab.

Ebenso möchte sich das Land nicht generell für die Kolonialzeit entschuldigen. Der Präsident Mexikos, Andrés Manuel López Obrador, hatte das im Frühjahr öffentlich gefordert: "Ich habe dem spanischen König einen Brief geschrieben und ihn aufgefordert, um Entschuldigung zu bitten - bei den Ureinwohnern."

Wäre Spanien auf die Forderung eingegangen, hätte man das als Schuldeingeständnis werten können - juristisch heikel. Spanien bleibt bei seiner selbstbewussten Haltung, was die Kolonialzeit und die Kunstwerke dieser Epoche angeht. Die Heftigkeit, mit der das Thema in Mitteleuropa diskutiert wird, sucht man in Spanien vergeblich.

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NDR Info | Kultur | 09.09.2019 | 12:55 Uhr