Aktenordner mit der Aufschrift "Recherchen zum Vorbesitzer" © picture alliance/dpa | Henning Kaiser Foto: Henning Kaiser

Provenienzforschung: "Es geht um historische Verantwortung"

Stand: 20.04.2021 09:08 Uhr

Den "Arbeitskreis Provenienzforschung" gibt es seit 20 Jahren. Derzeit findet das Jahrestreffen in Hamburg statt. Über den aktuellen Stand der Forschung wurde nun in einem Online-Podium diskutiert, das der NDR gemeinsam mit dem Arbeitskreis veranstaltet hat.

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von Peter Helling

Die Museumslandschaft steht vor einem Umbruch. Die Herkunft von tausenden Objekten wird inzwischen heiß diskutiert. "Ich rate uns allen sehr, solche Diskussionen als Selbstaufklärungsprozesse einer Gesellschaft, die besser sein will, zu begreifen", sagt Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda etwas pathetisch, aber er trifft den Punkt.

Es geht bei Provenienzforschung um Objekte, die als Nazi-Raubgut oder als Überbleibsel des kolonialen Erbes in den Museen liegen. "Da haben wir eine koloniale Amnesie," so der Kultursenator weiter. "Deutschland hat sich über Jahrzehnte in dieser Geschichte von: 'Das waren die anderen Europäer, wir kamen ja so spät und sind so früh wieder raus', da hat man sich kommod eingerichtet."

Hamburg sollte sich seiner kolonialen Vergangenheit stellen

Diese Gedächtnislücke müsse endlich geschlossen werden. Gerade Hamburg sei in der Pflicht, sich seiner kolonialen Vergangenheit zu stellen. Ein wichtiger Schritt: Tausende Objekte in den Depots werden gerade digital erfasst. Barbara Plankensteiner, vom Hamburger MARKK meint: "es ist natürlich ein sehr großes Projekt, wenn Sie eine Sammlung von 200.000 Objekten haben. Unser Ziel ist es, die Sammlung online zu stellen. Unsere Fotosammlung zählt ungefähr 400.000 Inventarnummern, da können Sie sich den Aufwand vorstellen."

Ein Aufwand, der sich lohne, denn digital erfasste Objekte sind einfach zugänglich und leichter zu erforschen. 20 Jahre gibt es den Arbeitskreis Provenienzforschung. Meike Hopp vom Vorstand erklärt: "Wir vertreten ausschließlich die Forscher*innen. Inzwischen haben wir knapp 400 Mitglieder. Auch in den USA, in Großbritannien, der Schweiz, Österreich, sogar inzwischen in Israel."

Brosda: "Ja, wir sind zu spät dran."

Die Online-Diskussion, bei der der NDR Medienpartner ist, stellt auch die Frage: "Sind wir zu spät dran? Herr Brosda, was sagen Sie zu diesem auch ein bisschen bitteren Vorwurf?" Brosda: "Ja, der stimmt." Alexander Klar, Leiter der Hamburger Kunsthalle, findet, dass Objekte, deren Geschichte öffentlich gemacht wird, eine andere Ausstrahlung haben: "Und es trägt wirklich zur Aura des Werkes bei, denn es hat eine Geschichte, es ist unser Finger in die Vergangenheit, mit schwarzen Flecken dabei."

Mit der digitalen Erfassung der Museumsstücke sei es aber nicht getan, warnt Meike Hopp: "Nur dadurch, dass Objekte digitalisiert sind, finden sie nicht zusammen. Sie bilden auch noch keine verlässlichen Provenienzketten. Wir müssen auch Metadaten erfassen. Wir müssen diese teilweise recherchieren und erforschen."

Museen werden in 20 Jahren anders aussehen

Und das bedeute: mehr finanzielle Unterstützung. Carsten Brosda weiß das und bittet die anwesenden Museumsleiterinnen gleichzeitig, selbst aktiv zu werden, wie im Museum für Kunst und Gewerbe. Da werden mittlerweile Objekte unsicherer Herkunft mit einem orangefarbenen Dreieck markiert. Schon bei Kindern komme das gut an. Sie alle sind sich einig: Es geht um historische Verantwortung.

Robert Zepf von der Staatsbibliothek meint: "Gerade im letzten Jahr hatten wir eine 90-jährige Berlinerin, die nicht nur gesagt hat, nein, die Bücher meiner Familie, die auch wertvoll sind, die möchte ich nicht zurückhaben, sondern ich möchte, dass Ihr die Geschichte meiner Familie erzählt." Diese Geschichten sollten ans Licht, findet Carsten Brosda und meint abschließend: "Keiner von uns weiß, wo wir landen, ich glaube nur, in 20 Jahren werden Museen sehr anders aussehen, als sie heute aussehen."

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Blick auf die Hamburger Kunsthalle. © NDR Foto: Eduard Valentin

Kulturpartner: Hamburger Kunsthalle

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 20.04.2021 | 09:00 Uhr

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