Emine Sevgi Özdamar © picture-alliance/ dpa | Fredrik von Erichsen Foto: Fredrik von Erichsen

Georg-Büchner-Preis 2022 für Emine Sevgi Özdamar

Stand: 09.08.2022 15:30 Uhr

Emine Sevgi Özdamar bekommt den Georg-Büchner-Preis 2022. Zum ersten Mal geht der Preis damit an eine Schriftstellerin, die nicht muttersprachlich deutsch aufgewachsen ist.

Entscheidend sei nicht die Muttersprache gewesen, sondern man habe "das beste uns vorliegende, aktuell scheinende Lebenswerk ausgezeichnet", sagt Schriftsteller Stefan Weidner. Er ist Jury-Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.

"Literatur, die das Leben auflockert"

Emine Sevgi Özdamar wird 1946 im türkischen Malatya geboren. Sie besucht die Schauspielschule in Istanbul und steht bereits ab 1970 auf der Bühne. Als junge Frau beschäftigt sie sich früh mit den Stücken von Bertolt Brecht und Heinrich Heine und migriert nach dem Militärputsch in der Türkei schließlich nach Ost-Berlin, wo sie 1976 an der Volksbühne eine Regieassistenz von Brecht-Schüler Benno Besson bekommt. Von Anfang an schreibt Özdamar selbst Theaterstücke und Geschichten. Mit ihrem autobiografisch inspirierten Roman "Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus" gelingt ihr 1992 der literarische Durchbruch. "Es ist ein eigenwilliges Deutsch, aber das macht es gerade so schön, so bereichernd, das macht es so erfrischend, dieses Deutsch zu lesen", findet Weidner. "Sie hat es geschafft, eine ganz eigene Stimme, einen eigenen Ton, eine eigene Sichtweise einzubringen, und das ist das, was uns begeistert hat."

Jury-Mitglied Stefan Weidner betont die autobiografisch inspirierten Romane. Immer wieder ist die Türkei Thema in Özdamars Werk, genauso wie das Theater der 1960er und 70er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland. Emine Sevgi Özdamar reist aber auch nach Frankreich und erlebt dort die gesellschaftlichen Aufbruchsjahre der 1968er. All diese Erfahrungen spiegeln sich in ihren Büchern, sagt Weidner: "Es sind sehr liebevolle Bücher, teilweise sehr kritische, sehr ironische, immer ganz neue Blickwechsel da. Es ist eine Literatur, die froh macht und frei macht und die einem das Leben auflockert, wie man morgens ein Betttuch aufklopft."

Neuer, poetischer Blick auf Deutschland, Europa und die Türkei

Mit ihrer Perspektive von außen erobere sich die Theaterregisseurin einen neuen, poetischen Blick auf Deutschland, Europa und die Türkei, so die Begründung der Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Emine Sevgi Özdamars Werk eröffne einen zugleich intellektuellen wie poetischen Dialog zwischen verschiedenen Sprachen, Kulturen und Weltanschauungen. "Es macht froh, diese Autorin zu lesen, und man geht bereichert aus der Lektüre heraus", erklärt Weidner. "Das ist, was wichtig war für die Entscheidung. Das sind natürlich die Erzähltexte, das ist die Prosa, das sind die Romane 'Das Leben ist eine Karawanserei', 'Die Brücke vom Goldenen Horn', einige andere Bücher, aber vor allem das Letzte, 'Ein von Schatten begrenzter Raum'."

Mit dem mit 50.000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis wird Emine Sevgi Özdamar, die in Deutschland und der Türkei lebt, für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Weitere Informationen
Screenshot der Website buechnerpreis.de © buechnerpreis.de

Informative Entdeckungsreise: Neue Website zum Georg-Büchner-Preis

Ein Gespräch mit Bernd Busch von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die den Georg-Büchner-Preis seit 70 Jahren vergibt. mehr

Tanja Maljartschuk © picture alliance/dpa/Usedomer Literaturtage Foto: Sofija Rudejchuk

"Die Zerbrechlichkeit der Welt": Usedomer Literaturtage beendet

Tanja Maljartschuk hat zum Abschluss der Literaturtage den Usedomer Literaturpreis für "Blauwal der Erinnerung" erhalten. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.08.2022 | 06:40 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Romane

Lyrik