Eine jungen Frau (r.) und ein junger Mann stehen pitschnass im Regen - Szene aus dem Animationsfilm "Bombay Rose" © Netflix

"Bombay Rose" - eine indische Perle des Animationsfilms

Stand: 25.03.2021 06:00 Uhr

Katja Nicodemus hat eine Expedition ins Weltkino gemacht und im Sortiment von Netflix eine Perle des Animationsfilms aufgespürt: "Bombay Rose" von der indischen Regisseurin Gitanjali Rao.

Eine junge Clubtänzerin hält eine Schale auf dem Kopf - Szene aus dem Animationsfilm "Bombay Rose" © Netflix
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von Katja Nicodemus

Selten wurde man so schnell und so tief in einen Film hineingezogen, in seinen Rhythmus, seinen Groove, seine Farben, Stimmungen, Temperamente. Sein Schauplatz ist das heutige Mumbai, vormals Bombay. Seine Hauptfiguren sind zwei Schwestern: die junge Kamala und die kleine Tara. Die Ältere arbeitet als Blumenverkäuferin und finanziert der Kleinen den Schulbesuch.

Eine Frau im Sari hebt auf einer Straße mit Menschen und Tieren ein junges Schulmädchen hoch und umarmt sie - Szene aus dem Animationsfilm "Bombay Rose" © Netflix
Kamala ermöglicht ihrer Schwester Tara den Schulbesuch.

In ihrem Heimatdorf wurde Kamala - noch als Kind - mit einem wesentlich älteren Mann verheiratet. Um seine Enkelin von diesem Martyrium zu erlösen, floh ihr Großvater mit ihr und der kleinen Schwester in die Großstadt. Hier fristen die drei ihr Leben. Zwischen liebevoller Einigkeit und Vorwürfen.

"Bombay Rose" zeigt das alte Bombay der 50er-Jahre

Der Animationsfilm "Bombay Rose" von Gitanjali Raos zeigt eine gnadenlose Hackordnung, Klassengegensätze, die Willkür der Polizei. Aber auch die Solidarität unter den Armen. Etwa wenn die beiden Schwestern einen gehörlosen Straßenjungen vor den Razzien der Jugendpolizei verstecken. Zugleich ist der Film eine nostalgische Hommage an das alte Bombay, seine Atmosphäre, seine Musik. In farbenfrohen Rückblenden und Traumbildern zeigt er die Stadt in den 50er-Jahren. Mit Musik taucht er ein in die Fantasien seiner Figuren, begleitet von Traditionellen Gesängen und Liebesschlagern des klassischen Bollywoodkinos.

Hintergründe für "Bombay Rose" von Künstlern handgemalt

Eine jungen Frau (r.) und ein junger Mann stehen pitschnass im Regen - Szene aus dem Animationsfilm "Bombay Rose" © Netflix
Blumenverkäufer Salim (links) will in Mumbai ein neues Leben fangen.

60 Künstler malten in anderthalb Jahren per Hand die Hintergründe des Films. Das Ergebnis ist überwältigend: Aus pastellfarbenen Schichten steigen Mumbais Stadtpanoramen hervor, Straßenszenen verschmelzen mit alten Filmplakaten, der Sonnenuntergang glüht im Smog. Bollywoodeske Traumwelten verschwimmen mit der Wirklichkeit. Allgegenwärtig ist der Lärm der Passanten, das Gedröhne der Autos und Tuktuks. Die Straße ist auch der Lebensort von Salim, einem Blumenverkäufer aus Kaschmir. Salim ist Muslim. Aus dem umkämpften Bundesstaat ist er geflohen, um in Mumbai ein neues Leben anzufangen.

Animationsfilm entführt in Fantasiewelten

Eine junge Clubtänzerin hält eine Schale auf dem Kopf - Szene aus dem Animationsfilm "Bombay Rose" © Netflix
Durch die kunstvollen Zeichnungen und Animationen wird in "Bombay Rose" das Straßenleben der Metropole lebendig.

Salim, der Muslim und Kamala, das Hindu-Mädchen werden sich ineinander verlieben. Diese im Zentrum religiöser Spannungen stehende Liebesgeschichte bettet der Film in märchenhafte Bilder einer uralten Liebeslegende ein: In ihrer Fantasie verwandelt sich Kamala in eine Prinzessin des alten Mogulreiches. Unterlegt wird diese Fantasie von einer ausgefeilten Tonspur, die ihre ganz eigene Geschichte erzählt: In der Märchenfantasie pickt ein Specht im Urwald.  Das Geräusch geht in die Wirklichkeit über, wird zum Knattern eines Tuk Tuks. Und die erste Begegnung der Liebenden verschmilzt mit den Klängen einer Prozession auf den Straßen Mumbais.

Und was wäre dieser märchenhafte Gegenwartsfilm ohne einen richtigen Bösewicht? Ein Zuhälter will Kamala nach Dubai verkaufen. Werden Salim und Kamala gegen alle Widrigkeiten zusammenfinden? Werden sie ihre aus uralten Legenden entsteigenden Gefühle in der Realität leben können? Das ist auch eine knallhart ökonomische Frage. Aber die Legende und die Musik sind auf ihrer Seite.

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Bombay Rose

Genre:
Animation
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Indien
Regie:
Gitanjali Rao
Länge:
93 Minuten
Kinostart:
auf Netflix ab 8. März 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 25.03.2021 | 07:20 Uhr

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