Stand: 09.05.2022 06:00 Uhr

"Das Licht, aus dem die Träume sind": Hommage ans gute alte Kino

von Walli Müller

Regisseur Pan Nalin bezeichnet sich selbst als größten Filmfan des Universums. Mit "Das Licht, aus dem die Träume sind" ist ihm eine wunderschöne, liebevoll inszenierte Hommage an seine große Liebe - das Kino - gelungen.

35 Millimeter Zelluloid - das war einmal das klassische Kinoformat, bevor die Digitalisierung Spulen und Filmprojektoren hinwegraffte. Fürs Publikum ist es vielleicht nicht so entscheidend, wie die bewegten Bilder auf die Leinwand kommen, aber Nostalgiker wie der indische Regisseur Pan Nalin leiden schon schwer unter dem Siegeszug der modernen Technik. Er hat deshalb eine Hommage ans gute alte Kino der ratternden Projektoren gedreht.

Den allerersten Kinobesuch, das Staunen über die riesengroßen Bilder auf der Leinwand, vergisst wohl niemand. Für viele war "Bambi" oder "Heidi" der erste Film, für den kleinen Samay, der irgendwo im indischen Hinterland aufwächst, ist es ein religiöses Epos über die Göttin Kali.

Der achtjährige Samay möchte Filmemacher werden

Fasziniert folgt Samay nicht nur der Geschichte, sondern auch den tanzenden Staubkörnchen im gebündelten Lichtstrahl, der die Bilder auf die Leinwand zaubert. Danach hat der Achtjährige seine Bestimmung gefunden.

Samay: "Ich möchte später mal Filme machen."
Vater: "Jetzt halt deinen Mund! Sag das bloß nie wieder, Samay! Hast Du schon einmal gehört, dass der Sohn eines Brahmanen einen solch schändlichen Job macht? Die Filmwelt ist unanständig und verstößt gegen unsere Werte." Szene aus "Das Licht, aus dem die Träume sind"

Aber kein Verbot und kein Rohrstock können Samay davon abhalten. Er ist infiziert mit dem Bollywood-Bazillus. Er schwänzt die Schule, schleicht sich, weil er kein Geld fürs Ticket hat, heimlich in den Saal und kassiert auch dafür Prügel. Schließlich lernt er den Filmvorführer Fazal kennen, der ihn mit in sein Kabäuschen schmuggelt.

Pan Nalins Film lässt das kindliche Staunen wiederentdecken

Künftig bekommt Fazal Samays von der Mutter köstlich gefüllte Lunchbox und der Junge dafür freien Eintritt in den Vorführraum, wo er auch alles über die Projektionstechnik lernt. Und weil Samay ein schlaues, phantasiebegabtes Kerlchen ist, fängt er an, das Kino für sich neu zu erfinden.

Das sind wunderschöne, liebevoll inszenierte Szenen, die auch das Publikum ein kindliches Staunen wiederentdecken lassen. Erst experimentiert der Junge mit Schattenspielen, dann baut er mit seinen Kumpels eine Camera Obscura und schließlich aus einer alten Fahrradfelge vom Schrottplatz einen eigenen Projektor, der in einem verlassenen Haus aufgebaut wird. Filmspulen klauen sie sich einfach aus der Paketpost am Bahnhof.

Nur wollen sich die Bilder auf Mamas Tischtuch nicht zeigen. Dazu braucht es erst noch etwas Techniknachhilfe vom Filmvorführer. "Pass jetzt gut auf", sagt Fazal. "Wir haben immer das Gefühl, dass der Film nonstop durchläuft. Aber das stimmt nicht. In Wirklichkeit stoppt er und läuft dann wieder wie in Schüben. Ein Bild nach dem anderen. Und zwischen dem Licht und dem Bild hier, da gibt es eine Klappe, die zumacht, und dann kommt kein Licht raus."

Pan Nalin: "Ich bin der größte Filmfan des Universums"

"Das Licht, aus dem die Träume sind" ist ein Film über die große Liebe des Regisseurs: Das Kino. "Ich bin der größte Filmfan des Universums", sagt Pan Nalin über sich selbst. In seinem Helden findet sich viel von seiner eigenen Biografie und in den fürs Dorfkino gewählten Filmausschnitten einige seiner Lieblingswerke - von Kubricks "Odyssee im Weltraum" bis "Lawrence von Arabien" - dazu jede Menge singendes und tanzendes Bollywood.

Wer Kino liebt, dem muss das Herz aufgehen bei einem Film, der diese Kunst so feiert. Und der mit solcher Wehmut vom Verschwinden der Projektoren und Filmrollen erzählt. Das Zelluloid mag eingeschmolzen werden zu Armreifen. Das Geschichten erzählen aber bleibt! Und Pan Nalin ist hier eine besonders schöne gelungen.

Weitere Informationen
Julia Roberts und George Clooney am Set der Komödie "Ticket ins Paradies" von Regisseur Oli Parker ab September im Kino © 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.

Filme 2022: Diese Highlights liefen im Kino

Das Kinojahr bot "Im Westen nichts Neues", Neues über Batman und Hits wie "Triangle of Sadness", "Minions 2", "Mittagsstunde" und "Top Gun: Maverick". mehr

Das Licht, aus dem die Träume sind

Genre:
Cinephilgood-Drama
Produktionsland:
Indien, Frankreich
Zusatzinfo:
Mit Bhavin Rabari, Bhavesh Shrimali, Richa Meena, Dipen Raval, Paresh Mehta, Vikas Bata, u.a.
Regie:
Pan Nalin
Länge:
112 Minuten
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
ab 12. Mai 2022

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 09.05.2022 | 07:55 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Spielfilm

Will Smith hält in Los Angeles tränenüberströmt eine Rede für den Oscar als bester Schauspieler bei der Oscar-Preisverleihung ©  Chris Pizzello/Invision/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto:  Chris Pizzello

Oscars 2022: Will Smith zehn Jahre von Academy-Events ausgeschlossen

Als Folge des Ohrfeigen-Eklats bei der Oscar-Vergabe sperrt ihn die Oscar-Academy ab sofort für zehn Jahre aus sämtlichen Veranstaltungen - auch online. mehr

Julia Roberts und George Clooney am Set der Komödie "Ticket ins Paradies" von Regisseur Oli Parker ab September im Kino © 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.

Filme 2022: Diese Highlights liefen im Kino

Das Kinojahr bot "Im Westen nichts Neues", Neues über Batman und Hits wie "Triangle of Sadness", "Minions 2", "Mittagsstunde" und "Top Gun: Maverick". mehr

Peter Urban © NDR Foto: Benjamin Hüllenkremer

Urban Pop - Musiktalk mit Peter Urban

Spannende Stories, legendäre Konzerte, bewegende Begegnungen: Peter Urban hat viel erlebt und noch mehr zu erzählen. mehr

Mehr Kultur

Porträtaufnahme von Klaus Maria Brandauer. © Nik Hunger

Klaus Maria Brandauer: "Ich bin auf Dinge im Geheimen stolz"

Der Schauspieler will nicht mit seinen Filmen prahlen. Im Interview mit NDR Kultur spricht er über seine Anfänge, künstlerische Freiheit und Mozart. mehr