Blick in den Raum von Harald Glööckler in der Ausstellung Beyond Fame © Tim Bendzko Foto: Andreas Endermann
Blick in den Raum von Harald Glööckler in der Ausstellung Beyond Fame © Tim Bendzko Foto: Andreas Endermann
Blick in den Raum von Harald Glööckler in der Ausstellung Beyond Fame © Tim Bendzko Foto: Andreas Endermann
AUDIO: Kommentar zu "Beyond Fame": Wenn Museen zum Boulevard verkommen (4 Min)

Kommentar zu "Beyond Fame": Wenn Museen zum Boulevard verkommen

Stand: 17.08.2023 18:42 Uhr

"Beyond Fame. Kunst der Stars" heißt eine Ausstellung in Düsseldorf, die Arbeiten von Promis wie Meret Becker, Harald Glööckler, Tim Bendzko und anderen präsentiert. Sie soll "Einblicke hinter die Fassade der öffentlichen Personen". Purer Voyeurismus, meint Anette Schneider in ihrem Kommentar.

von Anette Schneider

"Immer mehr erfolgreiche Schauspieler*innen, Musiker*innen und Prominente betätigen sich auch künstlerisch und gehen damit an die Öffentlichkeit", stellt das NRW-Forum in seiner jüngsten Ausstellungseinladung fest - und liefert den Promis ab sofort noch mehr Öffentlichkeit.

Werke von Tim Bendzko in der Ausstellung Beyond Fame © Tim Bendzko / Andreas Endermann Foto: Andreas Endermann
Die gemalten Bilder von Tim Bendzko in der Ausstellung "Beyond Fame".

Sänger Tim Bendzko erklärte kürzlich, er habe von Kunst zwar keine Ahnung, doch als die Pandemie begann, habe er das Malen entdeckt. "Malen", so der Musiker, "ist kreativ zu sein, ohne zu denken." Der Sänger Brian Adams malt nicht, er fotografiert - vor allem Stars und Sternchen, darunter den nackten Hintern der auf einem Fahrrad sitzenden Victoria Beckham. Und der Politiker Anton Hofreiter offenbart in naiven Blümchenbildern vor Bergkulissen seine menschliche Seite. Malen helfe ihm zu erkennen, "wie die Dinge wirklich sind".

All dies und noch viel mehr ist jetzt im NRW-Forum in Düsseldorf zu erleben. Ohne jegliche Distanz. Ohne Interesse an Hintergründen oder Erkenntnissen. Aber mit dem Versprechen, "Einblicke hinter die Fassade der öffentlichen Personen" zu liefern, als komme man von der Yellow-Press.

Die Dauerpräsenz der Stars und Sternchen

Und tatsächlich gilt ja: In einer narzisstischen Gesellschaft, in der jeder und jede durch die Sozialen Medien als Influencerin, Blogger oder sonst etwas zum Promi werden kann, müssen Stars und Sternchen dauerpräsent sein. In Talkshows, digitalen Medien - und mit Kunst, die sie im Netz präsentieren und verkaufen. Oder auf Messen. Oder in Galerien. Wobei Soziale Netzwerke, Fangemeinden, Kunstmarkt und Online-Versteigerungen wie geschmiert ineinander greifen.

Voyeurismus geht immer

Blick in den Raum von Bryan Adams, Homeless Serie, in der Ausstellung Beyond Fame,. © Bryan Adams / Andreas Endermann Foto: Andreas Endermann
Blick auf Bryan Adams "Homeless"-Serie in der Ausstellung "Beyond Fame".

Nur weshalb präsentiert nun auch noch ein Museum Stars und Sternchen, die maximale Öffentlichkeit genießen? Vermutlich genau deswegen: Sie sollen Besucher anlocken, viele Besucher. Sie sollen die klammen Kassen füllen, mit denen Museen seit Jahrzehnten kämpfen, weil die Etats für den Unterhalt der Häuser längst nicht mehr ausreichen. Früher zeigten sie deshalb Ausstellungen weltberühmter Künstler. Da die heute nicht mehr bezahlbar sind, versucht man es nun mit Stars. Voyeurismus geht immer. Auch bringen die Promis ihre jeweiligen Fangemeinden mit, sodass Kritik kaum zu befürchten ist. In der Kunsthalle Rostock funktioniert das prima mit Udo Lindenberg - inklusive Musik. Auch in Düsseldorf wird es funktionieren. Dort gibt es sogar Bilder von Harald Glööckler, der Modemacher, Innendesigner, Unternehmer und Doku-Soap-Figur ist, wo er uns teilhaben lässt, wenn er sich "langersehnte Träume" erfüllt. Wie zum Beispiel den, sich "das Fett absaugen zu lassen".

Museen sollten sich auf ihre Aufgaben besinnen

Anton Hofreiter neben seinen Werken in der Ausstellung "Beyond Fame". © Anton Hofreiter / Konstanze Schäfer / Galerie pavlovs dog Foto: Konstanze Schäfer
Anton Hofreiter neben seinen Werken in der Ausstellung "Beyond Fame".

Nichts gegen die Freizeitaktivitäten von Promis. Nichts gegen ihre Kunstproduktion. Nur: Was setzen die Museen damit aufs Spiel? Kunst ist ein bisschen mehr, als "ohne zu denken" Farbe auf Leinwand zu hauen. Und ein Museum ist nicht irgendein Ausstellungsort, sondern eine gesellschaftliche Errungenschaft der Aufklärung, die seit etwa 300 Jahren sehr erfolgreich nach wissenschaftlichen Kriterien Kunst- und Kulturschätze sammelt und ausstellt, in denen sich historische und gesellschaftliche Entwicklungen festgeschrieben haben.

Kunst kreist eben nicht um Selbstbefindlichkeit, sondern reflektiert und verdichtet die Verhältnisse, in denen wir leben. Ist sie mutig, kann sie irritieren, verunsichern, verstören, beglücken. Sie kann uns zu neuen Einsichten verhelfen, neue Ideen und Gedanken freisetzen, wie vielleicht ein anderes, ein besseres gemeinsames Leben möglich wäre. Darauf sollten sich Museen besinnen. Eine Erkenntnis kam den Macherinnen in Düsseldorf dann doch noch: Ihre Ausstellung zeige, "dass der Trend in Richtung Universalkünstler*innen geht!". Genau! Was ist ein Leonardo da Vinci gegen einen Blümchen malenden Anton Hofreiter?

Weitere Informationen
EinBild von Udo Lindenberg, auf dem er sich selbst gemalt hat. © NDR Screenshots Foto: NDR

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.08.2023 | 08:20 Uhr

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