Das Bismarck-Denkmal in Hamburg © imago
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Kein Gewinner beim Bismarck-Wettbewerb: "Eine unmögliche Aufgabe"

Stand: 27.07.2023 09:17 Uhr

Beim internationalen Wettbewerb für eine künstlerische Ergänzung ("Kontextualisierung") des Bismarck-Denkmals in Hamburg gab es keinen Sieger. Ein Gespräch mit dem Jurymitglied Jürgen Zimmerer.

Unter dem Motto "Bismarck neu denken" hatte die Behörde für Kultur und Medien 2022 zusammen mit der Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) einen internationalen Wettbewerb ausgerufen, um die komplexen Bezüge des Denkmals zu Kolonialismus, Nationalsozialismus, Diskriminierung und Fragen der sozialen Gerechtigkeit sichtbar zu machen. Am Ende des Wettbewerbs sollte eine künstlerische Idee für eine kritische und aktuelle Betrachtung des Monuments realisiert werden.

Herr Zimmerer, sind Sie als Jurymitglied frustriert über dieses Ergebnis?

Jürgen Zimmerer: Die Entscheidung, keinen Preis zu vergeben und die acht Finalisten zu gleichen Teilen auszuzeichnen, ist ja einstimmig getroffen worden. Von daher ist es die richtige Entscheidung. Ich bin sehr frustriert über den Wettbewerb und die Parameter des Wettbewerbs, die besagten, dass man am Denkmal selber, inklusive des Sockels, keine Veränderungen vornehmen und auch nichts baulich anbringen darf. Das hat im Grunde eine künstlerische Kontextualisierung, eine Dekolonisierung des Denkmals unmöglich gemacht. Ich bin kurz vor der Jury-Entscheidung durch den Alten Elbtunnel rübergegangen, um mir anzusehen, wie gigantisch dieser Bismarck ist. Und jede künstlerische Intervention müsste auch von der Ferne zu sehen sein. Damit ist es quasi unmöglich gemacht worden, weil das irrsinnig aufwendig wäre, eine bauliche Struktur hochzuziehen, die dann so groß ist wie Bismarck. Das heißt, wenn man nichts am Bismarck ändern darf, ist Bismarck nicht zu dekolonisieren.

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Die Aufgabe war also unmöglich gestellt, das Ganze zu kontextualisieren und gleichzeitig Denkmalschutz, Bausicherheit und die schiere Größe beachtend, richtig?

Zimmerer: Ich glaube, das ist eine unmögliche Aufgabe gewesen. Der Konsens der Jury war auch: Es liegt nicht an den Künstler*innen, sondern die Aufgabe ist unmöglich.

Der Vorsitzende der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft, Dennis Thering, sagt, das sei eine Farce und die 250 Euro, die das gekostet hat, rausgeschmissenes Geld. Würden Sie ihm da zustimmen?

Zimmerer: Wenn Geld rausgeworfen wurde, dann sind es die zehn Millionen, mit denen man Bismarck renoviert hat. Das hat ja eigentlich dieses Problem erst herbeigeführt, dass man sagt, man stoppt den normalen Gang der Dinge, nach dem ein Denkmal nach einer gewissen Zeit verfällt, und es gibt eine staatliche Intervention, Bismarck zu stützen und aufzuhübschen für zehn Millionen Euro. Das ist eigentlich der Skandal und nicht der gescheiterte Versuch der Dekolonisierung. Es hat ja Erkenntnisse gebracht, es haben sich viele Leute Gedanken gemacht, die man sich jetzt ansehen kann. Es waren gute Ideen dabei. Das heißt, Herr Thering könnte sich jetzt auch dafür einsetzen, dass man mal über Denkmalschutz und Dekolonisierung spricht und fragt: Wie absurd ist es eigentlich, dass der Denkmalschutz die Grenzen der Dekolonisierung eines Denkmals setzt? Denn die Aufgabe des Denkmalschutzes ist es zu sagen, es soll so bewahrt bleiben, wie es damals war. Während die Dekolonisierung sagt, wir können es nicht so lassen, wie es war, weil sich die Welt geändert hat und wir darauf eingehen müssen.

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Als das Wünschen noch geholfen hat, gab es da Vorschläge, die unmöglich waren, wo Sie aber sagten: Das wäre toll?

Zimmerer: Ich kann nicht zu einzelnen Entwürfen etwas sagen - das wäre auch unfair dem Verfahren gegenüber. Ich persönlich bin der Meinung, dass man Bismarck eigentlich nicht so stehen lassen kann, wie er jetzt ist. Hier wäre eine Lösung zu sagen, dass man baulich Bismarck verändern muss. Da gab es keine Beiträge - aber das wäre der Weg gewesen.

Nun soll das einerseits durch pädagogische Projekte, andererseits durch Schautafeln geschaffen werden. Aber das weithin Sichtbare kann man damit doch vergessen, oder?

Zimmerer: Ja, das wird so nicht passieren. Im Grunde muss man über dieses Erinnerungskonzept für die Stadt nachdenken. Das war auch so ein Konsens am Ende, zu sagen: Es geht auch nicht nur mit Kunst. Wir müssen Bismarck in der Stadt an sich begreifen. Wir haben da eine ganze Reihe von Rückschlägen: Bei der Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe gibt es kein Bekenntnis zur Weiterfinanzierung - es ist ungesichert, ob das nächstes Jahr ausläuft. Das städtische Erinnerungskonzept müssten wir diskutieren und überlegen, ob man Bismarck vielleicht da einbetten kann. Nur mit Schautafeln ist es nicht getan, und das ist schon ein Schildbürgerstreich, dass nach "Black Lives Matter" und der ganzen Debatte über die Kolonisierung die Stadt damit jetzt quasi einen neuen, aufgehübschten Bismarck als Denkmal kreiert hat.

Der Ball liegt jetzt wieder bei der Kulturbehörde. Sind Sie denn da noch gefragt, sei es als Afrikawissenschaftler oder als Mitglied der Forschungsstelle Hamburgs postkoloniales Erbe?

Zimmerer: Da müssen Sie die Kulturbehörde fragen, ob wir noch gefragt sind. Ich sagte ja, dass im Moment keine eindeutigen Signale da sind, dass die Forschungsstelle weitergeht. Die Frage ist, ob die Stadt vielleicht doch vor dem Widerstand gegen die dekoloniale Aufarbeitung einknickt und sagt: So viel Dekolonisierung wollen wir eigentlich gar nicht, wir wollen nicht an die Grundfragen heran, nämlich woher der Reichtum der Stadt kommt. Ich glaube, dem einen oder der anderen geht das schon zu weit, und es kann gut sein, dass wir in zwei Jahren sagen: Das ist jetzt alles abgeräumt.

Das Interview führte Mischa Kreiskott.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal Gespräch | 26.07.2023 | 17:15 Uhr

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