Stand: 09.09.2019 20:30 Uhr

NS-Raubkunst: Ausstellung in Göttingen eröffnet

von Frederik Schulz-Greve

Das trimediale NDR-Projekt "Museumsdetektive - Auf den Spuren geraubter Kunst im Norden" beschäftigt sich mit dem Thema, wie norddeutsche Ausstellungshäuser nach der Herkunft von Kunstobjekten forschen, die vermutlich auf unrechtmäßige Weise in ihren Bestand gekommen sind. Zum Auftakt des Projekts lud der NDR gemeinsam mit dem Städtischen Museum Göttingen und dem Deutschen Zentrum Kulturgutverluste mit einer Matinee zur Eröffnung der Sonderausstellung "Unter Verdacht - NS-Provenienzforschung im Städtischen Museum Göttingen" ein.

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Das Städtischen Museum Göttingen hat sich mit der Herkunft seiner Kunstwerke auseinandergesetzt.

"Wir haben von einem älteren Ehepaar ein Porträt übernommen, das von einem Maler namens Hermann Hirsch stammt" erzählt Ernst Böhme, Leiter des Städtischen Museum Göttingen. "Als wir nachgesehen haben, welche Objekte von Hermann Hirsch noch in unserem Besitz sind, haben wir festgestellt, dass wir eine ganze Reihe von Objekte haben, die im Zuge einer Versteigerung des Finanzamtes vom Museum angekauft worden sind."

Der Verdacht lag nahe, dass diese Objekte während der Herrschaft des nationalsozialistischen Regimes (1933-1945) "arisiert" wurden. Für die Mitarbeiter des Städtischen Museums Göttingen war dies der Anlass nachzuforschen, welche Kunstobjekte unrechtmäßig in ihrem Bestand gelandet sind.

Verdächtige NS-Raubkunst wird ausgestellt

Das Ergebnis ihrer Untersuchungen wird jetzt in der Sonderausstellung "Unter Verdacht - NS-Provenienzforschung im Städtischen Museum Göttingen" ausgestellt. Am 8. September wurde diese mit einer Matinee eröffnet. Die Besucher können in einem Raum Kunstobjekte begutachten, die unter Verdacht stehen, "arisiert" worden zu sein und sich außerdem mit dem Begriff Provenienzforschung auseinandersetzen und mehr über die Geschichte des Museums zur NS-Zeit zu erfahren.

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Städtisches Museum Göttingen: Ein schwieriger Bestand

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In der NS-Zeit musste der jüdische Kaufman Max Raphael Hahn dem Museum in Göttingen zahlreiche Objekte verkaufen. Museumsleiter Ernst Böhme über den Umgang mit den Stücken der Hahns. Video (03:00 min)

Provenienzforschung: Auf der Suche nach der Herkunft

Die Herkunft der Objekte, die durch Enteignung oder aus wirtschaftlichen Gründen in den Besitz des Museums gelangten, können selten ermittelt werden. Gelingt dies aber doch, werden die rechtmäßigen Erben kontaktiert. So auch Diana Kanter, Enkelin des jüdischen Unternehmers Max Rafael Hahn, die zusammen mit ihrer Familie Möbel und andere Erinnerungen an ihren Großvater dem Museum im Jahr 2014 überließ. Allerdings unter der Bedingung, dass diese dauerhaft ausgestellt werden. Doch das Museum hat keine Räumlichkeiten mehr für eine Dauerausstellung zur Verfügung. Schuld ist eine fehlende Sanierung. "Wir haben eine vertragliche Vereinbarung mit dem Museum, dass die Objekte dauerhaft ausgestellt werden. Es ist absurd, dass die Objekte meines Großvaters, die in diesem Museum schon einmal ausgestellt waren, nun in einem Lagerraum des Museums stehen", so Diana Kanter.

Langwierige Sanierung des Göttinger Museums

"Es lag nicht an fehlendem Geld. Es war eine politische Entscheidung, die der Oberbürgermeister getroffen hat. Sein Schwerpunkt lag nicht auf dem Städtischen Museum und deshalb hat sich die Sache verzögert", sagt Böhme über die Sanierung des Museums. Seit Mai 2018 ist in puncto Sanierungsfrage in Göttingen nun nichts mehr geschehen. Die Familie Hahn hat die Stadt nun gebeten, zu handeln.

Welch aufwühlenden Charakter das Thema mit sich bringt wird hier deutlich. Insgesamt 6.000 Objekte sind Teil der Untersuchungen in Göttingen. In ganz Norddeutschland gibt es noch viel mehr. Die Museumsdetektive des NDR forschen weiter und sind am 13. September mit der nächsten Veranstaltung in Hannover und danach in Schwerin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 09.09.2019 | 10:55 Uhr

Museumsdetektive - auf den Spuren geraubter Kunst

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