Stand: 01.07.2019 14:38 Uhr

Grenzenlose Kunst: Im Atelier von Norbert Bisky

von Barbara Wiegand

Maler Norbert Bisky ist der Sohn des 2013 verstorbenen Linkspolitikers Lothar Bisky und steht für den "Neuen Realismus" in der Malerei. NDR Kultur hat Norbert Bisky vor ein paar Wochen in seinem Berliner Atelier besucht.

Berlin-Friedrichshain: eine Remise im Hinterhof des Szeneviertels. Früher standen hier Kutsch-Pferde, heute gibt es in dem Backsteingebäude einen Kunstverein und das Atelier von Norbert Bisky. Es ist eine Welt der Farben. Von leuchtend Gelb bis tief Blau liegen sie von Bisky sorgsam geordnet auf mehreren Rollwagen bereit. An den Wänden hängen Leinwände, teilweise noch mit Leerstellen. So stürmen die dynamischen Typen, die auf einer der Leinwände zu erkennen sind, noch ins undefinierte Nichts.

Im Atelier von Norbert Bisky

Wenn das Werk vollendet ist, soll es in einer für den Herbst geplanten Ausstellung zu 30 Jahren Mauerfall in Potsdam hängen - als assoziative Abhandlung, keinesfalls als Illustration der Geschichte: "Alle diese Bilder haben mit der Situation von Verunsicherung, Aufbruch, Widerstand und Rebellion und Aggression gegen eine Situation zu tun, die man nicht so genau erfassen kann."

Chaos nach dem Mauerfall

Eine ungewisse Situation, heute genauso wie damals, 1989. Norbert Bisky versucht, sie in seiner Kunst zu fassen - bedeutete die Wende doch auch eine Wende in seinem Leben: "Es war ja chaotisch direkt nach dem Mauerfall, die Polizei hat in Ost-Berlin nicht richtig funktioniert. Hier um die Ecke in der Mainzer Straße gab es große Straßenschlachten - auch wirklich so ein bisschen Anarchie. Und ich habe gedacht, das ist eine absurde Situation, jetzt mach' ich auch etwas Absurdes und werde einfach Künstler. Und da ich es richtig machen wollte, habe ich mich an der Universität der Künste beworben."

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Jahresrückblick 1989

Der Fall des "Eisernen Vorhangs" nach Protesten der Bürgerbewegungen, die Öffnung von Mauer und Grenzen prägen das Jahr 1989. extern

1970 wurde Norbert Bisky in Leipzig geboren. Später zog die Familie nach Berlin. Sein Vater ist der spätere Linksparteipolitiker Lothar Bisky. Zur Familie gehörten außerdem Mutter Almuth, der Bruder Jens, heute ein bekannter Journalist und Autor und der vor elf Jahren verstorbene Bruder Stephan. Die Eltern waren beide Kulturfunktionäre in der DDR. Stützen eines politischen Systems, in dem auch der jugendliche Norbert Bisky kaum aneckte. Auch die Kunst, die nach seinem Studium entstand, ging nicht an experimentelle Grenzen. Sie war vielmehr eine Auseinandersetzung mit den Bildwelten des sozialistischen Realismus, die ihn geprägt haben.

Bisky ist Teil einer weltoffenen Kunst- und Kulturszene

Real bis hyperreal sind seine Gemälde bis heute, voll energiegeladener Körperlichkeit. Die heroischen Typen, die seine Bilder oft bevölkern, sorgten allerdings auch für Kritik: Heile-Welt-Malerei, Nazi-Ästhetik warf man ihm vor. Eine Kritik, die er, der offen schwul lebt und einen kommunistischen Hintergrund hat, vehement von sich weist. Sein Werk sei vielmehr ein Mix aus vielem. Beeinflusst auch vom italienischen Manierismus oder dem Spanier Goya. Mit dieser Mischung hat Norbert Bisky bis heute Erfolg.

Er ist international unterwegs, zu Ausstellungen, Arbeitsaufenthalten. 30 Jahre nach Mauerfall will er heute als Teil einer weltoffenen Kunst- und Kulturszene nicht von Gräben sprechen, die die Menschen in Ost und West immer noch trennen. Aber: "Ich glaube, dass es eine große Anzahl von Leuten gibt, die total unzufrieden sind. Die das Gefühl haben, dass sie schlecht behandelt wurden - wobei das objektiv gar nicht so ist, weil ihr Haus saniert ist und der Kühlschrank voll. Aber sie fühlen sich halt so, und Emotionen spielen für uns alle eine große Rolle. Dass das dazu beiträgt, dass die Leute schwer sauer sind und sagen, sie möchten jetzt irgendwie das politische System umhauen, verändern, provozieren, wie auch immer. Natürlich hat das was mit dem Erbe des Ostens und des Sozialismus zu tun und mit der verdammten Diktatur, die das auch war."

Kunst mit Brüchen

Gesellschaftspolitische Entwicklungen beschäftigen Norbert Bisky durchaus, auch wenn er sie nicht konkret in seiner Kunst verarbeitet. Das Umfeld, private Erlebnisse fließen in seine Kunst eher indirekt ein. Eine Kunst, die unter der glatten, realistischen Oberfläche immer wieder Brüche offenbart: "Ich möchte keine Bilder malen, die so völlig an meiner Zeit vorbeischrammen und deshalb auch unwichtig sind. Es ist mir wichtig, dass ich was von meiner Stimmung, meinen Emotionen, meiner Sicht auf die Welt und meinen Fragen an die Welt einfange. Aber auch von dem, was die Leute um mich herum so beschäftigt und erfasst."

Der Künstler Norbert Bisky steht am 22.09.2015 in Berlin in seinem Atelier. © dpa Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Grenzenlose Kunst: Im Atelier von Norbert Bisky

NDR Kultur Matinee

Norbert Bisky ist der Sohn des 2013 verstorbenen Linkspolitikers Lothar Bisky. Der Maler steht für den "Neuen Realismus" in der Malerei. Wir haben ihn im Atelier besucht.

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Dieses Thema im Programm:

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