Eine Besucherin betrachtet ein Neonröhrenkunstwerk "Sex and death" von Bruce Nauman in der Kunsthalle Hamburg © picture-alliance / dpa / Stefan Hesse Foto: Stefan Hesse

Bruce Nauman ist 80: Kunst, wie ein Schlag ins Genick

Stand: 06.12.2021 23:59 Uhr

Bruce Nauman ist einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit. In rund 55 Jahren schuf er ein ebenso vielfältiges wie abgründiges Werk, das um die Widrigkeiten menschlicher Existenz kreist. Am 6. Dezember ist der US-Künstler 80 Jahre alt geworden.

Eine Besucherin betrachtet ein Neonröhrenkunstwerk "Sex and death" von Bruce Nauman in der Kunsthalle Hamburg © picture-alliance / dpa / Stefan Hesse Foto: Stefan Hesse
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von Anette Schneider

In seiner wohl bekanntesten Arbeit "Anthro-Socio" kreist auf drei Wänden und sechs Monitoren ununterbrochen ein kahler Kopf um sich selbst und ruft: "Fütter mich / iss mich - Hilf mir / schlag mich". Ebenso verstörend wie diese ist Arbeit ist sein Film "Clown-Torture", in dem sich ein Clown mit Händen und Füßen gegen einen unsichtbaren Angreifer wehrt. Im Interview mit "ARTnews" sagte Naumann 1988: "Ich habe von Anfang an versucht Kunst zu machen, die sofort voll da war. Wie ein Schlag ins Genick. Man sieht den Schlag nicht kommen. Er haut einen einfach um."

Bruce Nauman schuf Videos, Skulpturen, Performances, Rauminstallationen

Aggressiv, schockierend und beunruhigend sind die Arbeiten von Bruce Nauman, der sich nie um vorherrschende Kunstmoden kümmerte. So entstand in über fünf Jahrzehnten ein einzigartiges Werk aus Videos, Skulpturen, Performances und Rauminstallationen, das um Fragen gesellschaftlicher Macht, Gewalt und Unfreiheit kreist, und eine Art "dunkler Aufklärung" betreibt.

Er sagt: "Mein Werk entsteht aus der Enttäuschung über die conditio humana. Es frustriert mich, dass Menschen sich weigern, andere Menschen zu verstehen, und dass sie so grausam zueinander sein können. Es ist nicht so, dass ich denke, ich könnte das ändern. Aber es ist ein sehr frustrierender Teil der Menschheitsgeschichte."

Vorreiter der Performance, der partizipativen Kunst

1941 als Sohn eines Ingenieurs in Indiana geboren, hatte Nauman in Wisconsin studiert und für sein Unbehagen gegenüber den herrschenden Verhältnissen früh nach neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht. Kunstwissenschaftlerin Esther Schlich erklärt: "Er ist einer der Vorreiter der Performance, der Installationskunst, der partizipativen Kunst. Er ist innerhalb seiner Generation eine singuläre Figur, die seit den 1960er-Jahren bis heute im Grunde auch an der Darstellung des Menschen festgehalten hat", so Schlich.

Nauman, der zahlreiche nachfolgende Künstlerinnen und Künstler beeinflusste, entwickelte enge, dunkle Korridore mit Überwachungskameras, die gesellschaftliche Einengung und Zurichtung spiegeln. Als Reaktion auf die Folterregime in Lateinamerika entstanden gewaltige Rauminstallationen mit über fünf Meter langen, freischwebenden Stahlträgern, an denen brutal durchstoßene Stühle hängen - Symbole für gefolterte Menschen.

Neon-Arbeiten entlarven Zusammenhang von Macht und Sexualität

In seinen Neon-Arbeiten, die bei jedem Aufflackern ihre Bedeutung verändern, entlarvt er den Zusammenhang von Macht, Sexualität und konformem Verhalten. "Künstler zu sein bedeutet, moralische Verantwortung zu haben. Kunst soll einen moralischen Wert haben."

Bis heute hat Bruce Naumans Werk nichts von seiner Schlagkraft verloren. Obwohl seine Arbeiten oft schwer verdaulich sind, hatte er schnell Erfolg: Seit 1968 nahm Bruce Nauman mehrfach an der documenta teil, erhielt große Ausstellungen und gleich zwei Mal den Goldenden Löwen der Biennale von Venedig.

Seit Ende der 70er-Jahre lebt der Künstler zurückgezogen auf einer Ranch in New Mexico - und reibt sich weiterhin an den Misständen unserer Zeit: "Wut und Frustration sind für mich zwei Gefühle, die mich sehr motivieren. Sie treiben mich ins Studio, zwingen mich an meine Arbeit."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 06.12.2021 | 06:20 Uhr