Stand: 21.01.2020 06:00 Uhr

Jeff Koons: Künstler der Balloon-Dogs ist 65

von Anette Schneider

Den Künstler Jeff Koons kennt fast jeder: Seine überdimensionalen, metergroßen aufgeblähten Skulpturen kitschiger Souvenirs oder die wie aus Luftballons geknoteten Tierfiguren erzielen seit Jahren Rekordpreise. Rund um die Welt wurden sie bereits ausgestellt - selbst im Schloss von Versailles. Heute wird der im US-Bundesstaat Pennsylvania geborene Künstler 65 Jahre alt. Was ist das Geheimnis seines Erfolges?

US-Künstler Jeff Koons steht neben seiner Skulptur "Rabbit", einem silbernen Hasen. © PA Wire/dpa Foto: Steve Parsons
US-Künstler Jeff Koons neben dem Balloon-Rabbit aus Stahl, der 2019 für 91,1 Millionen Dollar verkauft wurde.

Im Mai 2019 wurde bei Christie's ein Balloon-Rabbit von Jeff Koons für 91,1 Millionen Dollar verkauft. Koons ist damit der teuerste lebende Künstler. Vor allem aber ist er der Inbegriff eines erfolgreichen Managers: Seit den 1980er-Jahren entwirft er die Balloon-Dogs und -Rabbits, die ihn weltberühmt machten. Längst lässt er sie fabrikmäßig von Mitarbeitern herstellen und den Markt in allen Größen und Farben damit fluten, begleitet von aufgeblähtem Porzellan-Nippes und kitschigen Souvenirs wie Riesenherzen, Blumensträußen oder Hündchen.

Als bereits 2013 einer seiner Balloon-Pudel bei Christie’s die damalige Rekordsumme von 58,4 Millionen Dollar einbrachte, erklärte der stets lächelnde Künstler: "Wissen Sie, ich wollte schon als Kind am Kunstleben teilhaben. Ich wollte Teil der Avantgarde sein. Mit Duchamp, Dalí, Picabia und Picasso. Ich bin nichts Besonderes. Es gibt Leute, die waren klüger, andere waren vielleicht eleganter - aber ich wollte teilhaben!"

Zäher Start in den 70er-Jahren

Der Anfang war zäh: Der Sohn eines Möbel-Geschäft-Besitzers studierte Kunst in Chicago, ging Mitte der 70er-Jahre nach New York, arbeitete als Wallstreet-Broker, erklärte fabrikneue Staubsauger und Poliermaschinen in beleuchteten Plexiglas-Vitrinen zu Kunst, ließ Basketballbälle in Aquarien schweben. Dann begann er, Nippes in hochglanzpolierte Edelstahl-Figuren zu verwandeln.

Inszenierung mit Ex-Pornostar Staller bringt den Durchbruch

Der US-Künstler Jeff Koons (r) posiert 1993 neben einer seiner Skulpturen, die ihn selbst mit der damaligen Ehefrau Ilona Staller (Cicciolina) beim Liebesakt zeigen. © dpa Foto: Hanselmann
Die Skulptur, die für seinen Durchbruch sorgte: Jeff Koons 1993 in der Stuttgarter Staatsgalerie.

Weil das noch immer nicht den ersehnten Durchbruch brachte, folgten 1990 Skulpturen und Bilder, die ihn beim Sex mit der einstigen Porno-Darstellerin Ilona Staller zeigen. Ein genialer Schachzug, wie die Kunsthistorikerin Annabelle Görgen-Lammers meint, die bereits vor zehn Jahren in der Hamburger Kunsthalle die Erfolgsstrategien von Pop-Life-Künstlern wie Jeff Koons, Damien Hirst und Takashi Murakami untersuchte.

"Jeff Koons ist absolut der Medienstar", sagt Görgen-Lammers. "Er weiß wie kein anderer die Medien und die Macht der Medien zu benutzen: Seine große Inszenierung der Hochzeit mit Ilona Staller, dem ehemaligen Pornostar, hat er so vermarktet, dass er durch die Berichte, die die Boulevardpresse darüber zuhauf schrieb, auf einmal in den Sternenhimmel der Berühmtheit hochkatapultiert wurde, wie ihn sonst eben nur die Hollywood-Stars erlangt haben."

"Koons spricht eine bestimmte Szene erfolgreich an"

Lady Gaga in New York vor ihrer von Jeff Koons enthüllten Statue © dpa bildfunk Foto: Peter Foley
Auch Lady Gaga ging schon durch Koons Hände. Hier ist die Sängerin 2013 in New York vor einer Skulptur zu sehen, die Jeff Koons von ihr schuf.

Nun drehte Koons auf. Wie Murakami und Hirst hatte auch er den Zeitgeist begriffen: Der entfesselte Neoliberalismus führte zu einem ebenfalls entfesselten Kunstmarkt. Der schluckte alles, denn Kunst interessierte vornehmlich nur noch als Ware und Kapitalanlage. Also wurden die Künstler von Gehandelten zu Händlern und fluteten den Markt mit ihrem Kitsch. "Es ist eine Infantilisierung der ganzen Kunst, der ganzen Welt, die so auf die Spitze getrieben ist, dass es natürlich eine bestimmte Szene sehr direkt und erfolgreich anspricht", sagt Görgen-Lammers.

Längst gibt es die Balloon-Rabbits auch als Schmuckanhänger, andere Motive tauchen auf Taschen, Tüchern und Püppchen von Luxus-Marken auf. Allein Artnet, ein Online-Dienstleister für den internationalen Kunsthandel, bietet über 3.000 Koons-Produkte zum Kauf.

Fast hätte Koons Hamburgs Spielbudenplatz neu gestaltet

Fast hätte Koons einmal auch Hamburg beglückt: 2003 sollte der Bling-Bling-Künstler, der bis dahin weder als Stadtplaner noch als Architekt in Erscheinung getreten war, den brachliegenden Spielbudenplatz auf Sankt Pauli neu gestalten. Auf der Pressekonferenz ließ er wissen: "Ich stelle mir etwas vor, das wirklich heraussticht. Etwas, was sozusagen ein Wahrzeichen wird für diese Gegend. Und ich sehe hier wirklich die Chance, etwas ganz Besonderes zu schaffen." Das sollten damals zwei 100 Meter hohe Kräne sein, mit einigen seiner Skulpturen daran. Das Ganze gab er als Referenz aus - an den Eifelturm! "Das ist ein Monument der Verblödung", war der kurze Kommentar des damaligen Hamburger Bausenators Eugen Wagner.

Heute wird er so teuer gehandelt wie kein anderer

Jeff Koons "Balloon Dog (Red) aus der Ausstellung "Ikonen. Was wir Menschen anbeten" in der Kunsthalle Bremen 2019/2020 © Jeff Koons Foto: Marcus Meyer
Reinpieken zwecklos: Jeff Koons Skulptur "Balloon Dog (Red)", die derzeit in Bremen zu sehen ist, besteht aus Edelstahl.

Im Jahr 2020 wird der nun 65-jährige Künstler so teuer gehandelt wie kein anderer. Das funktioniert noch immer auch, weil Galeristen, Medien und Museumsleute seiner Arbeit nach wie vor tiefere Bedeutung zuschreiben. So sollen etwa die spiegelnden Oberflächen seiner Figuren die Oberflächlichkeit der Gesellschaft spiegeln. Angesichts eines derartig reduzierten Anspruchs an Kunst verwundert es nicht, dass die Bremer Kunsthalle in ihrer aktuellen Ausstellung einen von Koons riesigen Balloon-Dogs zur Ikone erhebt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 21.01.2020 | 09:20 Uhr